Edi Graf, Veronika Wieland: Maultaschen in Love. Roman

Edi Graf, Veronika Wieland: Maultaschen in Love. Roman, Tübingen 2020, Silberburg Verlag, ISBN 978-3-8425-2274-9, Softcover, 240 Seiten, Format: 12,2 x 2,7 x 18,9 cm, Buch: EUR 12,99, Kindle: EUR 10,99.

Abb.: (c) Silberburg Verlag

Es ist kompliziert. Ohne eine selbst gemachte „Wer-ist-wer-wo-und-mit-wem“-Liste hätte ich mich womöglich in der Handlung verlaufen. Es gibt nicht nur eine Heldin, sondern gleich drei, die Story wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und dies nicht immer chronologisch. Nach gut 100 Seiten und wildem Zurück- und wieder Vorblättern habe ich schließlich begriffen, dass meine Wissenslücken und Verständnisschwierigkeiten nicht meinem oberflächlichen Lesen geschuldet sind, sondern dass dies an der Erzählweise liegt und Absicht ist. Das muss man wissen – und aushalten können. 

Vom Schwarzwald nach Südafrika

Worum geht’s also? Sabrina Brendle, Sterneköchin aus dem Schwarzwald, hat es beruflich nach Südafrika verschlagen. Dort kocht sie im Ouplaas Cape Town Boutique Hotel und ist mit dem Straußenfarmer Richie Cradock liiert. Für eine Gala hat ihr Chef sie an das Hoopengeluk Weingut der Familie van Wynsberghe „verliehen“. Dort soll sie mit schwäbisch-südafrikanischer Küche glänzen und die Veranstaltung zum Erfolg führen. Nur wenn diese Gala bei den Gästen gut ankommt und das Konzept überzeugt, steigt eine Hotelkette finanziell bei den van Wynsberghes ein. 

Wie dringend die Winzer auf eine Finanzspritze angewiesen sind, ahnt Sabrina nicht. Dass ein konkurrierendes Unternehmen auf das Weingut scharf ist und gegebenenfalls zu unlauteren Mitteln greifen wird, um es in die Finger zu bekommen, ist ihr auch nicht klar. Das ist auch gar nicht ihr Problem – bis sie durch einen dummen Zufall ein Telefongespräch mit anhört, das hätte geheim bleiben sollen: Unbekannte haben die Absicht, die Gala zu einem Desaster zu machen. Zutaten, die aus dem Schwarzwald geliefert werden, sollen dabei eine Rolle spielen.

Wer will das Weingut ruinieren?

Die unfreiwillige Ohrenzeugin fliegt auf und muss flüchten. Sie setzt sich nach Deutschland ab. Nun könnte sie aus von dort aus ihren Chef oder die van Wynsberghes informieren und dann ihrer Wege ziehen. Es ist ja nicht ihre Sache. Doch sie entschließt sich, auf eigene Faust im Schwarzwald nachzuforschen, wer den Leuten von Hoopengeluk auf welche Weise ans Leder will. Dabei geht sie ziemlich planlos vor – schließlich ist sie Köchin und keine Detektivin. Und vielleicht ist es auch ein bisschen fahrlässig, dem attraktiven Piloten Tom Seidler, den sie auf dem Heimflug kennen lernt, blind zu vertrauen.

Immerhin sorgt Sabrina für eine würdige Vertretung, die für sie bei der Hoopengeluk-Gala kochen soll: Ihre Freundin, die Hotelierin Isabel Conrad. Die schuldet Sabrina noch aus Zeiten Ihrer Ausbildung einen dicken Gefallen, lässt alles stehen und liegen und fliegt nach Südafrika, um sich dort als Sterneköchin auszugeben. Auch wenn Sabrinas Freund Richie eingeweiht ist und sein Möglichstes tut, damit dieser Rollentausch funktioniert, klappt das nur so mittelgut …

