Vom Fortschritt abgehängt

Ich bin schon so lange im Geschäft, dass ich mich noch daran erinnern kann, wie die Kollegen ihre Texte handschriftlich verfassten und sie ins zentrale Schreibbüro zum Abtippen brachten. Da entstanden die Manuskripte, die nach einem internen Korrekturgang physisch an die Setzerei weitergeleitet und dort erneut erfasst wurden. Das war wahnsinnig umständlich, aber so lief das eben vor 25 Jahren.

Fortschrittlichere Kollegen tippten damals auf elektrische Schreibmaschinen, und ich, die ich privat schon seit Jahren einen Schreibautomat (eine elektrische Schreibmaschine mit Bildschirm und Disketten-Speicherlaufwerk) hatte, dachte, ich sei hinterm Mond gelandet. Als gefragt wurde, wer einen PC haben wolle, habe ich 1991 begeistert „hier!“ gerufen. Dass die mir das Gerät ohne Vorankündigung auf den Tisch stellen und wieder verschwinden würden, konnte ich ja nicht ahnen. 😀 Ich hatte gerade noch die Chance, meine Manuskripte unter der Kiste vorzuziehen. „Da ist der Einschaltknopf und da die Maus. Auf Wiedersehen.“ Das war die ganze Einführung, die ich erhielt. Man erwartete, dass ich von jetzt auf gleich wusste, wie ich mit dem PC umzugehen hatte und meine Arbeit nahtlos termingerecht mit der neuen Technik erledigen würde. Zum Glück hatte ich drei Kollegen in der Nähe, die schon ein bisschen mehr wussten als ich. Vor allem die Kollegin, die mit einem IT-Experten verheiratet war, war mir eine große Hilfe. („Da frag ich heut Abend meinen Mann!“).

Ich wurstelte mich durch und es machte mir Spaß, täglich etwas Neues zu entdecken. Dass ich herausfand, wie man Zugriff auf die Rechner der Kollegen bekam, war nicht allen recht. Meine Erkenntnis, dass wir beileibe nicht nur konzernintern e-mailen konnten, wie man uns weismachen wollte, sondern dass wir mit dem „richtigen“ Internet verbunden waren, empfand man als durchaus angenehm.

Dass nicht sämtliche Kollegen PC-Fans waren und die Ankündigung, dass sich alle auf den Computer umstellen müssten und das Schreibbüro aufgelöst würde, zu Ängsten und sogar zu einem Nervenzusammenbruch führten, konnte ich damals nicht nachvollziehen.

Als 1996 die Frage im Raum stand, wer von den Textern auf Mac umstellen wollte, rief ich wieder „hier!“. Mittlerweile war man dahintergekommen, dass eine zweistündige Einführung wirtschaftlicher war als jeden Mitarbeiter in Eigenregie so lange wursteln zu lassen, bis er das neue System kapiert hatte, und so gar es eine Schnellbleiche für den Umgang mit dem Mac und dem Programm QuarkXPress. Es war schon eine Umstellung, aber ich habe die neuen Möglichkeiten geliebt und wieder nicht begriffen, warum manche Kollegen Schiss vor dem neuen Computer hatten und die Umstellung nur unter Schwierigkeiten schafften.

Neue Programme, neue Arbeitsweisen, neue Features, neue Möglichkeiten … ich war immer bei denen, die alles als erste ausprobieren wollten und durften. Rückhaltlos begeistert war ich nicht von allem. Vieles diente ja nicht unserer Arbeitserleichterung, sondern der Verlagerung bisher externer Tätigkeiten nach innen. War ich früher nur für den textlichen Inhalt zuständig gewesen, verbrachte ich nun meine Arbeitszeit zusätzlich mit Druckvorlagenherstellung. Ich schrieb die Texte nicht nur, ich fummelte sie auch noch passgenau ins Layout.

Als wir nach 12 Jahren von QuarkXPress auf InDesign umstellten, tat ich mich schwer. Beim alten Programm wusste ich, wo ich hinlangen musste, beim neuen fing ich bei Null an und musste vor jedem Handgriff überlegen oder gar nachfragen. Das war bei dem Arbeitspensum, das wir mittlerweile zu bewältigen hatten, eine enorme Belastung. Zwei Stunden Schnellbleiche sind kein Ersatz für 12 Jahre Erfahrung, hätten es aber sein müssen, um alles pünktlich auf die Reihe zu kriegen. Ich sah kein Land mehr und saß manchmal heulend vor dem Computer.

Es dauerte zwei Jahre, bis ich mit InDesign vernünftig umgehen konnte und die Vorteile dieses Programms schätzen lernte. Bei dieser Umstellung hatte ich erstmals ein Gefühl der Überforderung gehabt und konnte jetzt die älteren Kollegen verstehen die bei vorangegangenen Neuerungen Probleme gehabt hatten. Mittlerweile war ich 50+ und ja selber eine der älteren.

