Fiona Countess of Carnarvon: Zu Gast in Highclere Castle: Geschichten und Rezepte aus dem echten Downton Abbey

Fiona Countess of Carnarvon: Zu Gast in Highclere Castle: Geschichten und Rezepte aus dem echten Downton Abbey, OT: At Home at Highclere – Entertaining at the real Downton Abbey, aus dem Englischen von Dr. Brit Düker (Fließtext) und Martina Walter (Rezepte), München 2017, Callwey Verlag, ISBN 978-3-7667-2292-8, Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen beiliegend, 288 Seiten, 213 Abbildungen, Format: 26,4 x 3 x 29,7 cm, Buch: EUR 39,95 (D) , EUR 41,10 (A), Kindle Edition: EUR 22,99.

Abbildung: (c) Callwey Verlag

„Menüs auf Highclere Castle waren darauf ausgelegt, das Ansehen des Hauses widerzuspiegeln. Sie demonstrierten die Virtuosität der Köche und das Organisationstalent der Gastgeberin.“ (Seite 146)

Eingefleischte Fans der TV-Serie DOWNTON ABBEY werden vielleicht vieles von dem, was uns die Countess von Carnarvon in diesem prächtigen Bildband erzählt, schon wissen. Ich habe zwei Staffeln der Reihe gesehen und war von der Ausstattung ungleich mehr fasziniert als von der Handlung. Vor lauter Staunen über das Schloss und die Bekleidung der Schauspieler habe ich von den Dialogen oft nicht viel mitbekommen. Dass man mit diesem Buch nun hinter die Kulissen dieses phantastischen Drehorts blicken kann, hat mich dann doch gereizt.

Highclere Castle – das wahre Downton Abbey


Highclere Castle heißt das Anwesen also und es wird seit 1679 von den Earls von Carnarvon und deren Familien bewohnt. Moment … Carnarvon? So hieß doch der Lord, der in den 1920er-Jahren die Ausgrabung des Grabes von Pharao Tutanchamon finanziert hat! Ja, genau der! Der gehört hier auch dazu: George Edward Stanhope Molyneux Herbert, 5. Earl of Carnarvon, geboren am 26. Juni 1866 in Highclere Castle. Hier im Buch ist aber gar nicht von seinem Engagement für die Archäologie die Rede. Die Autorin nennt den Lord bei seinem familieninternen Spitznamen „Porchy“ und seine Frau Almina ist für sie irgendwie wesentlich interessanter als er. Zu der Dame kommen wir noch. Und auch dazu, welche Rolle die Rothschilds hier spielen.

Dass Highclere Castle zum Schauplatz von DOWNTON ABBEY geworden ist, war kein Zufall. Julian Kitchener, der Autor der Serie, ist ein Bekannter der Autorin und ihres Mannes, des 8. Earl von Carnarvon. Kitchener soll schon beim Schreiben der Serie an Highclere Castle gedacht haben. Doch nicht nur wegen DOWNTON ABBEY gehört Highclere Castle zu den berühmtesten Schlössern der Welt.

Illustre Gäste, große Gesellschaften


Benjamin Disraeli und seine Frau waren auf dem Schloss zu Gast und auch der Schriftsteller Henry James, der die Einladung aber wohl eher zu Studien für seine Romane genutzt hat als sich wirklich zu amüsieren. Smalltalk fand er anscheinend eher fad. Auch wenn die Bewohner und Bediensteten von Highclere Castle hohen Besuch und große Gesellschaften gewöhnt waren: Als 1895 der Prince of Wales (Albert Edward) für ein Wochenende Gast des 5. Earl of Carnarvon („Porchy“!) war, ist bestimmt vorher alles vor Aufregung Kopf gestanden. Was nur menschlich ist – und solange die Gäste nichts davon merken, auch vollkommen okay.

Die damalige Hausherrin, Almina, Lady Carnarvon, eine uneheliche Tochter des Bankiers Alfred de Rothschild, war zwar noch jung und keine routinierte Gastgeberin, aber sie hat bei Mutter und Stiefvater viel gelernt und verstand offenbar etwas von guter Planung und penibler Vorbereitung. Dem künftigen König von England fehlte es jedenfalls an nichts.

Die Autorin rekonstruiert in Wort und Bild die glanzvollsten Gesellschaften, die in der Vergangenheit auf Highclere Castle stattgefunden haben: wer unter den Gästen war, wie das Unterhaltungsprogramm ausgesehen hat, was serviert und was gesprochen wurde, beziehungsweise was hätte serviert und gesprochen werden können, wenn von einer Veranstaltung keine Aufzeichnungen zu finden sind. Und natürlich gibt’s zu jedem Menü nicht nur tolle Fotos, sondern auch die entsprechenden Rezepte. Und jetzt möchte ich bitte kein „englische Küche – igittibäh“ hören! Die Hochwohlgeborenen haben schon nicht schlecht gegessen!

