Räumungsverkauf

Ei, wer hätte das gedacht? Der sündhaft teure Laden mit den schrillen Teenie-Klamotten, der praktisch nie geöffnet hatte, wenn man dort vorbeikam, hat Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe! Wie lange hat er sich jetzt in dieser Seitenstraße gehalten? Ein Jahr? Anderthalb? Doch so lang …

Seit rund 40 Jahren verfolge ich mit Interesse, welche Geschäfte am Ort eröffnen und welche wieder verschwinden. Als Teenager beobachtete ich das, weil sonst bei uns auf dem Dorf nicht viel los war. Außerdem gingen bei meiner Mutter die Geschäftsfrauen der Gemeinde ein und aus und erzählten eine Menge. Das Thema „lokaler Einzelhandel“ war daheim immer irgendwie präsent.

Mit Mitte 20 hatte ich beruflich mit dem Bund der Selbständigen einer Nachbargemeinde zu tun und habe mich schon allein deshalb mit dem Thema befasst. An meinem jetzigen Wohnort habe ich die „Langzeitbeobachtungen“ aus alter Gewohnheit beibehalten. Ich bin hier zur Schule gegangen und habe Freunde und Verwandte am Ort, die mit dem einen oder anderen Geschäft beruflich verbandelt waren. Da kriegt man ganz automatisch mit, was sich da tut.

Mit der Zeit konnte ich kommende Pleiten schon bei der Eröffnung riechen. Dazu brauche ich kein Geschäftskonzept und keinen Businessplan zu sehen. Ich irre mich dabei selten. Gut, persönliche Tragödien wie die Trennung des Inhaber-Paars, Krankheit oder Todesfälle kann ich natürlich nicht voraussehen. Aber dass man in einer dörflich geprägten Kleinstadt keine zwei Wäschegeschäfte im Abstand von 200 Metern brauchen kann, sagt mir mein gesunder Menschenverstand – und die Erfahrung.

Abgelegene Klamottenläden ohne Parkplatz und ohne Chance auf Laufkundschaft sind ebenso eine Schnapsidee wie eine Kunstgalerie in einem Sträßchen, in dem nur Anwohner und Friedhofsbesucher vorbeikommen. Das kann kein Brüller werden. Das Kurzwarengeschäft mit dem grantigen Verkäufer war sogar schneller wieder verschwunden als ich vermutet hatte. Der Typ war die absolute Pest. Wenn man reinkam, war er nur am Jammern, wie schlecht es im ginge, weil alle Leute ihren Kram in Stuttgart kaufen. Das hab ich mir ein paarmal angetan, dann hat es mir gereicht. Dreimal dürft ihr raten, wo ich beim nächsten Mal mein Nähgarn, Knöpfe und Reißverschlüsse geholt habe! Wer kein freundliches Gesicht hat, soll keinen Laden aufmachen, sagen angeblich die Chinesen. Recht haben sie!

Dem teure Teenieklamottenladen, der jetzt zugemacht hat, habe ich von vornherein keine Chance gegeben. An ebendiesem Standort haben schon ein halbes Dutzend andere Geschäfte davor auf- und wieder zugemacht: Fahrschule, Geschenke, Tee, Damenoberbekleidung, Computer … auch die Lohnsteuerhilfe hat da mal residiert. Wenn sich denn mal ein Kunde in diese Seitenstraße verirrt hat, dann hatte der Klamottenladen garantiert geschlossen.

Nun bin ich auch nicht gescheiter als andere Menschen. Wenn mir von vornherein klar ist, dass das so nichts werden kann, warum sehen das die Beteiligten dann nicht? Wer plant sowas? Und wer gibt diesen Leuten Kredit? Ich begreife das nicht!

Ein anderes Ladengeschäft am Ort gab mir viele Jahre Rätsel auf. Auch dieses liegt abseits der Haupteinkaufsstraße, bietet Damenoberbekleidung und Accessoires an und hat sehr unkomfortable Öffnungszeiten. Trotzdem hält es sich schon seit – ich weiß nicht – zehn oder fünfzehn Jahren. Wie macht die Inhaberin das nur? Vor 25 Jahren ist ein Geschäft mit ähnlichem Konzept in einer besseren Lage ruckzuck pleite gegangen. Bei einer Veranstaltung bin ich dann mal mit der Inhaberin ins Gespräch gekommen. „Ach, wissen Sie“, sagte sie zu mir, „Der Laden muss nicht viel erwirtschaften. Er ist nur mein Hobby.“

Ja dann!

Sollte man jedoch nicht von Haus aus vermögend sein und von den Erträgen aus dem eigenen Laden leben wollen, wäre es schon gut, wenn die Geschäftsidee nicht allzu weltfremd wäre.

Graphik: ©  Maik Schwertle / pixelio.de
Graphik: © Maik Schwertle / pixelio.de

Graphik: © Maik Schwertle / www.pixelio.de

2 Kommentare

  1. Edith, klasse! Ich wunder mich hier immer, was sich für Läden halten. Das Kittelschürzengeschäft z. B. gibt es schon seit vielen, vielen Jahren. Dafür schließen andere Geschäfte kaum, dass sie eröffnet haben. Vielleicht ist das eine Möglichkeit der Geldwäsche 😉 ?

  2. Krumme Geschäfte hat meine Mutter auch immer vermutet, wenn sich entgegen aller Wahrscheinlichkeit ein Laden hielt: „Wer weiß, was die im Hinterzimmer verkaufen …?“

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.