Es geht mir immer häufiger so, dass ich das Gefühl habe, mit der technischen Entwicklung nicht Schritt halten zu können. Als Handymuffel komme ich schon mit meinem Kaffeeröster-Handy nicht mit. Der Gatte hat’s mir damals gekauft und nur er hatte meine Nummer. Wenn ich es zehnmal im Jahr gebraucht habe, war es viel. Noch nie habe ich eine SMS verschickt und wusste bis vor wenigen Tagen nicht mal, wie man eine eingegangene Textnachricht abruft. Wie man die Prepaid-Karte auflädt, musste ich erst ergooglen. Das hat er immer gemacht. Jetzt muss ich zu einer Kaffeerösterfiliale rennen und eine Karte kaufen. Online kann ich das Guthaben nicht aufladen, ich kenne das benötigte Passwort nicht. Ja, ja, ich weiß: Man soll sich nie auf den Partner verlassen. Wenn der plötzlich stirbt, stehste da.

Mir graut vor dem Gedanken, dass das Handy mal kaputtgehen könnte und ich mir ein teures Smartphone kaufen muss, weil es keine anderen mehr gibt. Da werde ich, um telefonieren zu können, erst mal ein Aufbaustudium brauchen … für einen Anruf pro Monat. Da stehen Aufwand und Nutzen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr.

Ich bin schon mit dem Tablet-PC nicht klargekommen, den mein Mann noch kurz vor seinem Tod gekauft hat. Ich habe weder Zeit noch den Nerv, mich da monatelang einzufuchsen. Im Moment habe ich ausreichend damit zu tun, jetzt auch noch den technischen Teil des familieneigenen Immobiliengeschäfts zu bewältigen. Ich war immer nur der Kaufmann und bin jetzt über Nacht auch die Herrin über Rauchwarnmelder, Beleuchtung, Fernbedienungen für Tiefgaragentore, diverse Heizungssysteme, Dachrenovierungen, EU-Normen, Wasseruhren, Gartenzäune und hastenichtgesehn geworden. Mein Leben ist kompliziert genug.

Auch mit dem E-Reader kann ich mich nicht anfreunden. Ich war mit der bisherigen Technik, Bücher zu lesen, durchaus zufrieden: Deckel auf, lesen, Deckel zu, fertig. Mit dem Reader müsste ich mich erst befassen. Aber siehe oben: Keine Zeit, keinen Nerv, keine Motivation. Was an einer neuen Methode besser ist als an der alten, merke ich ja immer erst, wenn ich die neue Technik beherrsche. Aus Jux und Dollerei umzulernen wie in jüngeren Jahren, dazu fehlt mir inzwischen allerdings die Energie.

Jetzt kommen sicher gleich wieder die Klugschnacker um die Ecke und sagen, ich solle doch bitte nicht meine eigene Rückständigkeit feiern. Das tu ich gar nicht. Ich bedauere ja selbst, dass alles so gekommen ist. Ich verlange nicht, dass der Fortschritt meinetwegen langsam tut. Ich verdamme die aktuellen Medien nicht als Teufelszeug, das den Untergang des Abendlands verursachen wird. Ich sage nur, wie es ist: Irgendwann verdrießt es einen, jeden neuen Techniktrend voller Enthusiasmus mitzumachen. Das habe ich bei meinem Vater gesehen, der, solange er berufstätig war, jeden neuartigen technischen Firlefanz heimbrachte, doch in reiferen Jahren das Interesse und den Anschluss an den Entwicklungen verlor. Dasselbe beobachte ich auch bei mir. Und ich fürchte, irgendwann im Leben kommt jeder an diesen Punkt, an dem er sich überfordert und vom Fortschritt abgehängt fühlt. Denkt an mich.

Foto: (c) Harald Wanetschka / pixelio.de
Foto: (c) Harald Wanetschka / pixelio.de

Foto: Harald Wanetschka / www.pixelio.de

2 Kommentare

  1. ja, ja, ein bißchen kann ich Dich verstehen. Mein Mann hat sich letztens ein Smartphone zugelegt und denkste vielleicht wir hätte ein Gespräch annehmen können. Wir tippten immer nur auf den grünen Hörer, so wie wir es vom normalen Handy her gewohnt sind. Das man tippen und wischen muß, hat einem niemand gesagt. Und mein Mann fragt unsere Tochter um Rat, wenn es was mit dem Handy wissen will. Die Jugend kann es – die nächste Generation wird sowieso mit dem Handy am Ohr geboren.

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