Beate Rösler: Die Reise des Elefantengottes – Roman

Beate Rösler: Die Reise des Elefantengottes, Berlin 2014, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3085-4, Softcover 350 Seiten. Format: 11,5 x 19 x 2,3 cm, Buch: EUR 9,99, 14,90 Sfr, Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: (c) Aufbau Verlag
Abbildung: (c) Aufbau Verlag

Priyanka Sommer, 39, ist die Tochter des deutschen Journalisten Karl Weber und der indischen Literaturprofessorin Asha Gupta Weber. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin, arbeitet als freiberufliche Übersetzerin und hat dabei ihre Leidenschaft für Gebrauchsanweisungen entdeckt. Ihr Mann Marc führt ein Restaurant, ihr gemeinsamer Sohn Felix studiert.

Die meisten Leute kennen Priyanka nur als „Bianca“. Diese Vereinfachung hat mal eine überforderte Grundschullehrerin aufgebracht. Priyanka ist es egal. Mit ihrem indischen Erbe verbindet sie ohnehin nichts. Ihre Mutter Asha ist die einzige Überlebende einer Familie aus Delhi, die in den 60er Jahren durch eine Epidemie ausgelöscht wurde. Nie hat sie von ihrer Jugend und ihre Familie gesprochen. Sie hat Indien auch nie wieder besucht.

Als 19jährige hatte Asha den Journalisten Karl geheiratet und war ihm in seine Heimat gefolgt. Alles was ihr aus ihrer Zeit in Indien geblieben ist, ist ein Familienfoto, ein gelber Sari und ein Steinfigürchen des Elefantengotts Ganesha, zu dem sie manchmal in Hindi betet.

Seit Karls Unfalltod vor 25 Jahren ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter noch schwieriger geworden. Die 14-jährige Priyanka hat damals keine Zeit zum Trauern gehabt, weil sie sich um ihre depressive Mutter kümmern musste. Von heute auf morgen hat sie die Erwachsenenrolle am Hals gehabt und kein Mensch hat sich je dafür interessiert, wie sie mit Verlust ihres Vaters fertig wird.

In dieser Zeit wurde aus dem fröhlich plappernden Teenager ein zurückhaltender Kontrollfreak. Und das ist Priyanka noch heute. Ihren Mann macht das wahnsinnig. Besonders beglückend ist ihre Ehe sowieso nicht mehr. Die beiden gehen einander zunehmend auf die Nerven. Trotzdem schenkt Marc seiner Frau zum Geburtstag eine zweiwöchige Reise nach Delhi. Wenn ihr schon keiner was von der Heimat ihrer Mutter erzählt, soll sie sich wenigstens selbst ein Bild davon machen können. Mitreisen will er auf gar keinen Fall. Vielleicht, denkt Priyanka, ist er ganz froh, wenn er sie eine Weile nicht ertragen muss.

Im Flugzeug lernt Priyanka den indischen Ingenieur Kiran kennen, der in den USA lebt und zu einer Hochzeit nach Delhi fliegt. Sie bleiben in Kontakt. Durch ihn lernt sie Maya kennen, die ein Kinderheim leitet. Priyanka ist beeindruckt von der jungen Frau und ihrer Arbeit und bietet spontan ihre Hilfe an. Ihr Rückflugticket lässt sie verfallen – daheim vermisst sie sowieso niemand – und ihre Übersetzungsarbeit kann sie überall ausüben, wo sie einen Computer mit Internetanschluss hat. Sie bleibt einfach ein halbes Jahr in Indien.

Als Priyanka in Mayas Freundeskreis die Geschichte ihrer Mutter erzählt, stößt sie auf Skepsis. Es gab gar keine verheerende Epidemie in dem Zeitraum. Hat Asha gelogen? Leben ihre Angehörigen vielleicht noch? Aber warum hat sie dann all die Jahre den Kontakt verweigert? Wegen ihrer Ehe mit Karl?

Maya glaubt zu wissen, in welchem Viertel das Familienfoto aufgenommen wurde, und ein alter Handwerker erkennt tatsächlich im Bildhintergrund eine seiner Arbeiten. Jetzt weiß Priyanka also, wo ihre Familie früher gewohnt hat. Ob es da noch jemanden gibt, der sich an Asha erinnert?

