Sebastien de Castell: Spellslinger – Karten des Schicksals. Band 1 (ab 12 J.)

Sebastien de Castell: Spellslinger – Karten des Schicksals. Band 1 (ab 12 J.), OT: Spellslinger, aus dem Englischen von Gerald Jung und Katharina Orgaß, München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-76276-2, Hardcover, 411 Seiten, mit s/w-Illustrationen von Sam Hadley, Format:  15,2 x 3,8 x 21,3 cm, Buch: EUR 16,95 (D), EUR 17,50 (A), Kindle: EUR 14,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb. (c) dtv

„Gegen welchen Widersacher kann Magie nichts ausrichten?“, fragte ich.
Mer’esan schaute mich an. Ihr Gesicht war so kummervoll, dass sie zum ersten Mal so alt aussah, wie sie wirklich war. „Gegen die Wahrheit“, antwortete sie.
(Seite 175)

Der Autor hat das Buch seinem Bruder gewidmet, „der schon immer eine Schwäche für unausstehliche Viecher hatte“. Die hat’s hier reichlich, und sie bringen Witz in die Bude und Tempo in die Geschichte. Allerdings tauchen sie erst nach rund 150 Seiten auf. Vorher hat dieser Roman dasselbe Handicap wie alle Fantasyreihen, die in komplexen Welten spielen, die nach ganz anderen Gesetzen funktionieren als unsere eigene: Man muss erst einmal verflixt viel erklären.

Ein Zauberlehrling verliert seine Kräfte

Held der Geschichte ist der fünfzehnjährige Kellen aus dem Volk der Jan’Tep, Sohn des Großmagus Ke’heops und der mächtigen Heilerin Bene’maat. Noch ist er Schüler bei Meister Osia’phest, aber er steht kurz vor seinen Abschlussprüfungen zum Magier. Für deren Ausgang sieht Kellen allerdings schwarz. Zwar konnte er sich bislang immer irgendwie durchmogeln, doch seine magischen Kräfte werden schwächer statt stärker. Da nutzt alle elterliche Hilfe nichts. Seine dreizehnjährige Schwester Shalla ist wesentlich stärker und begabter als er.

Eigentlich hat Kellen ja gar keinen Bock auf diesen arroganten, machtgierigen und missgünstigen Magier-Haufen. Aber wenn er bei der Prüfung durchfällt, wird er aus der Familie ausgestoßen zu einem Sha’Tep heruntergestuft – einem Sklaven ohne magische Begabung. Dann kann er nur noch Diener oder Minenarbeiter werden und sich Ehe und Familie abschminken. Seinem Onkel Abydos ist das passiert, und es ist wirklich kein erstrebenswertes Schicksal. Dann lieber bei den Prüfungen betrügen und hoffen, dass es nicht rauskommt!

Schummeln ist auch keine Lösung

Zunächst scheint alles prima zu klappen, doch dann verpfeift ihn ausgerechnet seine kleine Schwester. Die Reaktion seines Umfelds überlebt Kellen nur mit knapper Not – und auch nur weil ihm eine geheimnisvolle rothaarige Fremde zu Hilfe kommt. Sie stellt sich als Ferius Parfax vor und erinnert vom Aussehen und Auftreten her an einen Spieler oder Glücksritter aus einem Western. Magische Kräfte hat die Lady keine, aber als Angehörige des reisenden Argosi-Volks beherrscht sie jede Menge Tricks – mit Spielkarten und ohne.

Warum sie in der Stadt ist und wieso sie ihm hilft, hinterfragt Kellen nicht. Er ist froh, dass sein Prüfungsbetrug von einer anderen wichtigen Nachricht verdrängt wird: Der Fürst ist verstorben, und jetzt streiten Kellens Vater Ke’heops (Haus Ke) und sein Konkurrent, der Großmagus Ra’meth (Haus Ra) erbittert um dessen Nachfolge.

Je mehr Kellen von diesen Machtkämpfen mitkriegt und je tiefer er dank der Fürstenwitwe Mer’esan in die Geheimnisse der Geschichte seines Volkes eindringt, desto abstoßender erscheinen ihm seine eigenen Leute. Wäre Kellen erwachsen, würde er seiner verlogenen magischen Mischpoche vermutlich den Krempel vor die Füße hauen und mit Ferius in den Sonnenuntergang reiten. Aber er ist ein Teenager, der nichts mehr will als dazuzugehören und so zu sein wie die anderen.

Ein grantiger Baumkater als Schutztier?

