Hermien Stellmacher: Cottage mit Kater – Roman

Hermien Stellmacher: Cottage mit Kater, Berlin 2015, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-36088-9, Softcover, 253 Seiten, Format: 11,9 x 2 x 19 cm, Buch: EUR 8,99, Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) Insel Verlag
Abbildung: (c) Insel Verlag

Die Berliner Autorin Nora Beck, 48, hat schwere Zeiten hinter sich. Nach Jahren der Krankheit ist kürzlich ihre Mutter verstorben. In der Zeit, in der es ihr so schlecht ging, hat Nora sich manchmal wie eine Gefangene gefühlt – sie war ständig in Reichweite des Krankenbetts. Und statt dass ihr Lebensgefährte Thomas sie unterstützt hätte, hat er sich, kaum dass es schwierig wurde, vom Acker gemacht.

Nora braucht Tapetenwechsel
Natürlich gingen Noras Buchprojekte in dieser Phase nur schleppend voran. Vor allem ein Krimi macht ihr Sorgen. Der Abgabetermin wurde ihr zuliebe schon mehrfach verschoben, aber jetzt drängt die Zeit. Das Problem ist, dass der Verlag kurz vor Schluss ein Jugendbuch daraus machen möchte. Das heißt: eine andere Lektorin, andere Vorgaben, das Romanpersonal verjüngen, Plot umstricken. Das erweist sich als unerwartet schwierig. Die Hauptfigur der Geschichte muss zwingend ein Antiquar sein und die sind nun mal keine Teenager. Wie Nora die Story auch dreht und wendet, sie funktioniert einfach nicht. Wenn sie das umsetzt, was die Lektorin will, erfindet sie etwas neu, das es in der deutschen Medienlandschaft schon lange gibt: einen griesgrämigen mittelalten Antiquar, der sich in Kriminalfälle zu verstricken pflegt und eine(n) junge(n) Verwandte(n) an seiner Seite hat – Wilsberg.

Um den Kopf freizukriegen, wäre ein Tapetenwechsel nicht schlecht. Da kommt es Nora sehr gelegen, dass ihr britischer Kumpel Paul für ein paar Monate nach Kanada geht und ihr anbietet, in der Zeit seiner Abwesenheit sein Cottage in Cornwall zu hüten. Nora muss nicht lange überlegen. Der Nachlass ihrer Mutter ist geregelt, für deren zickige Siamkatze Aruscha hat sie ein gutes neues Zuhause gefunden – sie ist also nicht mehr an Berlin gebunden. Dann auf nach Cornwall!

Als sie endlich ankommt, ist Paul schon weg. Der Schlüssel zum Cottage ist, wenn Nora alles richtig verstanden hat, bei seinem Nachbar und Exfreund Phil Benning hinterlegt. Der ist Kameramann und wird dringend an einem Drehort erwartet. Entsprechend ungehalten ist er über Noras verspätete Ankunft und empfängt sie ausgesprochen pampig. Das fängt ja schon gut an!

Ein Kater schmuggelt sich ins Haus
Mit Noras Vorsatz „Keine Verantwortung für irgendwas oder irgendwen“ scheint es auch nichts zu werden. Am zweiten Tag schon rettet sie ein schwarzweißes Jungkaterchen vorm Sturz über eine Klippe. Fortan weicht das Tier ihr nicht mehr von der Seite. So oft sie den Kater auch vor die Tür setzt, er findet immer wieder einen Weg ins Haus. Also darf er bleiben, bis sich seine rechtmäßigen Besitzer auf ihre Plakataktion hin melden. Bald kriegt er seine Mahlzeiten nicht mehr im Geräteschuppen, sondern in der Küche. Als er ein Bett auf Noras Schreibtisch bekommt und den Namen „Smuggler“, ahnt man schon, dass es ihr nicht so leicht fallen wird, sich wieder von ihm zu trennen.

Smuggler hält Nora durch seine Faxen zwar von der Arbeit ab, ist aber andererseits auch eine Inspiration. Herrlich, wie sie seine Auseinandersetzung mit den Nachbarskatern in eine Krimiszene umwandelt! Und wie sie mit einer nicht mehr benötigten Romanfigur ein fiktives Kündigungsgespräch führt, ist auch zu köstlich! Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man die Personen, die man als Autor geschaffen hat, nicht einfach so mit lockerer Hand in den Orkus schicken kann. Man hat ja monatelang mit ihnen gelebt und gelernt, die Welt mit ihren Augen zu sehen: „Das würde Walter gefallen.“ – „Dazu würde Ben jetzt sagen …“.

