Amy Stewart: Der Regenwurm ist immer der Gärtner

Amy Stewart: Der Regenwurm ist immer der Gärtner, OT: The Earth moved. On the remarkable Achievements of Earthworms, aus dem Amerikanischen von Eva Leipprand, Gilching 2015, Oekom-Verlag, ISBN 978-3-86581-731-0, Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, Format: 13,6 x 2,7 x 21,1 cm, Buch: EUR 19,95 (D), EUR 20,60 (A), Kindle Edition: EUR 15,99.

Foto: (c) oekom Verlag
Foto: (c) oekom Verlag

Würmer verfügen tatsächlich über die Fähigkeit, einen Wald zu verändern, eine Reisterrasse zu zerstören oder das Wachstum vom Gewächshauspflanzen zu beschleunigen. Die Erfindung eines Wurm-„Reaktors“, der Regenwürmer kraft ihrer Leistungsfähigkeit zum tonnenweisen Verzehr von Abfall animiert, hat er [Charles Darwin] ganz bestimmt nicht vorausgesehen. Und er hätte gestaunt bei der Vorstellung, dass Leute aus Profitinteresse Regenwürmer züchten und dadurch versuchen, zu Reichtum zu kommen.“ (Seite 204)

Dass das Thema „Regenwürmer“ ein ganzes Buch füllen könnte, hätte ich mir nicht träumen lassen. Die US-amerikanische Autorin Amy Stewart ist auch eher zufällig auf den Wurm gekommen. Als passionierte Hobbygärtnerin hat sie sich eines Tages einen Wurmkompostierer – einen Ebenenkomposter – zugelegt. Grob gesagt kommen da Würmer und vegetarische Haushaltsabfälle hinein und Wurmhumus wieder heraus. Was der Wurm einmal durch seine Verdauung genudelt hat, ist arm an Schadstoffen und reich an hochkonzentrierten pflanzenverfügbaren Nährstoffen. Wurmhumus ist ein natürlicher Dünger und anscheinend auch gut gegen Pflanzenschädlinge: Was damit gedüngt wurde, schmeckt vielen Schädlingen nicht.

Das funktioniert natürlich nur, solange es den Würmern in der Anlage gut geht. Was sie für ihr Wohlbefinden brauchen, was ihnen nicht so guttut und was sie eigentlich in ihrer feuchten, dunklen Welt die ganze Zeit treiben, damit befasst Amy Stewart sich intensiv. Sie kramt in ihrem Wurmkompostierer herum und stellt fest, dass Regenwürmer ausgesprochen interessante Gesellen sind.

Auch Darwin forschte über Regenwürmer
Mit dieser Meinung steht sie nicht allein. Charles Darwin hat sich im Alter intensiv mit den Regenwürmern beschäftigt. Das Buch DIE BILDUNG DER ACKERERDE DURCH DIE TÄTIGKEIT DER WÜRMER erschien 1881, ein Jahr vor seinem Tod. Beschäftigt hatte ihn das Thema schon seit Jahrzehnten, und er hat die Bedeutung der Würmer für die Bodenbeschaffenheit richtig erkannt. Er hat sogar aufwändige Tests gemacht um ihre Intelligenz zu prüfen. Nachdem er beobachtet hatte, dass sie nachts an die Oberfläche kommen und Blätter, Kiefernnadeln und anderen Gartenabfall in ihre Röhren ziehen, wollte er wissen, ob sie die Objekte systematisch auf dem praktischsten Weg in ihre Behausungen befördern oder ob ihr Vorgehen auf Zufall beruht. Er schnitt über 300 kleine Dreiecke aus Papier zurecht und legte sie zwischen den aktiven Wurmhöhlen aus. Sobald die Würmer sie in den Bau gezogen hatte, holte er sie wieder heraus und führte penibel darüber Buch, wie oft die Dreiecke an der Spitze (funktioniert optimal), in der Mitte oder von der Grundseite her hineingezogen wurden (jeweils nicht optimal, da sich die Papierchen sperren). Über 80 Prozent der Würmer hatten die richtige Entscheidung getroffen. Haben sie also Verstand?