Als Priyanka das Haus sieht, wird ihr schlagartig klar, dass die Albträume, die sie ihr Leben lang quälen, einen realen Hintergrund haben. Sie muss als Kind schon einmal hier gewesen sein! Dieser Sache will sie unbedingt auf den Grund gehen. Und ein weiteres Problem hält sie davon ab, nach Deutschland zurückzukehren: Im Kinderheim ist sie auf geschäftliche Unregelmäßigkeiten gestoßen. Ob Maya davon weiß? Die ist aber gerade in Mumbai, und am Telefon bespricht sich sowas schlecht.

Weil Priyanka klar ist, dass ihr Visum bald abläuft und sie nicht mehr viel Zeit hat, versucht sie, die Klärung aller offenen Fragen zu forcieren. Das ist keine gute Idee …

Es ist sehr interessant zu sehen, wie Priyanka sich verändert, als sie Kontakt zu ihren Wurzeln bekommt. Da ist wohl einiges an Stärken und Eigenschaften durch ihre Lebensumstände verschüttet worden. Wenn sie von der lebendigen, relativ gelassenen und kommunikativen „indischen“ Priyanka etwas in ihren Berliner Alltag hinüberretten könnte, hätte vielleicht auch ihre Ehe noch eine Chance. Die Frage ist, ob Priyanka das überhaupt noch will.

Ob sie jemals die ganze Wahrheit darüber erfahren wird, warum ihre Mutter damals Indien Hals über Kopf verlassen hat? Wir LeserInnen wissen mehr als die Heldin, weil in ihre Geschichte immer wieder kleine Rückblicke auf Ashas Leben eingestreut werden. Die sind allerdings nicht vollständig und auch nicht konsequent chronologisch angeordnet. Sie beginnen im November 1968 mit Ashas Flug nach Deutschland. Warum Asha nicht in Indien bleiben konnte und nie wieder zurückzukehren wagte, erfahren auch wir erst ganz zum Schluss.

Wie wird wohl Priyanka reagieren, wenn sie die ganze Geschichte hört? Kann sie mittlerweile „indisch“ genug denken, um die Beweggründe ihrer Mutter zu verstehen? Oder wird sie die Augen verdrehen und sagen: „Ach, Mutti, das hättest du uns wirklich längst mal erzählen können!“ Andere Kulturen, andere Bewertung der Ereignisse.

Die Autorin hat mehrere Jahre in Neu-Delhi gelebt und das spürt man. So wie sie uns Einblick in Kultur, Politik und Geschichte gibt, ist es klar, dass sie sich das nicht alles nur angelesen haben kann. Und so reisen wir unter kundiger Führung ein bisschen mit ins Indien der 60er- und 80er-Jahre und der Gegenwart.

Man sieht, dass sich in der Zeit vieles verändert hat. Asha würde ihre Heimat kaum mehr wiedererkennen. In einem Interview mit dem Aufbau-Verlag sagt die Beate Rösler: „Vor allem meine Kolleginnen am Goethe-Institut in Neu Delhi, wo ich Deutsch unterrichtete, aber auch meine Studentinnen und Studenten haben mir Indien näher gebracht. Zukunftserwartungen, die Bedeutung der Großfamilie, die Stellung der Frauen und damit die Rollenbilder – die Gesellschaft ist im Wandel, zumindest in der großstädtischen Mittelschicht. Aber das sind bei 1,2 Milliarden Menschen ja auch schon recht viele.“

Die Frauen in diesem Roman haben ihre Probleme und biographischen Beschädigungen. Das gilt nicht nur für Priyanka und ihre Mutter. Sie tun, was sie für angebracht halten, doch dabei gibt es beträchtliche „Kollateralschäden“. Die Männer zeichnen sich vor allem durch rücksichtslosen Egoismus aus. Bis auf Karl, und der ist schon seit 25 Jahren tot.

Mit Spannung verfolgt man, wie Priyanka sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Mutter macht und nach und nach die Familiengeheimnisse enthüllt. Den Kulturschock, den Asha vor 40 Jahren erlebt hat, als sie nach Deutschland kam, erlebt ihre Tochter jetzt unter umgekehrten Vorzeichen in Indien. Was sie dort erlebt, das verändert sie und ihre Familie für immer.

Die Autorin
Beate Rösler, geboren 1968 in Essen, studierte Romanische Sprachen und Berlin und arbeitet heute als Deutschlehrerin am Goethe-Institut in Frankfurt/Main. Von 2005 bis 2009 lebte sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Neu Delhi, wo sie indische Studenten unterrichtete. DIE REISE DES ELEFANTENGOTTES ist ihr erster Roman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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