Heike Abidi, Anja Koeseling (Hrsg.): Oh Schreck, du fröhliche! 24 chaotische Geschichten aus der wunderbaren Weihnachtszeit

Heike Abidi, Anja Koeseling (Hrsg.): Oh Schreck, du fröhliche! 24 chaotische Geschichten aus der wunderbaren Weihnachtszeit. Ein erzählter Adventskalender, Hamburg 2015, Eden Books, ISBN 978-3-959100-22-9, Softcover, 382 Seiten, Format: 12,6 x 3 x 19 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: (c) Eden-Books
Abbildung: (c) Eden-Books

„Und mal ehrlich: Ein kleines bisschen Festtagswahnsinn schlummert doch in jedem von uns …“ (Seite 243)

Jetzt ist es mir doch glatt so ergangen wie so manchem Helden der Kurzgeschichten aus diesem Buch: Plötzlich ist Weihnachten bedrohlich nahe gerückt und meine Vorbereitungen sind noch nicht abgeschlossen. Das heißt in diesem Fall: Ich bin mit der Vorstellung weihnachtlicher Bücher im Rückstand. Okay: Wenn man sich beeilt und O SCHRECK, DU FRÖHLICHE sofort kauft, kann man die 24 Geschichten darin noch so nutzen, wie es von den Macherinnen vorgesehen ist: als erzählten Adventskalender. Statt Türchen zu öffnen und Schokolade zu naschen, kann man hier jeden Tag eine weihnachtliche Geschichte lesen.

24 Weihnachts-Kurzgeschichten – eine für jeden Tag


Es hindert einen aber auch nichts daran, die 24 Stories hintereinander weg zu lesen. Das wird garantiert nicht langweilig! Dafür sorgen schon die 18 beteiligten Autorinnen und Autoren, die hier eine überaus abwechslungsreiche Mischung präsentieren. Da gibt’s romantische, berührende und zum Heulen schöne Beiträge, witzige, abgedrehte und makabere Ereignisse, lebensnahe und grotesk überspitzte Situationen. Zwischendrin bekommt man interessante und kuriose Informationen über Weihnachtstraditionen, übers Schenken, Beschenktwerden und Dekorieren, über das weihnachtliche Fernsehprogramm – und in einem durchaus anspruchsvollen Weihnachtsquiz kann man auch noch sein Wissen über das Fest testen. (Ich konnte nicht einmal die Hälfte der Fragen beantworten und habe viel geraten.)

Was in den 24 Geschichten alles passiert, das kann man sich als Leser gar nicht vorstellen. Na ja, immerhin brauchte es ja auch 18 Autorinnen und Autoren, um sich das alles auszudenken. „Es war Advent, mal wieder Advent, die Zeit, in der wir Mütter sieben Arme bräuchten, drei Gehirne, einen Dukatenesel und Nerven wie Drahtseile“, seufzt eine geplagte Betroffene (Seite 16) und fragt sich wieder mal, wie die perfekte Nachbarin mit ihrer perfekten Familie die Festvorbereitungen so perfekt erledigt bekommt. Wenn sie wüsste …! – Eine junge Familie zerreißt sich zur allseitigen Unzufriedenheit im Verwandtschafts-Besuchsstress. – Studentin Sina ist in Mexiko und hat Heimweh nach der Familie in Deutschland. — Paul und Lorna können Weihnachten nicht ausstehen und flüchten nach Sri Lanka. Aber heutzutage ist der komplette Planet verweihnachtet, es gibt kein Entkommen.

Dem Weihnachtsfest kann man nicht entkommen


Eine deutsch-ägyptische Familie verbringt das erstmals das Weihnachtsfest am Roten Meer. Leider kommt der Koffer mit den Geschenken für die Kinder nicht an und Papa bei der Ersatzbeschaffung ganz schön ins Schwitzen. Ich liebe die chaotischen Familiengeschichten dieses Autors. Seine Stories sind die einzigen, die ich zweifelsfrei ihrem Verfasser zuordnen kann. Man erfährt in den Anthologien von Heike Abidi und Anja Koeseling nämlich nirgendwo, wer welchen Beitrag geschrieben hat.

Ein Mann sieht rot, weil ihm jemand seine Weihnachtsdeko aus dem Vorgarten geklaut hat. Für Floristin Elena ist es das erste Weihnachtsfest nach dem Unfalltod ihrer Schwester – und dann fährt sie an Heiligabend zu allem Unglück noch den Weihnachtsmann über den Haufen. Dabei kommt einem unweigerlich ein Eugen-Roth-Zitat in den Sinn: „Ein Mensch schaut in der Zeit zurück und sieht: Sein Unglück war sein Glück.“ – An Heiligabend fliegen bei Oma Rita die Fetzen: Sarah und ihre Schwägerin Marie haben vor versammelter Mannschaft den Zoff des Jahrhunderts. Fest der Liebe und so.- Ausgerechnet am Nikolaustag entwischt der demente Dr. Müller seiner Pflegerin und irrt im Morgenrock durch die Stadt.

