Patrizia Zannini: Meine Schwester, die Hummelkönigin – Roman

Patrizia Zannini: Meine Schwester, die Hummelkönigin – Roman, München 2016, Knaur TB, 978-3-426-51900-4, Taschenbuch, 348 Seiten, Format: 12,5 x 2,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 4,99.

Abbildung: (c) Knaur TB
Abbildung: (c) Knaur TB

Ally Harper war knapp 20, als sie ihr Elternhaus auf Bear Island, einer kleinen Halbinsel vor der Küste Maines, im Streit verlassen hat. Sie ist nach Los Angeles gegangen, Journalistin geworden und hat nie mehr zurückgeblickt.

Jetzt, 10 Jahre später, muss sie wohl oder übel wieder in ihre alte Heimat zurück. Ihre Mutter ist überraschend verstorben und Ally muss die Beerdigung organisieren und den Nachlass regeln. Das bedeutet in diesem Fall nicht nur „Haushaltsauflösung“, sondern auch die Sorge um ihre ältere Schwester Emma, 32. Die ist zwar eine begnadete Köchin und kann aus jedem zubereiteten Gericht die verwendeten Zutaten herausschmecken, ist aber aufgrund einer neurologischen Besonderheit oder Behinderung nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen.

Emma ist kindlich-impulsiv und gnadenlos ehrlich. Sie besteht auf ihre vertraute Umgebung, ihr Ordnungssystem und ihre Rituale. Für Ironie und Zwischentöne hat sie keine Antenne. Für sie ist alles gut oder schlecht, sie mag etwas oder sie mag es nicht. Wenn ihr etwas nicht passt, beginnt sie zu summen wie ein ganzer Hummelschwarm, was für die meisten Mitmenschen unerträglich ist.

Was wird aus Emma?


Mit all diesen Eigenheiten sorgt Emma zwar für so manche amüsante Szene, aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass sie in jeder wachen Minute Betreuung benötigt. Und das kann ihre berufstätige Schwester ihr nicht bieten. Ally muss also in den zwei Wochen ihres Urlaubs eine Einrichtung finden, in der Emma gut aufgehoben ist, außerdem noch den Verkauf ihres verschuldeten Elternhauses anleiern und für ihre Zeitung in L.A. einen wichtigen Artikel schreiben. Unter den gegebenen Umständen wird der Artikel nicht rechtzeitig fertig und Ally verliert ihren Job.

Ihr Ex-Chef ist nicht der einzige ungeduldige Armleuchter im Leben der jungen Journalistin. Freund Stan, der erst auf ihre baldige Rückkehr gedrängt hat, ist plötzlich gar nicht mehr so scharf drauf. Wie er sich herauszureden versucht, ist der absolute Klassiker (Seite 144). Für den Leser ist das lustig, für Ally weniger. Sie packt ihre Sachen und zieht aus. Jetzt zwingt sie nichts mehr zu einer schnellen Heimreise, jetzt hat sie alle Zeit der Welt, sich auf Bear Island um ihre Familienangelegenheiten zu kümmern.

Auf der Halbinsel wird ihre Heimkehr zwiespältig aufgenommen. Die einen heißen sie wie eine verlorene Tochter willkommen, die anderen machen ihr Vorwürfe, weil sie sich nach ihrem Weggang nie mehr zu Hause gemeldet hat. Die Gründe dafür kommen Ally heute selbst ein wenig kleinlich vor, aber vor zehn Jahren waren sie ihr bedeutsam genug erschienen, um alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Neustart in der alten Heimat


Jetzt braucht Ally erst einmal bezahlte Arbeit. Nur vom Verkauf von Emmas göttlichem Blaubeersirup und ihrer nicht minder köstlichen Marmelade können sie auf Dauer nicht leben. Dass die Jobangebote, die sie erhält, so eine Art Almosen sind, ist Ally schon klar. Aber Stolz kann sie sich derzeit nicht leisten.

