Marion Griffiths-Karger: Inspector Bradford sucht das Weite. Küsten-Krimi

Marion Griffiths-Karger: Inspector Bradford sucht das Weite. Küsten-Krimi, Köln 2017, Emons-Verlag, ISBN 978-3-95451-973-6, Softcover, 340 Seiten, Format: 13,6 x 3 x 20,3 cm, Buch: EUR 11,90 (D), EUR 12,30 (A), Kindle Edition: EUR 9,49.

Abbildung: (c) Emons-Verlag

Na, das ist ja mal ein Ding! Hier bekommt man gleich zwei vollwertige Krimis zum Preis von einem! Abwechselnd ermitteln Hauptkommissarin Fenja Ehlers in Carolinensiel/Ostfriesland und Inspector Mark Bradford in Eastbourne, Südengland in ihren jeweiligen Mordfällen – bis sich schließlich herausstellt, dass beide Fälle zusammenhängen und Bradford zu seiner Kollegin nach Deutschland kommt.

Zwei Krimis zum Preis von einem


Marion Griffiths-Karger schildert überaus anschaulich die Arbeit zweier komplexer Ermittlerpersönlichkeiten in ihrem jeweiligen Umfeld. Auch wenn der in England spielende Teil nur rund ein Drittel des Buchs umfasst, hat man das Gefühl, dass beide Erzählstränge gleichberechtigt nebeneinander stehen. Vielleicht rutschen einem ein paar Bilder aus den Inspector-Barnaby-Fernsehkrimis dazwischen, wenn man Bradford bei seinen Ermittlungen begleitet, und der englische Fall ist deswegen so nachhaltig präsent. Doch kommen wir zu den Fällen.

Carolinensiel, Ostfriesland: Die Bibliothekarin Heike Bornum, Leiterin eines örtlichen Leseclubs, wird nach einem Clubabend tot aus dem Alten Hafen gebogen. Es ermittelt die Polizei in Wittmund. Die Tote kannte sich in der Gegend aus, war gesund und stand weder unter Alkohol- noch unter Drogeneinfluss. Ein Unfall ist also eher unwahrscheinlich. Dass ihr ein Ohrring herausgerissen wurde und an ihrer Bluse ein Knopf fehlt, spricht eher für Fremdeinwirkung. Also befragen Fenja Ehlers und ihre MitarbeiterInnen die Mitglieder des Leseclubs. Aber außer vereinsüblichen Zickereien und Eifersüchteleien und das eine oder andere pikante Familiengeheimnis kommt nichts dabei ans Licht.

Starb Heike wegen eines Romanprojekts?


Nicht einmal die Pensionswirtin Bendine Hinrichs, Fenjas Tante und ebenfalls Clubmitglied, kann mit spannenden Hintergrundinformationen aufwarten. Gut, Heike Barnum schien an dem Abend etwas aufgeregt zu sein. Und gab wieder Palaver, weil der Rentner Lothar Semmler einen Krimi über den 20 Jahre zurückliegenden Mord an Hilde Thomassens Tochter Hinrike schreiben will. Für den Mord ging damals Hinrikes Ehemann in den Knast und Hilde, die ihren Enkel alleine aufgezogen hat, will nicht, dass der Fall in einem Krimi verwurstet wird. Dass ihr Schwiegersohn, der seine Strafe abgebüßt hat, bis zum heutigen Tag seine Unschuld beteuert, spielt dabei keine Rolle. Auch Heike Bornum hat versucht, Semmler das geschmacklose Projekt auszureden. Hat ihr Tod also etwas mit dem alten Mordfall Hinrike Tebbe zu tun?

Als der Möchtegern-Krimiautor auf ungeklärte Weise verschwindet, ist Fenja klar, dass sie auf der richtigen Spur ist. Heike Barnums Mörder weiß das allerdings auch …

Eastbourne, Südengland: Mord im Pfarrhaus! Jemand hat den Mieter des Pfarrer-Ehepaars, den Ex-Soldaten Matthew King mit einem Kissen erstickt. Ein Kinderspiel: Der Mann hatte bei einem Einsatz den linken Arm verloren und konnte sich nicht wehren.

