Carolin Rath: Das Erbe der Wintersteins. Roman

Carolin Rath: Das Erbe der Wintersteins. Roman, Köln 2018, Verlag: be – ein Imprint von Bastei Entertainment, ISBN 978-3-94761002-0, Softcover, 359 Seiten, Format: 12,6 x 2,5 x 19 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle: EUR 6,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb. (c) be – Bastei Enterainment

Unterschwarzbach im Winter 1882Die Anweisungen des Kindsvaters waren klar. Er hatte es sogar schriftlich fixiert: Die Rummelplatz-Artistin Lucilla sollte die kleine Claire nach dem Tod ihrer Mutter zu deren Großmutter bringen. Doch die Kutsche verunglückt. Als der Krämer Wenzlaff Federer zufällig am Unfallort vorbeikommt, findet er nur das Baby lebend vor und bringt es auf den nahegelegenen Einödhof der Familie Winterstein.

Die Bäuerin ist alleinstehend, also zieht sie die Kleine als ihr Mündel auf. Der Pfarrer ist es, der dem Kind den Namen Klara Winterstein gibt. Das ist so nahe an der Wahrheit, dass man den Verdacht nicht loswird, der Gottesmann habe womöglich den verschollenen Brief des Kindsvaters gefunden. Aber wieso verschweigt er das?

Findelkind Claire flieht in die Stadt

Irgendwas wird für den Pfarrer schon dabei herausgesprungen sein. In Klaras Jugend versucht ja jeder, sich auf ihre Kosten zu bereichern. Kein Wunder, dass sie die erstbeste Gelegenheit nutzt und Hals über Kopf in die Stadt flüchtet. Leider ist ihr Glück dort nur von kurzer Dauer. Als Professor von Eyck, ihr Gönner und Arbeitgeber, überraschend stirbt, kann sie nicht länger in dessen Haushalt bleiben. Zusammen mit dem Dienstmädchen Agnes geht sie auf Stellensuche, bis es die beiden schließlich auf den Rummelplatz verschlägt, auf dem Klaras leiblicher Vater, Carlo Federico Inverno, der Impresario ist. Und, nein, er heißt nicht „Inferno“ (Hölle), obwohl das zu seinem Charakter passen würde. Das V in seinem Namen steht mit voller Absicht dort.

Familie Winterstein, 2016: Irgendwie muss die kleine Klara aus Unterschwarzbach im Lauf ihres Lebens zu ihrem ursprünglichen Vornamen, Geld, einer Porzellanfabrik und einer hochherrschaftlichen Villa in Meylitz gekommen sein. Mindestens ein Kind hat sie auch gehabt. Einen Ehemann dagegen nicht, denn ihre Nachkommen, denen wir im Jahr 2016 begegnen, heißen nach wie vor Winterstein.

2016: Claires Tagebuch wird gefunden

Gustav Winterstein, Seniorchef der Porzellanfabrik und ein Enkel von Claire, will die seit Jahren leerstehende Familienvilla in Meylitz endlich verkaufen. Damit das Objekt auf dem Markt einen besseren Preis erzielt, soll Tochter Celine, Mitte 30, eine Restauratorin, die notwendigen Sanierungsarbeiten vornehmen lassen und ein bisschen „Homestaging“ betreiben. Über dieses Projekt verkracht sie sich heftig mit ihrem Freund, dem Journalisten Albert. Statt dass sie sich an Weihnachten verloben, kommt es zum Bruch und Albert verschwindet. Dem Leser ist das nur recht. Der fragt sich ohnehin, was Celine an diesem Schleimbeutel gefunden hat.