Familienfeier, auch wenn man die Familie gar nicht mag


Vier Tage hat eine Geschäftsfrau noch Zeit, eine Weihnachtsfeier für die gesamte Großfamilie aus dem Boden zu stampfen. Das hatte sie erfolgreich verdrängt, was man immer besser versteht, je mehr sie von ihrer Sippe erzählt: „Das Fest der Liebe und des Friedens. Ausgerechnet zu diesem Termin erinnerte man sich wieder an längst vergessene Familienmitglieder, von denen man froh gewesen war, das ganze Jahr über keinen Pups gehört zu haben.“ (Seite 208)

Beatrix will ihren neuen Freund an Weihnachten zu überraschen. Doch in seiner Wohnung trifft sie nicht ihn an, sondern seine neunjährige Tochter. Wieso weiß sie nichts von dem Kind? Und wieso weiß das Kind nichts von ihr? – Einen Albtraum erlebt Daniela, als ihr Vater und ihr Bruder kurz vor Weihnachten Facebook mit familiären Indiskretionen fluten. – Herbert nervt Hilde, und das schon seit Jahrzehnten. Jetzt an Weihnachten hat sie endgültig die Faxen dicke. – Bernd nervt auch, und zwar seine Wohngemeinschaft mit seinem Panzerband-Fimmel. An Heiligabend dreht Susanne durch …

Schön schräg ist die Geschichte SCHRILLE NACHT … (Seite 307 ff.). Sie wird von hinten nach vorn erzählt. Am 24. Dezember um 23 Uhr stürmen Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken das Haus der Familie Obermeier. Wie konnte es nur so weit kommen? – Das Krippenspiel, das eine junge Lehrerin mit ihrer Klasse einstudieren muss, läuft vollkommen aus dem Ruder. Wenn sich das Chaos nicht bändigen lässt, dann soll es eben toben, sagt sich die Pädagogin. Die Aufführung wird, äh, einzigartig. Und die Story ist köstlich.

Ein unterhaltsamer Geschichtenmix


Ich kann hier nicht alle Geschichten anreißen, das würde den Rahmen einer Buchvorstellung sprengen. Die Herausgeberinnen haben auf jeden Fall einen Pool an kompetenten Autorinnen Autoren, einige Erfahrung im Zusammenstellen von Anthologien und ein Händchen dafür, einen unterhaltsamen Geschichtenmix auszuwählen. Im Anhang findet man zu jedem Autor eine Kurzbiographie. Nur, wie gesagt, wer welche Geschichte geschrieben hat, das bleibt geheim.

„Zu Weihnachten treffen verschiedene Personen auf engstem Raum aufeinander. Und das kann natürlich nicht immer funktionieren“, sagt Herausgeberin Anja Koeseling in einem Interview des Verlags. „Alle müssen gut gelaunt, fröhlich und besinnlich sein. Die Frauen sind unter Vorbereitungsstress (…). Da liegen die Nerven blank., Der traditionelle Weihnachtsstreit ist (…) den stressigen Vorbereitungen geschuldet.“
Heike Abidi sieht das ähnlich. „Je mehr Menschen, desto größer der Stressfaktor – und je höher die Ansprüche, desto tiefer die Fallhöhe.“

Ja, das leuchtet ein. Und irgendwie ist es uns ja auch klar. Trotzdem stürzen wir uns alle Jahre wieder nach genau demselben Muster in den Wahnsinn. Da ist es irgendwie tröstlich, in diesem Buch zu lesen, dass es anderen Menschen genauso, wenn nicht schlimmer ergeht. Und amüsant ist die Geschichtensammlung obendrein.

Die Herausgeberinnen
Heike Abidi ist freiberufliche Werbetexterin und Autorin. Sie schreibt vor allem Unterhaltungsromane für Erwachsene sowie für Jugendliche und Kinder. Mit Mann, Sohn und Hund lebt sie in der Pfalz bei Kaiserslautern. Anja Koeseling war als Journalistin und Publizistin tätig, bevor sie 2008 die Literaturagentur Scriptzz mit Sitz in Berlin gründete. Heute schreibt sie Sachbücher.

Die Autorinnen und Autoren
Heike Abidi, Kerstin Bätz, Volker Bätz, Susanne Böckle, Ursi Breidenbach, Akram El-Bahay, Franziska Fischer, Christa Goede, Moritz Hampel, Petra Heimischen, Anna Herzog, Alexandra Stefanie Höll, Anja Koeseling, Petra Plaum, Björn Schmidt, Heike Eva Schmidt, Tino Schrödel, Andrea Schütze,

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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