Fahrgast-Erziehung

Vorweg: Ich bin gottfroh, dass es den ÖPNV gibt. Wie käme ich sonst ohne Auto von A nach B? Für Berufspendler wie mich gehören die Busfahrerinnen und Busfahrer, die trotz widrigster Umstände doch noch irgendwie ihren Fahrplan einhalten, zu den Helden des Alltags.

Aber manchmal gibt’s schon Situationen, da denke ich mir: Das hätt’s jetzt nicht gebraucht.

Am Samstag früh fuhr ich mit der Linie 119 vom Einkaufen nach Hause, als eine sehr gestresste junge Frau zustieg. Sie war schon den Tränen nahe, bevor sie den Busfahrer unter mehrfacher Entschuldigung höflich fragte, ob der Bus denn auch die Hindenburgstraße anfahre.

Deutsch war offenbar nicht ihre Muttersprache und auch nicht die des Fahrers. Erst dachte ich, er habe ihre Frage sprachlich oder akustisch nicht verstanden, weil er sie diese dreimal wiederholen ließ, ohne ihr eine Antwort zu geben. Ich kramte meine Taschen zusammen, rüstete mich zum Aussteigen und sah keine Veranlassung, mich in das Gespräch einzumischen.

Dreimal muss sie die Frage wiederholen


Erst als der Fahrer sich lautstark darüber aufregte, dass die junge Frau ihn nicht gefragt habe, ob er in der Hindenburgstraße halte, dämmerte mir, dass da irgendwas schief lief. „Das heißt: ‚Fahren Sie …?’ oder meinetwegen ‚fährst du …?’, ereiferte sich der Mann. „Nicht: fährt der Bus. Der macht nix von selber. Wenn ich nichts mache, fährt der Bus gar nicht!“

Äh … das kann jetzt nicht sein, oder? Der Fahrer hat eine höfliche Nicht-Muttersprachlerin mehrfach eine Frage wiederholen lassen, nur weil ihm ihre Formulierung nicht gefiel?

Manchmal wird es den Fahrern sicher danach sein, dem einen oder anderen Fahrgast ein bisschen fehlende Erziehung angedeihen zu lassen. Aber in diesem Fall war das meines Erachtens nicht nötig. Die Dame war nicht respektlos, sie war nicht ungezogen, sie war nur im Stress und sprach weniger gut Deutsch als der Fahrer.

Die junge Frau war fix und fertig. Ich glaube nicht, dass sie verstanden hat, was sie in den Augen bzw. Ohren des Busfahrers verkehrt gemacht hat. So ganz verstehe ich es auch nicht. „Entschuldigen Sie bitte, fährt dieser Bus auch in die Hindenburgstraße?“, ist für meine Begriffe ein ganz normaler Satz. Und selbst, wenn sie es etwas ungeschickter formuliert hat, ist das noch lange kein Grund, sie deshalb zu schikanieren und lautstark anzugehen.

Bei King Kong hätte er das nicht gebracht


Wäre der Fragesteller männlich gewesen und hätte die Statur von King Kong gehabt, hätte sich der Busfahrer diese wütenden Belehrungen mit ziemlicher Sicherheit verkniffen. Aber junge Mädchen einschüchtern, das geht.

Und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich das alles erst so richtig überrissen habe, als ich selber schon am Aussteigen war. Ich hätte ihr zumindest versichern können, dass sie nichts falsch gemacht hat.

Foto: Peter Smola (c) pixelio.de

Foto: (c) Peter Smola / www.pixelio.de

2 Kommentare

  1. Und hätte sie „fährst du“ gesagt hätte er sie angekackt, ob sie zusammen im Sandkasten gespielt haben. Mein Gott, was für ein Korinthenkacker. Der sollte seine Energie lieber für was anderes nehmen und die wirklich extremen Leute ankacken. Da gibt es sicher mehr Leute, wo er sich austoben kann. Aber man steht wahrscheinlich auch daneben und denkt: was will er denn?

  2. Das hab ich mir auch gedacht: Hätte die Frau anders gefragt, wär’s wahrscheinlich auch nicht recht gewesen und sie hätte ebenfalls eine unverschämte Antwort kassiert.

    Ein gewisses Verständnis für den Unwillen des Fahrers könnte ich allenfalls dann aufbringen, wenn diese Art der „unpersönlichen“ Frage in seiner Muttersprache als extrem unhöflich gelten würde. Aber das kannste ja als Mensch aus einem anderen Sprachraum unmöglich wissen.

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