Kellens Schwester Shalla sieht noch eine letzte Möglichkeit, ihrem Bruder wieder zu magischen Kräften zu verhelfen: Er muss sich mit einem Schutztier verbinden. Die Zeremonie geht gründlich schief. Bei dem Versuch, einen Falken zu beschwören, verschwindet Shalla spurlos – und statt einer Partnerschaft mit einem stolzen Greifvogel tritt sich Kellen den Baumkater Reichis als „Geschäftspartner“ ein. Reichis muss man sich wie eine grantig-aggressive Mischung aus Luchs und Flughörnchen vorstellen, impulsiv, bissig, schandmäulig und hinterlistig. Mitgefühl ist ihm fremd. Für alles, was er tut, will er sofort eine Gegenleistung. Damit erinnert er ein bisschen an die Ferenghi aus dem STAR-TREK-Universum.

Auf die Zweibeiner, diese haarlosen Hautsäcke, ist Reichis nicht gut zu sprechen. Die haben seiner Art in der Vergangenheit übel mitgespielt. Aber an den jungen Kellen ist er nun gebunden. Ihm muss er helfen, seine  verschwundene Schwester zu finden, auch wenn er Shalla für ein arrogantes Miststück hält, das mit ihrer magischen Hochbegabung eine Gefahr für die Welt darstellt.

Auch Ferius Parfax ist jetzt irgendwie zwischen die Fronten der Jan’Tep-Machtkämpfe geraten und braucht Hilfe. Einer Trickserin und Spielernatur wie ihr hilft Reichis gar nicht so ungern. Und nun wird getäuscht und gezaubert, gelogen und betrogen, geflüchtet und verfolgt,gelästert, geprügelt, gebrandschatzt und Material in die Luft gejagt, dass es eine wahre Pracht ist.

Zwischen den Fronten eines Thronfolgerkriegs

Auf einmal mischt neben den konkurrierenden Häusern Ke und Ra noch eine dritte Partei mit, die niemand auf dem Zettel hatte. Wer ist jetzt eigentlich für das Verschwinden für Shalla und Ferius verantwortlich? Und warum? Wird es Kellen und Reichis samt dessen Rudel gelingen, das Mädchen und die Frau zu retten, auch wenn die feindliche Übermacht viel stärker erscheint?

Selbst wenn – was bedeutet das alles für Kellen? In sein altes Leben kann er im Grunde gar nicht mehr zurück. Dafür weiß er jetzt zu viel: Nichts und niemand ist so, wie man es ihnen von klein auf weisgemacht hat. In mehr als einer Hinsicht ist die Wahrheit ungeheuerlich. Das gilt, wenn man genau hinschaut, sogar für Kellen selbst – und auch für seine Mentorin, die Argosi-Frau Ferius Parfax …

Filmreifer Krawall und Polit-Intrigen

Der Krawall, den die gegnerischen Parteien vom Zaun brechen, ist nicht von schlechten Eltern. Wie’s hier kracht, blitzt, raucht und scheppert, kann man sich wunderbar als Film vorstellen. Auch Kellens Entwicklung – ein Teenager kapiert, was hinter den Kulissen wirklich abgeht – ist nachvollziehbar. Bei all den gesellschaftlichen und politischen Intrigen muss man aber gut aufpassen, damit man immer weiß, wer was aus welchem Grund tut. Obwohl … wirklich sicher kann man sich nie sein, weil jeder der Akteure noch ein bis fünf Asse im Ärmel zu haben scheint.

Nach leichten Anlaufschwierigkeiten hat mich dann doch interessiert, wohin die Reise für Kellen geht. Irgendwas muss der Autor ja mit seinem jungen Helden vorhaben. Ich könnte mir schon vorstellen, welche Aufgabe auf den kritischen jungen Mann wartet, aber wer weiß, ob der Autor das auch so sieht? Auf Englisch sind schon sechs Bände erschienen, womit die Reihe dann wohl abgeschlossen ist. Und so, wie ich das sehe, kennen wir Leser*innen des ersten Bandes bislang nur einen Bruchteil dieser phantastischen Welt. Da dürfte uns noch die eine oder andere überraschende Wendung ins Haus stehen.

Ich bin schon mal gespannt darauf, was der Verlag mit den einzelnen Buchtiteln macht. Bleiben die alle im englischen Original stehen? Ein Spellslinger ist ja nichts anderes als ein Zauberer. https://decastell.com/product/karten-des-schicksals/

Der Autor

Der Kanadier Sebastien de Castellhatte gerade sein Archäologiestudium beendet, als er mit der ersten Ausgrabung begann. Vier Stunden später begriff er, wie sehr er Archäologie hasste und ließ sie kurzerhand hinter sich, um Musiker, Projektmanager, Kampf-Choreograf und Schauspieler zu werden. Auf die eine oder andere Weise spiegeln sich all seine beruflichen Tätigkeiten in seinem Schreiben wider. Sebastien de Castell wurde in Kanada geboren und lebt heute in den Niederlanden.

Die Übersetzer

Katharina Orgaß und Gerald Jung arbeiten seit Jahren als Übersetzerteam und haben u.a. Werke von Jonathan Stroud, Alan Bradley und Mary E. Pearson übersetzt.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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