Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, OT: Invisible Women. Exposing data in a world designed for men, aus dem Englischen von Stephanie Singh, München 2020, btb-Verlag, ISBN 978-3-442-71887-0, Klappenbroschur, 494 Seiten, Format: 13,8 x 3,8 x 20,7 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 12,99.

Abb. (c) btb-Verlag

„Wenn Entscheidungen, die uns alle betreffen, nur von wenigen weißen, gesunden Männern getroffen werden, die in neun von zehn Fällen aus den USA stammen, ist (…) dies eine Datenlücke – genau wie das Übergehen weiblicher Körper in der medizinischen Forschung. 
(…) So werden Unterschiede ignoriert und wir fahren fort, als seien der männliche Körper und dessen Lebenserfahrung geschlechterneutral. Dabei handelt es sich um eine Form der Diskriminierung von Frauen.“
 (Seite 13/14)

Der Mensch geht von sich selber aus und glaubt, dass seine Denk-und Vorgehensweise typisch sei. Das ist normal. Dass andere Menschen andere Bedürfnisse haben könnten, kommt uns in der Regel nur dann in den Sinn, wenn uns äußere Umstände dazu zwingen, eine fremde Perspektive einzunehmen.

Kurios wird’s, wenn in vielen Lebensbereichen die Entscheidungen von einer recht homogenen Gruppe von Männern getroffen werden. Im Alltag, am Arbeitsplatz, in Design, Medizin und im öffentlichen Leben ist der Mann die Norm und Frauen sind die Ausnahme. Das ist jetzt kein feministisches Mimimi. Wäre der Sachverhalt wirkungsneutral, wäre uns das doch Wurscht. Aber sobald es nicht nur ein bisschen lästig und umständlich ist, sondern handfeste Nachteile bis hin zu tödlichen Gefahren mit sich bringt, darf uns das nicht egal sein.

Die Autorin hat sich durch Unmengen von Literatur und Daten gearbeitet – 1331 Quellenangaben auf rund 70 Seiten zeugen davon – und Erstaunliches sowie Erschreckendes zu diesem Thema zutage gefördert.

1. Alltagsleben

Was gerne mal unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass Frauen weltweit den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit leisten und sich, oft zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit, um Haushalt, Kinder und hilfsbedürftige Angehörige kümmern. Demzufolge sieht ihr Alltag anders aus als der eines in Vollzeit berufstätigen Mannes, von dieser Sorgearbeit weitgehend befreit ist.

Frauen legen z.B. mehr „aneinandergereihte“ Wege zurück als Männer: Kinder zur Schule bringen, zur Arbeit fahren, ein älteres Familienmitglied zum Arzt begleiten und auf dem Heimweg einkaufen. Da kann es in Gegenden, in der nicht jede Frau ein Auto hat, drastische Folgen haben, wenn das Angebot des ÖPNV aus Ersparnisgründen zusammengestrichen wird und die Wege sich unendlich verkomplizieren. Lassen sich Sorge- und Erwerbsarbeit nicht mehr vereinbaren, wird der Job oft aufgegeben. Das ist schlecht, wenn frau allein erziehend und nun auf staatliche Unterstützung angewiesen ist.

Es gibt vieles zu beachten, wenn man öffentlichen Raum für Männer und Frauen sicher und sinnvoll nutzbar gestalten will. Dass beispielsweise Toiletten viel mehr mit Geschlechtergerechtigkeit zu tun haben als dass die Schlange vorm Männerklo immer viel kürzer ist, hatte ich nicht auf dem Schirm. Aber Caroline Criado-Perez untersucht die Zustände weltweit, und in Indien, Afghanistan oder in den südafrikanischen Townships hat das Thema eine ganz andere Bedeutung als als bei uns.

