Gina Mayer: Internat der bösen Tiere (Band 1) – Die Prüfung (ab 10 J.)

Gina Mayer: Internat der bösen Tiere (1) – Die Prüfung (ab 10 J.), Ravensburg 2020, Ravensburger Verlag, ISBN 978-3-473-40842-9, Hardcover mit Gucklochstanzung, 288 Seiten mit s/w-Illustrationen von Clara Vath, Format: 15,3 x 3 x 21,5 cm, Buch: EUR 14,99 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Ravensburger Verlag

„Wir unterrichten Schüler aus sämtlichen Erdteilen“, begann Mrs Moa. „Viele Tierarten sind hier vertreten. Jede Art und jedes Wesen bringt seine speziellen Fähigkeiten mit. (…) Wir lernen unsere eigenen Stärken kennen und dann teilen wir sie miteinander, das ist das Prinzip der Schule. (…) Wir legen großen Wert auf vielfältige Beziehungen. Auf Freundschaften zwischen den Arten. Du wirst das alles kennenlernen.“ (Seite 122)

Vor vielen Jahren ist Karins wilde jüngere Schwester Sonya spurlos verschwunden. Nur einmal haben sich die beiden kurz wiedergesehen: Am Weihnachtsabend vor 13 Jahren stand sie plötzlich vor Karins Tür, hat Karin ihren neugeborenen Sohn Noel in den Arm gedrückt und ist sofort wieder abgetaucht. Niemand hat seither von ihr gehört.

Ein Held mit Hang zu Katastrophen

Seitdem hat Karin jeden einzelnen Tag bereut, dass sie sich das Kind hat aufnötigen lassen. Ihr Mann und sie haben den Jungen zwar adoptiert – er kann ja nichts für seine Mutter! – aber sie haben nie einen Draht zu ihm gefunden. Von klein auf hat Noel ein Talent, sich in Schwierigkeiten zu bringen und Mist zu bauen. In seiner Familie fühlt er sich fremd, und seine Adoptiveltern finden, es sei etwas Böses in ihm. Dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist, haut ihm sein vermeintlicher Vater erst um die Ohren, als er seine Frau verlässt.

Jetzt weiß Noel wenigstens Bescheid. Aber es wird eher schlimmer als besser. Er hört Stimmen, glaubt, dass eine Eule ihn stalkt und ein Schwarzbär ihm nach dem Leben trachtet. Dass Karin ihn deshalb vorzeitig aus dem Skilager abholen muss, ist schon übel genug. Doch als er den Chemiesaal seiner Schule in Brand setzt, weiß er, dass er den Bogen endgültig überspannt hat. Er kann und will nicht mehr nach Hause zurück.

Hat ihn ein Hund zum Hafen bestellt?

Egal, ob ihm wirklich der Wachhund vom Supermarkt „um drei Uhr am Frachthafen“ zugeraunt hat oder ob er jetzt komplett durchdreht – Noel geht zum genannten Treffpunkt und lässt sich dort von einer dauerquasselnden Ratte dazu überreden, an Bord eines Frachters zu gehen und sich mit ihr zusammen in einem Container zu verstecken. Doch, doch, das habe alles seine Richtigkeit! Auf den geheimen Inseln, auch bekannt unter der Bezeichnung „Internat der bösen Tiere“ erwarte man ihn bereits. 

Auf höchst abenteuerliche und gefährliche Weise gelangt er an sein Ziel – und da geht es noch verrückter zu als den in wirrsten Fieberträumen! Die Krankenschwester, die ihn wieder gesund pflegt, ist eine Gorilladame, seine Begleitung, die ihn auf dem Schulgelände herumführt und ihm alles erklärt, ist eine Tarantel und die Schulleiterin eine Würgeschlange. Und alle kommunizieren telepathisch miteinander.

Schafft Noel die Aufnahmeprüfung?