Aufwändige Rezepte


Im Internet habe ich verschiedentlich gesehen, dass LeserInnen einzelne Gerichte aus dem Buch mit Erfolg nachgezaubert haben. Es ist also machbar, wenn man eine gewisse Affinität zum Kochen hat. Ich bin ja nun nicht so die begnadete Küchenfee, mir ist das alles zu aufwändig. Dass man für die Gerichte einen gewissen Aufwand betreiben muss, wenn es sich um Rezepte aus einer Schlossküche für große gesellschaftliche Ereignisse handelt, war allerdings zu erwarten. Das ist definitiv kein Kritikpunkt an dem Buch. Höchstens an meiner Kochkunst.

Ich war mehr an den Geschichten der Schlossbewohner von damals und heute und an ihren Gästen interessiert. Und an den Berichten von den Dreharbeiten. Auch das Personal lernen wir kennen: Die Schlossführerin, den Leiter des Sicherheitsdienstes, die Hauswirtschafterin, die Malerin und Dekorateurin … Sie alle kommen zu Wort. Viele haben das Rentenalter längst überschritten. Dass sie immer noch arbeiten, ist hoffentlich darauf zurückzuführen, dass sie auf dem Anwesen wohnen, daran hängen und sich immer noch gerne nützlich machen – und nicht darauf, dass sie so wenig verdient haben, dass jetzt im hohen Alter noch berufstätig sein müssen.

Mit wundervollen Farbfotos, interessanten Informationen und unterhaltsamen Anekdoten führt uns die Autorin durch die verschiedenen Räume des Schlosses. Und wie es, zur heutigen Zeit auf diesem Anwesen zu leben, erfahren wir auch.

Mehr als nur ein Kochbuch


Dieses Buch ist mehr als nur ein „Highclere-Castle“-Kochbuch mit Wahnsinnsfotos. Es setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen:

  • Geschichten über Bewohner, Gäste und Gesellschaften
  • Rezepte
  • Mitarbeiterporträts
  • Schlossrundgang durch die verschiedenen Räume

Auf diese Weise bekommt man einiges mit von einem Leben, das meilenweit von dem von der Lebenswirklichkeit der meisten Leserinnen und Leser entfernt sein dürfte. Man kann ein bisschen von einem Leben als Schlossherrin träumen oder gottfroh darüber sein, dass man die Verantwortung nicht tragen muss, ein solches Anwesen zu finanzieren und organisatorisch am Laufen zu halten.

Im Rahmen meiner Vorbereitungen für diese Buchvorstellung wurde im Bekanntenkreis rege diskutiert, ob man in einem deutschen Text das Wort „Infusion“ stehen lassen kann, wenn man „Kräutertee“ meint, wie hier auf Seite 281, oder ob der deutsche Leser dann denkt, man müsse diesen Aufguss intravenös verabreicht bekommen, damit er seine Heilwirkung entfaltet. Wir sind zu keinem Schluss gekommen.

Ist es eigentlich Absicht, dass das Lesebändchen dem Buch nur lose beiliegt, statt am Kopf des Buchblocks befestigt zu sein? Handelt es sich hier um eine Sparmaßnahme oder um einen Produktionsfehler?

Ein aufwändig ausgestattetes Luxusbuch


Und wo ist der Text unten auf Seite 13 abgeblieben? Beim Umbruch unter dem Bild von Benjamin Disraeli verschwunden? Am Ende der ersten Spalte hört ein Satz mittendrin auf. Da scheint ein ganzer Absatz zu fehlen, wenn nicht mehrere. Deswegen ergibt der Text auf dem Rest der Seite auch gar keinen Sinn mehr. Zumindest dem durchschnittlich informierten Leser fehlen nun zu viele Informationen, um sich da noch etwas Gescheites zusammenreimen zu können. Deswegen wird man sich vermutich beim Verlag auch schon tüchtig in den Allerwertesten gebissen haben. Da bringt man nun mit einem Mordsaufwand ein hochwertig ausgestattetes Luxusprodukt auf den Markt – und dann passiert so ein blöder Fehler!

Eine nette Idee ist der „handgeschriebene“ Resell-Flyer, der dem Buch beiliegt. Er sieht auf den ersten Blick wirklich so aus wie eine persönliche Notiz von der Verlegerin.

Abbildung: (c) Callwey Verlag

Sollte ich mir irgendwann eine Wiederholung von DOWNTON ABBEY ansehen, werde ich mich wahrscheinlich weniger denn je auf die Probleme der fiktiven Familie Crawely konzentrieren können, weil mir jetzt die amüsanten und interessanten realen Geschichten und Informationen der Countess of Carnarvon im Kopf herumspuken.

Die Autorin
Fiona Countess of Carnarvon ist mit dem 8. Earl of Carnarvon verheiratet, dessen Familie seit 1679 auf Highclere Castle lebt. Neben ihrem Einsatz für den Familiensitz ist sie Autorin der internationalen Bestseller Lady Almina und Das wahre Downtown Abbey und Lady Catherine and the Real Downtown Abbey.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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