Mord im Pfarrhaus – wie bei Barnaby


Die aufgescheuchte Pfarrersgattin Harriet, der total verpeilte Pastor Prentiss Bolton-Smythe und die neugierige Nachbarin Daisy Henderson könnten in der Tat direkt einem Inspector-Barnaby-Krimi entsprungen sein. Für Inspector Mark Bradford und sei Team ist naseweise Ms Henderson allerdings ein Gottesgeschenk. Der Ermordete war nicht gerade mitteilsam, aber Ms Henderson weiß über jeden was. Und so kommt Bradford auf Matts dubiosen Kumpel Victor Strong, der eine wirkliche Klassefrau an seiner Seite hat: die charismatische Arztgattin Kathy Sanders.

Schnell wird klar, dass Strong und die Eheleute Sanders etwas zu verbergen haben. Irgendwie hat da auch Matt King mit dringehangen. Für einen eigentlich Mittellosen hatte er erstaunlich viel Geld zur Verfügung. Welche Art krummer Geschäfte haben sie getätigt? Die Spur führt nach Norddeutschland …

Interessante Ermittler in D und UK


Beiden Kriminalfällen folgt man mit gespanntem Interesse. Und auch das Privatleben der Ermittler ist nicht ohne. Fenjas Leben in der Pension ihrer Tante – einer allein erziehenden Oma – ist deutlich interessanter als ein handelsübliches Singledasein. Fenja schätze ich so auf Mitte 30. Das kann man nur aus dem Altersgefüge der Figuren ableiten. Nach einer gescheiterten Beziehung und längerem Singledasein hat sie sich jetzt in den Sportlehrer Barne Ahlers verliebt. Das beruht auf Gegenseitigkeit, aber keiner will so recht raus mit der Sprache.

Mark Bradford, vermutlich so Mitte 40, ist geschieden und Vater eines Sohnes, den er selten sieht. Er lebt in einer merkwürdig distanzierten On-Off-Beziehung mit der Rechtsanwältin Laura. Eigentlich gilt sein Interesse ja der Gastwirtin Erin Roberts, doch die will aus gutem Grund nichts von ihm wissen. Dann geht er halt wieder mit Laura ins Bett, weil die gerade da ist. Wenn sie aus seinem Leben verschwände, wäre es dem Inspector auch egal. Dass er nicht Klartext redet, sondern den Weg des geringsten Widerstands geht, macht ihn nicht gerade sympathisch.

Man muss sich viele Namen merken


Dass man es hier mit zwei „Krimi-Universen“ zu tun hat, macht den Reiz des Romans aus, hat aber auch seine Tücken. Man muss sich eine Menge Namen merken. Nur die Mitglieder des Leseclubs werden vorne im Buch stichwortartig vorgestellt. Sonst wäre man rettungslos verloren. Es kommt trotzdem vor, dass man beim Wechsel von einem zum anderen Handlungsort einen Moment orientierungslos ist: Wer war nochmal schnell Hajo Richter? Äääh … Aber den Faden hat man dann schnell wieder gefunden.

Die kleinen Gesten, die die Autorin beschreibt, machen die Szenen so anschaulich. Da fährt sich einer mit Jackenärmel durchs Gesicht und bekommt ein Taschentuch gereicht … da schiebt die Kommissarin beim Essen heimlich das Geschirr so auf dem Tisch zurecht, dass man den Fleck nicht sieht, den sie verursacht hat … und jemand zeichnet während eines Gesprächs mit dem Daumennagel Linien auf die Armlehne seines Sessels. Läuft die Handlung vor der Autorin ab wie ein Film? Oder spielt sie die Szenen, ehe sie sie schreibt? Auch die Dialoge klingen so authentisch, als habe sie jemand gesprochen und leicht geglättet niedergeschrieben. Da entgleist Fenjas Kollegen schon mal die Grammatik. Und Dr. Sanders punkige Putzfrau klingt so richtig schön rotzig. Das war wirklich toll zu lesen.

Offenbar habe ich hier Band 2 einer Serie erwischt und mich deshalb mit der Personalfülle ein bisschen schwer getan. Und die Schnittstelle zwischen dem deutschen und dem englischen Mordfall konnte mich auch nicht restlos überzeugen. Das kam doch alles ein bisschen plötzlich. Trotzdem war dieser Krimi ein Lesevergnügen.

Die Autorin
Marion Griffiths-Karger verbrachte ihre Kindheit auf einem traditionellen Bauernhof in Ostwestfalen. Nach Kaufmannslehre und Studium der Literatur- und Sprachwissenschaft wurde sie Werbetexterin in München, später Autorin und Teilzeitlehrerin. Heute lebt die Mutter zweier erwachsener Töchter mit ihrem Mann bei Hannover und schreibt und liest mit Leidenschaft Kriminalromane.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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