Als Leser begleitet man die sympathische und unkomplizierte Nora gerne bei ihrem Start in ein neues Leben, leistet mit ihr Trauerarbeit und sieht fasziniert zu, wie sie mit ihrem Romanmanuskript ringt. So nah ist man bei der Entstehung eines Manuskripts ja sonst nie dabei.

Katastrophen im Anmarsch
Man freut sich, dass Nora so langsam wieder ins Leben zurückfindet. Gleichzeitig sieht man zweierlei kommen: dass sie sich zu sehr an den kleinen Kater gewöhnt, der ja anderswo ein Zuhause haben muss – und dass sie sich nach und nach an in ihren Nachbarn, Philipp Benning, verguckt. Wenn der gerade nicht im Stress ist, ist er nämlich ein richtig netter Kerl. Da er Ahnung von Dramaturgie hat, kann er Nora sogar ein bisschen bei ihrem Roman helfen. Er versteht sich bestens mit ihrem Kater – und gut kochen kann er auch. Aber leider, leider steht er ja auf Männer!

O je, denken wir, das gibt die nächste Bauchlandung für die arme Nora! Zu allem übel taucht aus heiterem Himmel ein Exfreund von ihr auf: Ralf, ein Angeber und Dummschwätzer vor dem Herrn, den sie seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Er hat seinen Job verloren, ist daheim rausgeflogen und quartiert sich jetzt rotzfrech bei ihr ein. Das passt weder Nora noch dem Kater in den Kram – und auch nicht Phil.

Als dazu noch schlechte Nachrichten aus Deutschland kommen, fragt man sich, wie Nora jemals wieder auf die Beine kommen soll. So viel Pech hat kein Mensch verdient! Aber manches ist vielleicht nicht gar so übel wie es auf den ersten Blick aussieht. Nicht umsonst ist dem Buch der Spruch vorangestellt: „Die besten Dinge passieren dann, wenn man nicht das bekommt, was man sich vorstellt.“ (Michel de Montaigne)

„Frau mit Katze schreibt einen Roman“ – mehr passiert im Grunde nicht in diesem Buch. Hermien Stellmacher schafft es aber trotzdem, dass man gespannt dabeibleibt und unbedingt wissen will, wie das nun ausgeht mit dem Kater, dem Nachbarn, dem nervigen Ex und dem störrischen Manuskript.

Cornwall ohne Kitsch
Auch wenn die Geschichte im wunderschönen Cornwall spielt, hat COTTAGE MIT KATER mit den weltfremden und kitschigen Fernsehfilmen rein gar nichts gemeinsam. Noras Sorgen und Probleme sind sehr nahe an der Realität. Wer weiß, wie es ist, wenn das gesamte Leben nur noch um einen todkranken, pflegebedürftigen Angehörigen kreist, wird sich mit ihr identifizieren können. Dass sie jedes Mal vor Schreck erstarrt, wenn das Telefon klingelt, weil das in den vergangenen Jahren unweigerlich eine Hiobsbotschaft bedeutete, ist so ein Detail, das vielen Betroffenen vertraut sein dürfte. Dass die Geschichte trotzdem viele heitere Momente hat, haben wir nicht zuletzt Kater Smuggler zu verdanken. Wenn einen so ein Tierchen mit Charme und Raffinesse um die Pfote wickelt, kann man einfach nicht auf Dauer traurig bleiben.

Film: Die Autorin stellt ihr Buch vor. Weitere Informationen gibt es auf der Verlagsseite: http://www.suhrkamp.de/buecher/cottage_mit_kater-hermien_stellmacher_36088.html

Die Autorin
Hermien Stellmacher, geboren 1959, wuchs in Amsterdam auf. Im Alter von 15 Jahren zog sie nach Deutschland. Sie illustrierte zahlreiche Kinder- und Jugendbücher. Seit einigen Jahren schreibt sie hauptsächlich für Erwachsene, zum Teil unter dem Pseudonym Fanny Wagner. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katern in einem kleinen Dorf in der Fränkischen Schweiz.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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