Die Autorin macht eigene Beobachtungen, liest sich in die Materie ein, besucht das weltweit einzige Wurmmuseum, befragt verschiedene Wissenschaftler und lernt täglich dazu. Und wir mit ihr:

  • Epigäische Würmer wie die Kompostwürmer richten sich in der Streuschicht auf der Erdoberfläche ein, bohren sich aber nicht tief in den Boden.
  • Es gibt endogäische Würmer, die vor allem innerhalb der Wurzelzone der Pflanzen vorkommen und selten an die Oberfläche gelangen.
  • Anözische, bzw. anektische Würmer wie unser klassischer Regenwurm, Lumbricus terrestris, sind „Vertikalbohrer“ und leben tief unten in der Erde.

Regenwürmer und ihre Verwandten gibt’s fast überall auf der Welt – nur nicht in Permafrost-Regionen und in der Wüste. Wer in kühlen, feuchten Böden Röhren bohrt, hat eben gewisse Mindestansprüche. Vorfahren der Regenwürmer haben schon vor etwa 500 Millionen Jahren gelebt. Kein Klimawandel, keine geologische Umwälzung hat es geschafft, ihre Existenz zu bedrohen. Ihre Regenerationsfähigkeit ist legendär, was die Wissenschaft auch zu einigen fragwürdigen und ziemlich unappetitlichen Experimenten angeregt hat.

Als Einwanderer sind sie Schädlinge
Die Bauern wussten es schon immer, die Regenwurmforscher (Oligochaetologen) bestätigen es: „ (…) dass Würmer nämlich die Erde durch ihre Aktivitäten substanziell verändern. Sie modifizieren die Zusammensetzung der Erde, sie erhöhen ihre Fähigkeit, Wasser zu absorbieren und zu halten, und sie bewirken einen Zuwachs an Nährstoffen und Mikroorganismen. Kurzum, sie bereiten den Boden für die Landwirtschaft vor.“ (Seite 24) Allerdings können sie auch Schädlinge sein – wenn sie, absichtlich oder unabsichtlich – als Neozoen in fremde Länder verbracht werden und dort das natürliche Gleichgewicht durcheinanderbringen. Sie besetzen unter Umständen die ökologische Nische einheimischer Würmer und verdrängen diese, was wiederum Auswirkungen auf die dortige Pflanzen- und Tierwelt hat.

In Nordamerika gehört unser Regenwurm, Lumbricus terrestris, zu den eingeschleppten exotischen Arten. In die Wälder Minnesotas hat für tiefgreifende Veränderungen gesorgt: „Der Unterwuchs war am Absterben, Farne verschwanden, Wildblumen kamen kaum mehr vor, und junge Baumschösslinge schafften es nicht mehr anzuwurzeln.“ (Seite 128). Dieser Wald war es nicht „gewöhnt“, dass unsere Regenwürmer den Waldboden gründlich aufräumen und die herabgefallenen Blätter fressen. Die einheimische Flora und Fauna war auf mehrere Schichten verrottender Blätter ausgerichtet. Um keine fremdländischen Kompostwürmer „auszuwildern“, schlägt die Waldökologin und Wurmforscherin Cindy Hale der Hobbygärtnerin Amy Stewart vor, den Wurmhumus vor Ausbringung im Garten erst mal für ein paar Tage im Gefrierschrank zwischenzulagern. Nicht wirklich praktikabel, befindet die Autorin und stellt sich vor, was ihr Mann dazu sagen würde. Wurmk*cke zwischen eingefrorenem Obst und Tiefkühlpizza …

Amy Stewart berichtet von Menschen, die versucht haben mit Wurmfarmen reich zu werden und aus den verschiedensten Gründen kläglich gescheitert sind. Für sie wäre das sowieso nichts, meint sie. Erstens wäre ihr das eine Nummer zu groß. Sie hat ja immer die Horrorvorstellung von ausbrechenden und für bessere Arbeitsbedingungen streikenden Würmern, die auf einmal zu Tausenden ihr Haus überfluten könnten, und zweitens hängt sie an ihren Tieren. Den Gedanken, sie zu verpacken und zu verschicken, damit sie bei wildfremden Leuten leben, die sie dann vielleicht nicht gut behandeln, findet sie schrecklich.