2. Am Arbeitsplatz

„Da immer mehr Frauen berufstätig sind, Männer aber nicht entsprechend mehr unbezahlte Arbeit erledigen, steigt die Gesamtarbeitszeit von Frauen an. Zahlreiche Studien aus den letzten 20 Jahren haben gezeigt, dass Frauen ungeachtet ihres Beitrags zum Haushaltseinkommen den Großteil der unbezahlten Arbeit erledigen.“ (Seite 105)

Das bedeutet für die Frauen: mehr Stress, Arbeit, die nicht wahrgenommen wird, Nachteile in allen Jobs mit starker Präsenzkultur, weniger Gehalt und weniger Rente. Die verschiedenen Regelungen für Mutterschutz und Elternzeit sind manchmal zielführend und manchmal haarsträubend.

Hier gibt’s Beispiele, die ziehen einem die Schuhe aus. Das Theater mit der Spesenabrechnung der Kreativdirektorin mit Kind, zum Beispiel (Seite 130), oder die Bewerberauswahl von Programmierer*innen (Seite 150 ff!) So etwas kann man sich nicht ausdenken.

Das ist alles zweifellos krass, genau wie Geräte und Maschinen, die so konstruiert sind, dass ein durchschnittlich großer Mann sie bedienen kann, aber körperlich kleinere und schwächere Frauen nicht gut damit klarkommen, weil die Teile zu schwer und unhandlich sind oder Griffe in der falschen Größe oder am falschen Platz haben. Richtig übel wird das, wenn sich Frauen bei Militär und Polizei mit Ausrüstungen plagen müssen, die auf der Basis der Körpermaße von Männern entwickelt wurden und ihnen einfach nicht passen. Es kann lebensgefährlich werden, wenn z.B. eine Sicherheitsausrüstung nicht sitzt – siehe die Beispiele auf den Seite 177 ff.

3. Design

Sind Frauen in Entwicklungsländern etwa zu doof, um segensreiche Dinge wie Fortbildung, einen sauberen Herd ohne schädliche Emissionen oder das Saatgut für eine neue Getreidesorte zu nutzen? Oder liegt es nicht vielleicht doch daran, dass im Vorfeld niemand danach gefragt hat, was sie wirklich brauchen?

Klaviertastaturen, i-Phones, Spracherkennungssoftware – alles optimiert für Männerhände bzw. –Stimmen. Und frau muss sich vom Vizepräsidenten eines Navi-Herstellers auch noch schwach anreden lassen. Sie bräuchte eben „ein langes Training“ um mit der Software zurechtzukommen. Selber schuld! Was haben Frauen auch höhere Stimmen als Männer!

Der Beispiele sind hier noch viele. Richtig gefährlich wird das Vorbeiplanen an den Frauen z.B. bei der Konstruktion von Autos. Weil hier hauptsächlich mit männlichen Crashtest-Dummys gearbeitet wird, sind Sicherheitsmaßnahmen für Autofahrerinnen und Beifahrerinnen suboptimal.

„Dass das Risiko schwerer Verletzungen bei Autounfällen für Frauen um 47% höher ist als das der Männer, ist eine extreme Ungleichheit, die nicht länger übersehen werden sollte.“ (Seite 259)

4. Der Arztbesuch

Das war mir jetzt nicht ganz so neu. Dass Frauen zum Teil andere Krankheitssymptome haben als Männer (Herzinfarkt!), dass Medikamente bei Männern und Frauen aufgrund von Körperbau, Fettverteilung, Hormonen und Stoffwechsel anders wirken können und dass Frauen bei unklaren Beschwerden schneller auf die Psychoschiene geschoben werden als Männer, das hatte ich schon öfter gelesen. Wenn medizinische Studien überwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt werden, ist das alles auch kein Wunder.

„Über Jahrtausende hinweg folgte die Medizin der Annahme, der männliche Körper stehe für den menschlichen Körper an sich. Die Folge ist eine riesige, über lange Zeit entstandene Datenlücke hinsichtlich weiblicher Körper.“ (Seite 291)

5. Öffentliches Leben

Das ist jetzt der fade Wirtschaftsteil: 😉 Auch unbezahlte Dienstleistungen, z.B. von Hausfrauen, haben einen wirtschaftlichen Wert. Würde man diesen bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eines Landes mit einbeziehen, sähe so manches anders aus. Man hat diesen Wert aber absichtlich außer Acht gelassen, was zu seltsamen Verzerrungen führt.