Menschen gibt’s hier auch: die attraktive Jägerin Katokwe und der mürrische Asiate Taiyo, mit dem er um einen Platz im Internat wetteifern soll. Dazu müssen die beiden Jungs eine gefährliche Prüfung bestehen. Doch der hibbelige Noel scheitert bei den Vorbereitungen schon an der Grundvoraussetzung, der telepathischen Kommunikation. Da kann ihm sein Lehrer, der Marabu Ezekweseli, hundert Mal sagen, er solle an nichts denken und seinen Geist öffnen – Noel weiß einfach nicht, wie er das bewerkstelligen soll. Nur wenn andere mit Gewalt seine Barrieren durchbrechen, kann er ihre Gedanken hören.

Noel hat viele Fragen

Warum gehen trotzdem alle davon aus, dass er die Prüfung bestehen und ins Internat aufgenommen werden wird? Das klingt beinahe so, als habe er von Haus aus ein Anrecht darauf. Aber wieso? Weshalb wissen die Inselbewohner, die sich selbst „die Auserlesenen“ nennen, hier Dinge über ihn, von denen er selbst noch nichts wusste? Und warum ist der Bär hinter ihm her? Noel hat ihm doch nie etwas getan. Bis vor ein paar Tagen hat ja noch nicht einmal was von der Existenz der Auserlesenen geahnt! Und gegen deren Ziel, dass Lebewesen aller Arten voneinander lernen und friedlich miteinander auskommen sollen, kann ja niemand etwas haben. Oder steckt da doch etwas anderes dahinter?

Und wenn die Auserlesenen so verflixt schlau sind und so gut über Noel Bescheid wissen, wissen Sie vielleicht auch wo seine Mutter ist und wer sein Vater war?

Doch all das ist ohne Bedeutung, wenn er die bevorstehende Prüfung nicht besteht. Dann stellt sich noch die Frage, was eigentlich mit den abgelehnten Bewerbern passiert. Die Auserlesenen werden sie wohl kaum einfach so ziehen lassen, dann dafür wissen sie viel zu viel über die geheimen Inseln …

Ausgezeichneter Reihenauftakt

Kein Wunder, dass dieser phantasievolle und furiose Serienauftakt unter anderem mit dem Zürcher Kinderbuchpreis 2020 ausgezeichnet wurde! Selbst als Erwachsener kann man kaum aufhören zu lesen und würde am liebsten sofort mit Band 2, DIE FALLE, weitermachen. Das bewährte Rezept „der Underdog ist in Wirklichkeit ein Auserwählter“ funktioniert auch hier. In Verbindung mit viel Spannung und jeder Menge Geheimnisse ist das einfach unwiderstehlich. Und wann waren je giftige, hässliche, gefährliche und „eklige“ Tiere die positiven Helden einer Geschichte? Die Internatsleitung der geheimen Inseln wäre begeistert von diesem Konzept. Und viele Leser*innen sind es auch.

Auch wenn ich längst nicht mehr zur Zielgruppe gehöre: Diese Reihe werde ich verfolgen, bis das Rätsel um Noels Herkunft geklärt ist und ich weiß, was seine Freunde und Feinde im Schilde führen.

Ich bin gespannt, ob der Verlag die ganze Reihe über die aufwändige Ausstattung durchhält: Drucklack und ein Cover mit Formstanze. Selbst wenn nicht: Diese Reihe ist etwas Besonders und auf optische Effekte nicht unbedingt angewiesen.

Foto: (c) E. Nebel

Die Autorin

Gina Mayer, geb. 1965, studierte Grafik-Design und arbeitete danach als freie Werbetexterin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit 2006 hat sie eine Vielzahl an Romanen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Ihre Werke standen auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Gina Mayer lebt mit ihrem Mann in Düsseldorf.

Die Illustratorin

Clara Vath arbeitet seit 2012 als freischaffende Illustratorin für diverse Verlage. Sie illustriert unter anderem Kinder- und Jugendbücher und schätzt daran vor allem die Vielfältigkeit und das Abtauchen in andere Welten. Ihr Illustrationsstil verbindet oft fantastische und mystische Elemente, die zum Träumen einladen und in Abenteuer entführen.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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