Statt ihre Verlobung zu feiern, sitzt Celine jetzt also mit Kumpel Konrad über die Weihnachtsfeiertage in der zerfallenden Villa und studiert Uromas Claires Tagebuch, das sie bei den Renovierungsarbeiten im Haus gefunden haben. Anscheinend hatte die Urgroßmutter das eine oder andere düstere Geheimnis …

Das Mädchen vom Rummelplatz

Wie so oft bei diesen Geschichten auf zwei Zeitebenen ist der Handlungsstrang in der Vergangenheit ungleich interessanter als der in der Gegenwart. Hier hatte ich sogar den Eindruck, als stammten die  beiden Teile von zwei verschiedenen Autoren. Die Story um das Findelkind Claire ist zwar ziemlich konstruiert, spielt aber in einer spannenden Umgebung – auf dem Rummelplatz mit seiner bizarren „Sideshow“ (= „Freakshow“) – und man leidet mit dem Mädchen mit, das überall nur ausgenutzt wird.

Die Geschichte um die heutige Fabrikantenfamilie Winterstein erinnert mich dagegen stark an die Fernsehfilme am Samstag Abend, in denen gut ausgeleuchtete schöne Menschen in schickem Ambiente ihre hundsgemeinen Familienintrigen spinnen. Wenigstens müssen hier keine Bayern, Sachsen und Schwaben so tun, als seien sie gebürtig aus Cornwall. 😉

Raffinierte Rückblenden

Die Rückblenden auf Claires Leben sind raffiniert gemacht. Über weite Teile schauen wir ihrer Urenkelin über die Schulter, wie sie in dem alten Tagebuch liest. Um das Verfahren abzukürzen, gibt Celine immer wieder mal einem ihrer Verwandten eine kurze mündliche Zusammenfassung über das Geschehen. So überspringen wir Jahre und Lebensphasen, sind aber, was wichtige Entwicklungen angeht, trotzdem stets auf dem Laufenden.

A propos Verwandtschaft … sehr lebensnah ist Celines trampelige Schwägerin in spe geraten. Dumm wie Brot, egozentrisch, merkbefreit. Solche Leute kennt jeder. Vielleicht hatte „Maddie“ ja ein reales Vorbild.

Glaubwürdig und nachvollziehbar ist auch das, was damals im 19. Jahrhundert Claires Gegenspieler angetrieben hat, genau wie die Wahl seiner Mittel. Diesbezüglich hatte er keine große Auswahl. Er hat sich eben der Methoden bedient, mit denen er in seinem bisherigen Leben immer gut gefahren ist.

Ein Bösewicht auf Comic-Niveau

Über Celines Antagonisten habe ich mich allerdings geärgert. Plötzlich wird aus einem smarten, gebildeten, gut vernetzten Menschen des 21. Jahrhunderts ein fieser Bösewicht auf Comic-Niveau. Hätte diese Person ihre Interessen und Ansprüche mit Mitteln der Wissenschaft und Rechtsprechung nicht viel besser durchsetzen können? Selbst wenn Rache und Zerstörung das Hauptmotiv gewesen wäre – so absurd der Gedanke hier auch ist –, hätte dieser Mensch schon allein aus beruflichen Gründen über das perfekte Instrumentarium für eine subtile, hinterhältige Vernichtungskampagne verfügt. Er hätte überhaupt nicht brutal werden müssen! Und so verfolgt man das spannende Finale und denkt dabei die ganze Zeit: „Warum nur? Warum?“

Meinetwegen hätte man den Handlungsstrang über die modernen Nachfahren der Wintersteins komplett weglassen können (auch wenn mir dadurch die herrlich dämliche Schwägerin Maddie entgangen wäre!). Ich wäre mit einem historischen Roman über die unangepasste Claire vom Rummelplatz vollauf zufrieden gewesen.

Die Autorin

Carolin Rath, Jahrgang 1964, studierte Sozialwesen und schreibt seit ihrer Kindheit Geschichten und Romane. Sie sitzt gern in Zeitmaschinen und bereist in ihrer Phantasie die jüngere und weiter zurück liegende Vergangenheit, wobei sie als permanenten Wohnort jedoch die Gegenwart eindeutig vorzieht. Wenn sie nicht gerade schreibt, unterrichtet sie an der Volkshochschule oder geht einem ihrer zahlreichen Hobbys nach. Sie wohnt in einem kleinen, alten Fehnhaus in Ostfriesland.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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