Sir Hardy Amies: Das kleine Buch der Herrenmode

Sir Hardy Amies: Das kleine Buch der Herrenmode, OT: ABC of Men’s Fashion, aus dem Englischen von Christian Herschmann, Hamburg 2015, Eden Books, ein Verlag der Edel Germany GmbH, ISBN 978-3-944296-96-8, Hardcover mit Leineneinband und Lesebändchen, 125 Seiten mit ca. 30 Schwarzweiß-Abbildungen, Format: 13,6 x 2 x 18,5 cm, EUR 14,95.

Abbildung: (c) Eden Books
Abbildung: (c) Eden Books

Ein Mann sollte so aussehen, als habe er seine Kleider mit Einsicht erworben, mit Sorgfalt angezogen und sie dann vollkommen vergessen. (Seite 11)

Sir Hardy Amies (1909 – 2003), Londons erfolgreichster Couturier und Hofschneider Ihrer Majestät Elizabeth II von ihrer Thronbesteigung bis zu seiner Pensionierung 1989, hat dieses Büchlein bereits in den 1960er-Jahren geschrieben. Es ist, zugegeben, ein Spaß für eine überschaubare Zielgruppe: Man sollte ein bisschen etwas vom Schneiderhandwerk verstehen, am besten HAKA (Herrenoberbekleidung), um die – zum Teil recht bissigen – Ausführungen des Autors würdigen zu können.

Wie der Mann von Welt sich zu welchem Anlass korrekt kleidet, was die Qualitätsmerkmale guter Kleidung sind, was Stil, Geschmack und perfekten Sitz ausmachen und in welcher Aufmachung man sich auf gar keinen Fall aus dem Haus wagen solle, erfahren wir hier – vom Stichwort „Abendgarderobe“ über „Muster“ bis hin zu „Zwischenfutter“ und „Zylinder“.

Scan: Nebel / Eden Books
Scan: Nebel / Eden Books

Manchmal widmet er einem Begriff eine ganze Seite oder mehr: den Begriffen „Frisur“, „Krawatte“ oder „Schuhe“ zum Beispiel. Und manchmal fällt sein Kommentar gnadenlos kurz aus: „Slacks sollte es nicht geben“ (Seite 102). Über die Verwendung von Seide in Anzugsstoffen schreibt er: „Diese sind für Italiener oder Italiener, die zu Amerikanern wurden.“ (Seite 100.)

An den Amerikanern lässt er ohnehin kein gutes Haar. Sie sind für ihn anscheinend der Inbegriff der Stillosigkeit. Zum einen bescheinigt er ihnen Konservatismus: „Der Amerikaner scheint einen Schrecken davor zu haben, anders zu sein; außer in Freizeitkleidung, wo er gern bereit ist, selbst ein Schrecken zu sein.“ (Seite 10) An anderer Stelle unterstellt er ihnen, sich vor passender Kleidung zu fürchten und daher Konfektionsware anstelle von Maßgeschneidertem zu bevorzugen. Auch die Deutschen kriegen ihr Fett weg, weil sie in kurzen Hosen herumlaufen, obwohl sie ganz genau wissen, dass das nicht gut aussieht.

Natürlich ist die Zeit in manchen Punkten über Sir Hardy Amies‘ Ausführungen hinweggegangen. Nicht nur über seine Vorstellung von Rollenverteilung: „Hemden (…) müssen gebügelt sein. Die meisten Zimmermädchen wissen darum und werden Ihnen helfen, wenn Sie frauenlos sind.“ (Seite 119). Dass der Gentleman selber das Bügeleisen schwingt, ist dem Autor schlichtweg undenkbar. Wie er sich die Mode der Zukunft vorgestellt hat, ist schon putzig. Das aber ist das Schicksal vieler Voraussagen, wenn man sie im Nachhinein beurteilt. Schlaghosen, T-Shirts als Hemdersatz, Jesuslatschen, lange Haare und Vollbärte … das hat er nicht vorausgesehen, beziehungsweise, solche Auswüchse sind nicht Bestandteil seiner Welt. Für ihn war es schon unvorstellbar, dass der kultivierte Herr eines Tages ohne Hut ausgehen könnte.

Was er über Material und Design schreibt, über Schnitt, Sitz und Verarbeitung sowie über Farbkonzepte, Harmonie und Kleiderpflege, das ist zum großen Teil heute noch gültig – und nicht nur für die High Society.

Er hat schon recht, wenn er sagt, „dass ein Kleidungsstück auf ein Maß zugeschnitten sein sollte, daher ist es die einzige Art, einen korrekten Sitz und in der Folge einen guten Anzug zu erhalten“ (Seite 77) und dass sich gute Qualität durch Langlebigkeit auszahlt. Konfektionsware kann immer nur ein Kompromiss sein. Aber so ein Maßanzug, das ist natürlich auch eine Investition!

Dass ein tiefes Dunkelblau bei künstlicher Beleuchtung besser zur Geltung kommt als reines Schwarz, weil letzteres bei entsprechendem Licht gern einen Grünstich bekommt, werde ich mir merken. Und auch die Vorzüge der Verwendung gefärbten Garns gegenüber eines im Nachhinein gefärbten Stoffes werden mir im Gedächtnis bleiben. Die eine oder andere Lästerei natürlich ebenfalls. „Gelb: Die Farbe von Kanarienvögeln und Feiglingen.“ (Seite 41) Über den Morgenmantel schreibt er: „Nehmen Sie sich vor steifem Satin in Acht; es ächzt bei Atmen, insbesondere in der großen Liebesszene“ (Seite 79). Nett auch sein Stoßseufzer, nachdem der ausführlich erklärt hat, was man bei der Auswahl des richtigen Schlafanzugs alles verkehrt machen kann: „Viele Herren geben auf und tragen gar nichts.“ (Seite 89)

Ich hatte die ganze Zeit über die Vorstellung von einem vornehmen und ein wenig dünkelhaften älteren Herrn, der selbst bei der Äußerung ausgesuchter Gehässigkeiten keine Miene verzieht. Und ich hatte immer so einen leicht näselnden Ton im Ohr … eine Stimme wie die von Hedley Mattingly, dem District Officer aus der TV-Serie DAKTARI – wenn wir hier schon in den 60er-Jahren sind.

Mit einem guten Teil des Fachvokabulars bin ich aufgewachsen und musste trotzdem manchmal passen. Gelegentlich wäre eine erklärende Illustration hilfreich gewesen. Und eine Angabe des grammatischen Geschlechts wäre bei völlig unbekannten Vokabeln auch hilfreich. Der, die, das Friese? Aber woher hätte der Autor wissen sollen, welche Voraussetzungen seine LeserInnen haben? Er kann ja nicht vorsorglich alles bebildern und erklären!

Auch wenn ich dem Sir nicht in allen Punkten folgen konnte, habe ich mich mit diesem Büchlein köstlich amüsiert und das eine oder andere dazugelernt.

Der Autor
Hardy Amies wurde 1909 geboren und war der bekannteste Modeschöpfer Londons. Er gilt als einer der Begründer der Konfektionskleidung und kleidete so namhafte Persönlichkeiten wie Lord Snowden, Peter Sellers, David Hockney und Ronald Reagan ein. Außerdem entwarf er Kostüme für das Kino, u. a. war er für die Designs in Stanley Kubricks »2011: Odyssee im Weltraum« verantwortlich.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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