Der Neubeginn in ihrer alten Heimat wird stressig: Emma will nur Ally als Bezugsperson, Stan will, dass sie wieder zu ihm nach L. A. kommt, ein ehemaliger Schulkamerad will mehr als nur eine Freundschaft und der attraktive Gastwirt, der erst mit Ally flirtet und sich dann zurückzieht, weiß offenbar nicht so recht, was er will. Was Ally gerne möchte, scheint keinen zu interessieren. Aber weiß sie es denn selbst?

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Beziehung zwischen Ally und ihrer außergewöhnlichen Schwester. Ally, die sich als Kind und Jugendliche immer zurückgesetzt gefühlt hat, weil Emma sämtliche Aufmerksamkeit für sich beansprucht hat, entdeckt jetzt die liebenswerten Seiten ihrer Schwester. Und so ungewöhnlich Emmas Sicht der Dinge auch sein mag: Manchmal lohnt es sich für Ally doch, das Leben aus ihrem Blickwinkel zu sehen und darauf zu hören, wenn sie aus tiefster Überzeugung sagt: „mag ich“ oder „mag ich nicht“.

Die Schwestern wachsen an ihren Aufgaben


Emma ihrerseits wird zusehends selbständiger und selbstbewusster, seit sie nicht mehr die Rundumversorgung durch ihre Mutter genießt. Das Zusammenleben mit Ally fordert sie. Von der Unterbringung in einem Heim oder einer Wohngruppe ist bald keine Rede mehr. Und am Schluss kann sich keine der beiden mehr vorstellen, wie sie es 10 Jahre lang ohne einander ausgehalten haben.

Die Romanfiguren sind einfach herrlich: die grundehrliche Emma, die überforderte Ally, das exaltierte Architektenpaar aus dem Nachbarhaus, Allys kinderreiche Jugendfreundin Linda – obwohl’s da schon ein kleines bisschen klischeehaft zu werden droht. Aber so ein stimmungsvoller, berührender Wohlfühlroman darf sowas. Da drücken wir mal ein Auge zu.

Wie das wohl weitergeht?


Nur ungern verlässt man als Leserin die kleine Gemeinschaft auf Bear Island. Man hat die Menschen dort einfach ins Herz geschlossen. Und die eine oder andere Frage bewegt einen in der Tat noch, nachdem man den Roman ausgelesen und zugeklappt hat: Was ist jetzt mit dem Familiengeheimnis der Harpers? Kann Ally das wirklich so einfach abhaken? Und wie wird das mit Emma und ihr weitergehen? Das Zusammenleben der beiden Schwestern funktioniert doch nur so lange, wie Ally Single bleibt. Weder kann sie zu einem Freund ziehen noch würde Emma einen fremden Kerl in ihrem Zuhause dulden. Welcher Mann würde auch mit der Frau/Freundin und deren Schwester in einem Haushalt wohnen wollen? Die Lösung, die Ally sich hier so mühsam erarbeitet hat, ist nur eine auf Zeit.

Wenn man erst einmal anfängt, sich den Kopf der Romanfiguren zu zerbrechen und über ihren weiteren Lebensweg zu spekulieren, ist das Zeichen dafür, dass der Autor/die Autorin ihnen wirklich Leben einhauchen konnte. Patrizia Zannini ist das hier zweifellos gelungen. Man nimmt an dem Schicksal von Ally, Emma und deren Umfeld fast so stark Anteil wie an dem real existierender Menschen.

Die Autorin
Patrizia Zannini wurde 1965 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Fotografin und studierte Werbung. Sie arbeitete bei einem Stuttgarter Verlag als Konzeptionerin und Texterin. Seit 1997 ist sie freie Werbetexterin, Fotografin und Autorin und hat mehrere Kinderbücher veröffentlicht. Die Inspirationen für ihre ungewöhnlichen Geschichten holt sie sich beim Reisen und Kochen. Patrizia Zannini lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Stuttgart und Berlin.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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