Frédéric Jiguet, Aurélien Audevard: Irrgäste. Seltene Vögel in Europa

Frédéric JiguetAurélien Audevard: Irrgäste. Seltene Vögel in Europa, OT: Tous les Oiseaux rares d’Europe, Aus dem Französischen übersetzt von Anne-Sophie Rust, Bern 2020, Haupt Verlag, ISBN 978-3-258-08197-7, Klappenbroschur, 368 Seiten, über 2.000 Farbfotos und Karten, Format: 14,9 x 2,5 x 20,5 cm, EUR 44,00.

Abb.: © Haupt Verlag

Ich bin ja immer auf der Suche nach Büchern, die mich mittelschlaue Leserin ein kleines bisschen klüger machen. Und ich fürchte, mit diesem Band hier habe ich deutlich zu hoch gegriffen. Mit dem Buch ist alles in Ordnung, nur habe ich offenbar nicht das Wissen, das man braucht, um es sinnvoll nutzen zu können. Es ist ein Bestimmungsbuch für Hobby-Ornithologen, die sich wirklich gut in der Materie auskennen und mehr als nur die üblichen Gartenvögel benennen können.

Aufgrund der kurzen Produktbeschreibung, die mir vorab zur Verfügung stand, hatte ich angenommen, ich bekäme hier etwas anderes. Über den Begriff „Irrgäste“ (gelegentlich auch „Ausnahmegäste“ genannt) bin ich erst vor ein paar Jahren gestolpert. So nennt man Vögel, die weit abseits ihrer üblichen Brutareale, Wanderrouten oder Überwinterungsgebiete angetroffen werden, entweder, weil sie unterwegs die Orientierung verloren haben oder weil sie durch widrige äußere Umstände von ihrem Kurs abgekommen sind. Manche scheinen das auch „mit Absicht“ zu machen um neue Strategien auszuprobieren.

Viel Wissen wird vorausgesetzt

Ich hatte nun angenommen, dass wir in diesem Buch erfahren, wie das genau vor sich geht, was es in Einzelfällen für die Tiere bedeutet – überleben sie das oder nicht? – und wie so ein Ereignis ganze Populationen beeinflussen kann. Ich mein’, wenn einzelne Vögel aus eigenem Antrieb neue Strecken testen, damit erfolgreich sind und anschließend ihren Artgenossen davon „erzählen“, können sich daraus doch ganz neue Wanderrouten ergeben, oder? Die machen das ja nicht zum Spaß. Und wenn eine relevante Anzahl einer Art künftig nicht mehr in Region A, sondern in Region B überwintert, könnte das meines Erachtens Auswirkungen auf die Flora und Fauna in beiden Regionen haben. In Region A fehlen die Vögel, in Region B stören sie das Gleichgewicht. Im Zeichen des Klimawandels kommen solche Verwerfungen ja nicht überraschend. Doch darum geht’s hier nur am Rande. Das wird als bekannt vorausgesetzt.

Hier geht es in der Hauptsache darum, die verirrten oder anderweitig seltenen Vögel zu identifizieren, die einem bei den Beobachtungen vors Fernglas fliegen oder hüpfen.

„Die Bestimmung einer seltenen Art setzt beim Beobachter eine gute Kenntnis der im Gebiet üblichen Arten voraus, um das vermutlich seltene Individuum mit diesen vergleichen zu können. Zum Beispiel: etwas kleiner, schlanker, weniger flink, flüchtiger, mit kürzerem S c h w a n z, aber kleinerem Kopf usw.“ (Seite 7)

Wer ist wer? – 460 Artenporträts

Auf über 360 Seiten werden insgesamt 460 in Europa seltene Arten mit über 2000 meist freigestellten Farbfotos vorgestellt. Wir sehen den jeweiligen Vogel in seiner juvenilen sowie adulten männlichen und weiblichen Form. Zeigelinien weisen auf die wichtigsten Merkmale hin. Wenn es Unterarten oder Hybriden gibt oder wenn Prachtgefieder, jahreszeitlich oder altersbedingte Unterschiede im Federkleid zur eindeutigen Identifizierung beitragen können, zeigt das Buch auch das. Für Laien sieht das ein bisschen aus wie das gute alte Zeitschriftenrätsel „Finden Sie fünf Fehler“ – für ambitionierte Vogelbeobachter*innen ist es eine wertvolle Hilfe.