Riesige Humusfabriken
Natürlich gibt es Wurmkompostieranlagen nicht nur in Kleingartengröße. Es gibt riesige Anlagen, die Gülle aus Milchviehbetrieben zu Wurmhumus verarbeiten, der dann von Landwirten und Gärtnern als Dünger eingesetzt wird. Was mit Kuhmist geht, müsste doch eigentlich auch mit den Biofeststoffen aus einer Kläranlage funktionieren. In Pacifica – einer Stadt südlich von San Francisco – geht man diesen Weg. Weil die Leute sich bei vor Vorstellung ekelten, die geklärten Überreste von menschlichen Fäkalien als Dünger zu verwenden, lässt man nun die Biofeststoffe – zunächst im Rahmen eines Forschungsprojekts – durch eine große Wurmkomposter-Anlage laufen und verkauft den Output als „Regenwurmhumus aus einer Wasserrecyclinganlage“. Weil ein Verwandter der Autorin in das Projekt involviert ist, kann sie uns einen recht genauen Einblick in die Sache geben.

Für einen europäischen Leser ist es etwas sonderbar, wenn unser Allerweltsregenwurm als gefährlicher Einwanderer betrachtet wird. Das ist er aber in Asien und den USA. Und als Landei habe ich laut gelacht, als Amy Stewart beschreibt, wie ihre Freunde aus der Stadt auf ihren Nutzgarten reagieren. Für mich ist es völlig unvorstellbar, dass die Ernte von Obst und Gemüse für jemanden ein exotisches Erlebnis ist oder dass einer nicht weiß, wie Rosenkohl wächst. (Ich habe mich höchstens mal gefragt, warum …)

Respekt für den Regenwurm
Amüsant ist auch die Geschichte, als Amys Mann auf die Idee kommt, Hühner halten zu wollen. An den Hennen und ihren Eiern ist Amy weniger interessiert. Aber am Hühnermist. Mit Mist gedüngter Boden in Verbindung mit Wurmhumus, das müsste doch einen sensationellen Boden ergeben! Blöd nur dass sie da, wo die Hühner scharren, nichts anpflanzen kann. Aber wozu gibt’s denn einen „Hühner-Traktor“, einen mobilen Hühnerstall, der jedes Jahr an einer anderen Stelle des Gartens stehen und dort den Boden düngen kann? Fruchtfolge á la Amy: Bohnen, Kartoffeln, Eier.

Wer Spaß hat an (auch) abseitigem Wissen über die Natur, ist hier richtig. Man hat sicher nichts davon, wenn man weiß, dass es auf Sri Lanka einen königsblauen Riesenregenwurm gibt. Das ist einfach unterhaltsam und „nice to know“.

Was aber hängenbleibt, ist ein bisschen mehr Respekt vor den fleißigen Würmern, die für die Landwirtschaft so wichtig sind. Manche sehen sogar einen Zusammenhang zwischen fruchtbaren Böden mit hohem Regenwurmaufkommen und den Ursprüngen der menschlichen Kultur. Eines jedenfalls ist sicher: „Wir brauchen die Würmer dringender als sie uns.“ (Seite 214)

Die Autorin
Amy Stewart ist Autorin mehrerer preisgekrönter Bücher über die Tücken und Freuden der Natur. Sie schreibt für die New York Times und ist Redakteurin für das Magazin Fine Gardening. Amy Stewart lebt in Eureka, Kalifornien, wo sie zusammen mit ihrem Mann ein Antiquariat betreibt und Hühner hält. www.amystewart.com.
Die Autorin malt auch – farbenfrohe Ölbilder von Menschen, Häusern, Stillleben und Hühnern: http://www.dailypaintworks.com/artists/amy-stewart-1967/artwork.

Foto: © Scott Brown / www.amystewart.com
Foto: © Scott Brown / www.amystewart.com

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de

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