Jetzt kommt Heldin Nr. 3. ins Spiel. Das ist eine Hasardeurin! Belinda Sommer, Ende 20, hat gerade spontan ihren Job als pharmazeutisch-technische Assistentin hingeschmissen, weil sie der Inhaber der Apotheke einmal zu oft dumm angeredet hat. Mit einer VIP-Eintrittskarte, die ihr nicht gehört, geht sie auf eine Stuttgarter Genuss-Messe und stolpert dort in einen Kochwettbewerb, weil man sie für die rechtmäßige Karteninhaberin hält. Jeder andere würde schreiend wegrennen – sie bleibt. Sie ist zwar keine Köchin, aber der Spross einer Gastronomen-Familie. Kochen kann sie! Und dieses Talent führt Belinda Sommer nun schnurstracks nach Südafrika, wo sie zusammen mit Sabrina Brendle – jetzt allerdings Isabel Conrad – auf der Gala der Familie van Wynsberghe kochen soll.

Belinda merkt: Hier stimmt was nicht!

Auf dem Weingut angekommen, merkt Belinda recht schnell, dass hier irgendwas nicht stimmt. Was Isabel von sich erzählt, passt nicht so recht zusammen. Sie wirkt auch sehr eingeschüchtert. Und weil Isabels Handy weg ist, kann sie ihre Freunde und ihre Familie nicht erreichen. Wer kennt heute noch Telefonnummern auswendig? 

Es dauert, bis Belinda Isabels Vertrauen gewinnt und sich zusammenreimen kann, was hier los ist. Jetzt wäre es gut, wenn die Köchinnen wüssten, wer hinter den finsteren Machenschaften steckt, wie diese Leute vorgehen wollen, was Sabrina daheim im Schwarzwald herausgefunden hat – und wem sie überhaupt trauen können. Es ist zu keiner Sekunde klar, wer Freund und wer Feind ist. Immer, wenn die Heldinnen – und die Leser*innen – glauben, die Lage zu überblicken, kommt wieder eine unerwartete Wendung.

Spannend, lustig und verwirrend

Gegen Schluss wird klar, wozu Belinda Sommer in dieser Geschichte gebraucht wird, aber mir war das alles ein bisschen zu viel: drei spontan bis leichtsinnig agierende Frauen, drei Lebens- und Liebesgeschichten sowie diverse Intriganten, die jeweils ihr eigenes Süppchen kochen. Ich habe zeitweise den Überblick verloren und immer das Gefühl gehabt, etwas Entscheidendes überlesen zu haben. Ich fand’s ein bisschen verwirrend.

Ein Personenverzeichnis wäre hilfreich gewesen. (Carsten? Wer ist Carsten? Wo kommt denn der auf einmal her? Blätter-blätter-blätter … ach, das könnte dieser Innenarchitekt sein! Oder?) Zum Glück muss man sich nicht ständig Namen merken wie Maphikelela Bhekizifundiswa Mfanafuthi. Im realen Leben kann man natürlich komplexe Namen lernen, weil man seine Mitmenschen ja korrekt ansprechen will, aber für einen Unterhaltungsroman von 240 Seiten wäre das ein bisschen viel verlangt. 😉

Südafrika als Schauplatz ist klasse. Spannend war’s und lustig war’s auch. Eine der Damen hat ihrer „inneren Stimme“ einen Namen gegeben und führt im Geiste ulkige Dialoge mit ihr. Diese Stimme ist aber auch ein freches Stück und denkt selbst in kritischen Situationen ständig Dinge, die man auf gar keinen Fall aussprechen sollte! Herrlich! 😀

Mit Rezepten!

Ein paar der im Buch erwähnten Restaurants, Köche und Hoteliers im Schwarzwald gibt’s wirklich. Für nach-Corona-Zeiten kann man sich die merken. Einstweilen müssen es die Rezepte tun, die man im Anhang des Buchs findet – unter anderem die titelgebenden „Maultaschen in Love“.

Die Autoren

Edi Graf ist Autor, freier Redakteur und Moderator im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Außer diesem Roman hat der Afrikakenner Schwarzwald-Reiseführer, Krimis und Hörspiele verfasst und ist Herausgeber zweier Kochbücher.

Veronika Wieland, geboren in Schwaben, lebt in Rottenburg. Sie hat Wurzeln in einer südländischen Winzerfamilie und wuchs mit traditioneller, guter Küche auf. Sie arbeitet in der Touristikbranche. Dies ist ihr erster Roman.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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