Zu jeder Vogelart gibt’s eine kleine Landkarte (Verbreitungskarte). Rote Flächen markieren die Verbreitung zur Brutzeit, blaue den Aufenthaltsort im Winter, Gebiete, in denen die Art ganzjährig anzutreffen ist, sind violett markiert. Der Textblock daneben gibt die Größe/Flügelspannweite der Art an, liefert eine Kurzbeschreibung des äußeren Erscheinungsbilds, ggf. des charakteristischen Rufs und des Habitats. In manchen Texten wird erwähnt, wo in Europa der Vogel als Irrgast in Erscheinung getreten ist und welcher einheimischen Art er ähnelt.

Abb.: © Haupt Verlag / Foto: E. Nebel

IRRGÄSTE – SELTENE VÖGEL IN EUROPA bietet eine Vielzahl von Informationen – wieder mal in winzig kleiner Schrift, was leider bei vielen Sachbüchern der Fall ist. Neben den reich bebilderten Artenporträts gibt’s jeweils ein Register der deutschen und der wissenschaftlichen Artnamen sowie ein paar Eckdaten zu den Autoren.

Für Experten, nicht für Laien

Bei diesem Buch habe ich mich selbst ein bisschen wie ein Irrgast gefühlt … eine neugierige Durchschnittsbürgerin, die sich in die Sachbuchregion eines Expert*innenzirkels verlaufen hat. Wie weit ich vom Thema weg bin, zeigt allein die Tatsache, dass den im Buch häufig vorkommende Begriff „nearktisch“ erst nachschlagen musste – und dass ich mich gefragt habe, ob das Wort „gämsfarben“ überhaupt außerhalb von Kreuzworträtseln existiert. Im französischen Original dürfte da „chamois“ gestanden haben. Ja, das kenne ich! Das ist ein helles, leicht bräunliches Gelb. 

Aus Mangel an Vorwissen kann ich leider nur eine Beschreibung dessen geben, was ich vorgefunden habe: eine ungeheure, sehr systematische Fleißarbeit. Eine Bewertung des Buchs traue ich mir aus den genannten Gründen nicht zu. Ich weiß auch nur vom Hörensagen, dass es anscheinend bislang kein vergleichbares Werk auf dem deutschsprachigen Markt gegeben haben soll. 

Wer sich wirklich intensiv mit dem Thema befasst, wird vor der Kaufentscheidung sowieso erst einen Blick ins Buch werfen wollen – ein paar ausgewählte Probeseiten gibt’s auf der Internetseite des Haupt-Verlags: https://issuu.com/haupt/docs/9783258081977 – um zu sehen, ob ihm der Inhalt so, wie er aufbereitet ist, von Nutzen ist.

Die Autoren

Frédéric Jiguet ist Forscher, Professor am staatlichen Naturkundemuseum in Paris und Leiter des Forschungszentrums für die Biologie von Vogelpopulationen, das die wissenschaftliche Beringung von V ö g e l n in Frankreich koordiniert. Als Feld- und „Labor“-Ornithologe verfasst er im Rahmen der Vogelforschung Artikel zu den Auswirkungen von Klima, Landwirtschaft und Städtebau auf die Artenvielfalt. Darüber hinaus untersucht er die Strategien des Vogelzugs mithilfe mordernster Technik, chemischer und genetischer Analysen sowie Positions- und Helligkeitsaufzeichnungen, die eine Rekonstruktion der zurückgelegten Strecke jedes verfolgten Individuums ermöglichen. Alle diese Untersuchungen dienen der Arterhaltung, um dazu beizutragen, unsere Natur in einer sich verändernden Welt zu schützen.

Aurélien Audevard ist Ornithologe im Vogelschutzverein der französischen Region Provence-Alpes-Cote Azur, wo er für die ornithologische Überwachung in den Salinen von Hyeres im französischen  Department Var verantwortlich ist. Getrieben von seiner Leidenschaft für Vögel von frühester Kindheit an, setzt er sich seit vielen Jahren für den Schutz dieser Tiere ein. Er ist ebenfalls als Beringer für das Forschungszentrum für die Biologie von Vogelpopulationen tätig und hat 7 Jahre auf der französischen Insel Ouessant gelebt, die bei französischen Ornithologen als Hotspot für seltene Vögel bekannt ist. Als Tierfotograf und Ornithologe hat er zahlreiche Länder bereist um eine (noch unvollständige) Datenbank von Fotos europäischer, sibirischer und asiatischer Vögel aufzubauen. Er publiziert in zahlreichen ornithologischen Zeitschriften.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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