Ist es wirklich Produktivitätswachstum, wenn Hausfrauen außer Haus berufstätig werden und das, was sie vorher unbezahlt daheim geleistet haben, jetzt durch bezahlte Konsumgüter und Dienstleistungen ersetzen? Oder werden da nur Werte von A nach B geschoben? Und ist es schlau, öffentliche Ausgaben, z.B. im Pflegebereich, so weit herunterzufahren, dass diese Arbeit unentgeltlich von den Frauen daheim geleistet werden muss? Das ist doch nur eine Verlagerung! Wenn die Frauen dafür ihre Erwerbstätigkeit aufgeben müssen und arbeitslos werden, verursacht das doch auch Kosten. Eine Milchmädchenrechnung!

„Erhöht sich der Anteil der unbezahlten Arbeit, die Frauen verrichten müssen, sinkt zugleich ihre Beteiligung an der bezahlten Arbeit. Und die bezahlte Arbeit, die Frauen verrichten, hat einen großen Einfluss auf das BIP.“ (Seite 327)

6. Wenn etwas schiefgeht

Wenn schon in guten Zeiten den Perspektiven von Frauen nicht Rechnung getragen wird, verschlimmert sich das ganze noch, sobald etwas in großem Maßstab schiefläuft: In Kriegen, bei Naturkatastrophen oder Pandemien. In Katastrophenzeiten ist erst einmal anders wichtig, das sind die Belange der Frauen „Minderheiteninteressen“. Tja, und dann gehen sie her und bauen nach einem Erdbeben in Indien Häuser ohne Küchen. Kein Einzelfall. Ein paar Jahre später in Sri Lanka genau dasselbe. Auch in den USA stehen nach diversen Hurrikanen gern mal wirtschaftliche Interessen über den Bedürfnissen der dauerhaft aus ihren Wohngebieten vertriebenen Menschen, die alle Geringverdiener und hauptsächlich schwarze Frauen waren. Es hat halt wieder keiner gefragt!

Was es für Frauen bedeutet, nach der Flucht vor Krieg oder Naturkatastrophen  in einem Flüchtlingslager zu landen, beschreibt die Autorin ganz zum Schluss. Stichwort: geschlechterspezifische Gewalt. Im Vergleich dazu ist so manches, was in den vorangegangenen Kapiteln geschildert worden ist, nur Kleinkram aus der Ersten Welt. Man muss es sich trotzdem nicht gefallen lassen. Es kann doch nicht sein, dass 50% der Menschheit als „atypisches Geschlecht“ marginalisiert werden!

Streckenweise liest sich das Buch schon ein bisschen zäh. Das hat Lektüre mit vielen Zahlen so an sich. Aber es macht einem Zusammenhänge bewusst und beschert einem so manches Aha-Erlebnis. Zum Abschluss zitiere ich gerne die Widmung auf Seite 5:

„Für die beharrlichen Frauen – bleibt verdammt nochmal schwierig!“

Die Autorin

Caroline Criado Perez, 1984 geboren, ist Autorin und Rundfunkjournalistin. Sie publiziert u.a. im New Statesman und im Guardian und hält regelmäßig Vorträge. Als eine der international bedeutendsten feministischen Aktivistinnen ihrer Zeit wurde Criado Perez mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Zu ihren bekanntesten Kampagnen-Erfolgen gehören die Mitfinanzierung der Website Women’s Room, der Abdruck einer Frau auf britischen Banknoten, die Verpflichtung von Twitter, seinen Umgang mit dem Thema Missbrauch zu ändern, und die Aufstellung einer Statue der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett auf dem Parliament Square. 2013 wurde Caroline Criado Perez zum Human Rights Campaigner of the Year ernannt. Seit 2015 ist sie Officer of the Order of the British Empire (OBE). Sie lebt in London.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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