Helge Timmerberg (Text), Frank Zauritz (Fotos): Timmerbergs Tierleben

Helge Timmerberg (Text), Frank Zauritz (Fotos): Timmerbergs Tierleben, Münster 2015, Solibro Verlag, 978-3-932927-28-7, Softcover, 143 Seiten, über 50 Farbaufnahmen, Format: 14,6 x 1,2 x 21,1 cm, Buch: EUR 16,00.

Abbildung: (c) Solibro-Verlag
Abbildung: (c) Solibro-Verlag

„Würden Paviane den ‚Playboy‘ machen, hätten wir ein Heft mit den hässlichsten Ärschen der Welt.“ (Seite 73)

Einen Monat lang sind der Autor und der Fotograf durch die Tierparks gezogen und haben sich pro Tag einer bestimmten Tierart gewidmet. Sie haben sich vors Gehege gesetzt, das Tier gründlich studiert, haben das Pflegepersonal befragt und die tollsten Geschichten zu hören bekommen. Nicht nur über die Besonderheiten der jeweiligen Tierart, sondern auch über die verschiedenen Tierpersönlichkeiten, ihre Macken und Eigenheiten. Der Autor stellt fest: Pfleger reden über ihre Tiere manchmal wie Mütter über ihre Kinder. Zu guter Letzt hat Timmerberg im Internet recherchiert und die eigenen Beobachtungen und Erkenntnisse mit Fakten, Zahlen und Erlebnisberichten angereichert.

„Mit dem vorliegenden Buch eröffnen die Autoren (…) eine ganz außergewöhnliche, aber zutreffende Perspektive auf Zoobewohner. Mit ausgefallenen Ansichten und Geschichten lassen sie uns teilhaben an überraschenden Situationen und zeigen uns ausgewählte Tiere in verblüffenden Momentaufnahmen“, bescheinigt Professor Heinz Sielmann in seinem Grußwort (Seite 9). Begleiten wir also Timmerberg und Zauritz auf einen Zoobesuch der etwas anderen Art!

Ob Hornfisch Heinz – der mit der langen Nase – wohl weiß, dass er in Gefangenschaft ist? Oder wähnt er sich irgendwo in der Karibik? Und ob der Handwerker, der bei der Dachreparatur des Krokodilhauses vom Gerüst gefallen und auf den Beckenrand gestürzt ist, auch nur ahnt, wie viel Glück er hatte? Wäre Alligator Eugen im entscheidenden Moment nicht satt, faul oder unaufmerksam gewesen, wäre der gute Mann nicht mit einem simplen Schlüsselbeinbruch davongekommen!

Die Tigerin ist unterfordert
Auch wenn der Autor die Zoos als eine Art Arche Noah für bedrohte Tierarten ansieht, kann einem die prächtige Amurtigerin Piroschka leidtun. Natürlich wird für sie nach allen Regeln der Kunst gesorgt, aber ein Tier, dem in der Natur ein Territorium von 1.000 Quadratkilometern zur Verfügung steht, in dem es bis zu 60 km pro Tag zurücklegt, ist natürlich in einem Zoogehege unterfordert und gelangweilt – und wenn es dort noch so schön ist.

Warum der fotogene Königsgeier Hans-Peter und seine Gattin keinen Nachwuchs haben, fragt sich nicht nur Timmerberg. Irgendwie haben die zwei mehr Geier Freude am Posieren als am Poussieren. Ob der aus San Diego stammende Hans-Peter nicht auf Frauen steht? – Warum sind Pinguine so beliebt? Und was hat ihre Vorfahren dazu bewogen, vom Land ins Wasser zu ziehen? Es ist ja schon ein bisschen sonderbar: Ein Vogel, der lieber schwimmt als fliegt! – Nicht ganz jugendfrei sind die Betrachtungen über Eisbär Lars und seine Damen. Und auch den Beitrag über Leopold, die Riesenschildkröte, würde man nicht unbedingt seinen Kindern zu lesen geben. Er trägt nicht umsonst den Untertitel „Paarungsverhalten von Baumaschinen.“ 😉

Bisons ohne Bremse
Wir erfahren, warum der Vogel Strauß „die dümmste Kreatur in ganz Hagenbeck“ ist. Wenn Hühner oder Flamingos ein bisschen dämlich sind, ist das ja nicht weiter tragisch. Aber wenn so ein Riesentrumm wie ein Strauß angriffslustig auf einen zurast, weil er Freund nicht von Feind unterschieden kann, dann ist das nicht mehr komisch. Auch die Gefährlichkeit von Zebras und Warzenschweinen wird oft unterschätzt. Und Bisons. Die wurden nämlich ohne Bremse gebaut.

Aras sind treue Partner, schlechte Flieger und haben eine Stimme wie eine Schlagbohrmaschine. Dass Paviane ein anderes Schönheitsideal haben als wir, ihre Mitprimaten, haben wir ja schon eingangs festgestellt. Stichwort: Playboy. Sie finden nun mal bei ihren Weibchen rote, geschwollene Hinterteile toll. Allerdings frage ich mich, ob der Homo sapiens diesbezüglich wirklich so himmelhoch über dem Pavian steht. Manche übertrieben aufgespritzten Lippen von Schauspielerinnen und Society-Damen sind optisch und ästhetisch schon recht nah am roten Affenarsch.

Krasse Geschichten über flauschige Tiere
Krasse Geschichten gibt’s über die flauschigen Alpakas zu erzählen. Und wer hätte gedacht, dass Gorillas Vollbärte hassen und Orang-Utans wahre Meisterdiebe sind, vor denen man als Besucher Brillen, Schnürsenkel und sogar Hörgeräte in Sicherheit bringen muss? – Auch wenn Mabarre, der Löwe, 22 Stunden am Stück faul abhängt … kann er wirklich nicht über den 7 Meter breiten Wassergraben springen? Dass er mit einem einzigen Prankenschlag Zebra, Warzenschwein, Gazelle oder Mensch erledigen kann, das weiß man ja aus dem Fernsehen.

Wir lernen, dass ein Flusspferd so viel wiegt wie drei Schulklassen und dass die Anti-Hippo-Pille so groß wie ein Pfannkuchen ist. Will man denn keine kleinen Flusspferdchen im Zoo? Doch, schon – aber keine Inzucht! Flusspferde haben da nämlich keine Hemmungen. Die Familiengeschichte der Hippos im Zoo Berlin ist diesbezüglich wirklich gruselig. Sodom und Gomorra!

Wir begegnen geheimnisvollen Seedrachen, neugierigen Ottern, einem launischen Nashorn, Walrössern, Giraffen und noch so einigen anderen Zoobewohnern. Wir hören erstaunliche Geschichten von einer Muräne, die einen Schatz bewacht, von betrunkenen Elefanten, die zur Landplage werden und von einsamen Wölfen. Sogar für den allgegenwärtigen Spatz ist Platz in dieser Sammlung amüsanter, informativer – und nicht immer ganz stubenreiner – Zoogeschichten.

Ungewöhnliche Perspektiven
Und so, wie der Autor beim Erzählen eine ungewöhnliche Perspektive einnimmt, tut dies auch der Fotograf: Man sieht den Strauß von hinten, die Giraffe von oben und Affen mit der Nase am Objektiv. Und bis man das, was auf Seite 137 zu sehen ist, tatsächlich als Elefant identifiziert, das dauert einen Augenblick … oder auch zwei. (Nein, das ist wirklich keine Ente mit doppelflutigen Endrohren!)

Bücher mit großformatigen Farbfotos, auf hochwertiges Papier gedruckt, haben natürlich ihren Preis. Es steht ja auch ein gewisser Produktionsaufwand dahinter, der bei einem kleineren Verlag nicht durch eine riesige Auflage kompensiert werden kann. Da sind EUR 16,- schon realistisch. Dass man das als Leser in Beziehung zur Seitenzahl setzt und erst einmal schluckt, ist mir allerdings auch klar.

Der Autor
Helge Timmerberg, geboren 1952 in Dorfitter (Hessen), ist Abenteurer, Journalist und Reiseschriftsteller. Er schreibt Reportagen aus allen Teilen der Welt, unter anderem für „Stern“, „Die Zeit“, „Merian“ und „Playboy“. Und er schreibt Bücher. Seine Wohnung nennt er Basis-Camp, und alle Ansätze des modernen Nomaden, ernsthaft sesshaft zu werden, schlugen bisher fehl.

Der Fotograf
Frank Zauritz kaufte sich mit 18 von einem kleinen Lottogewinn seine erste Kamera, die seinem Leben fortan eine Richtung gab. Ab Mitte der Neunziger in Berlin, konzentrierte er sich auf Portraitfotografie. Seither ist er „Menschenfotograf“. Zauritz betreibt eine geradezu ethnologisch beobachtende Fotografie, die dicht am Menschen (hier: Tier) bleibt. Veröffentlichungen finden sich in (inter-)nationalen Medien von The Guardian bis Aftonbladet, von Playboy bis El Mundo, von Spiegel bis SZ-Magazin.

Helge Timmerberg und Frank Zauritz haben an zahlreichen Reportagen zusammengearbeitet. Dass die beiden immer sehr viel Spaß zusammen haben, ist in jeder Zeile und auf jedem Foto des ersten gemeinsamen Buches zu spüren.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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