Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde. Roman

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde, Roman, OT: Disappearing Earth, aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-978-3-423-28258-1, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 376 Seiten mit Landkarte und Personenverzeichnis, Format: 14,7 x 2,8 x 21,8 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 18,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) dtv

„Bitte helfen Sie mir, meine Töchter zu finden, Aljona Golosowskaja und Sofija Golosowskaja, die im vergangenen August mitten in Petropawlowsk verschwunden sind. (…)Aljona ist jetzt zwölf Jahre alt. (…) Sofija ist acht. Sie wurden von einem korpulenten Mann in einem großen, neu wirkenden schwarzen oder dunkelblauen Wagen entführt.“ (Seite 332/333)

Mit der sibirischen Halbinsel Kamtschatka habe ich mich bislang nur auf Sachbuchebene befasst. Da gibt’s Vulkane, Geysire und Braunbären. Menschen gibt’s da natürlich auch: Russen, Ewenen, Tschuktschen, Korjaken, Aleuten – und Touristen. Und wo immer unterschiedliche Gruppen sich ein Gebiet teilen, kommt es zu Missverständnissen, Konflikten und Animositäten.

Was die Bewohner*innen von Kamtschatka umtreibt, erzählt uns die US-amerikanische Autorin Julia Phillips. Sie hat eine Weile auf der Halbinsel gelebt und hat Freunde dort. Sie besitzt also nicht nur angelesenes Wissen über Land und Leute.

Zwei Schwestern verschwinden

Das Buch wird als Thriller verkauft. Das ist es aber nur am Rande. Es ist eher ein Episodenroman, der das Leben verschiedener Frauen schildert, die Berührungspunkte mit dem Schicksal zweier verschwundener Schulmädchen haben. Wir begegnen Angehörigen und Bekannten der Mädchen sowie Zeugen, Wichtigtuern und Neugierigen – und Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich bei der Suche nach den Vermissten engagieren bzw. engagiert haben.

Und was wurde aus Lilja?

Wir treffen außerdem auf die Familie Solodikow aus Esso, deren Tochter Lilja vor drei Jahren unter ähnlichen Umständen verschwunden ist wie jetzt die Schwestern Golosowskaja in Petropawlowsk. Nur hat Liljas Verschwinden damals weder die Polizei noch die Öffentlichkeit interessiert. Weil sie keine Russin, sondern eine Ewenin ist? Oder weil sie schon 18 war und ein bisschen leichtlebig? Schulterzuckend wurde sie als Ausreißerin abgestempelt und alle gingen wieder zur Tagesordnung über.

Mit jedem Kapitel entfernen wir uns einen Monat weiter von Aljonas und Sofijas Verschwinden und jedes Mal steht ein anderes weibliches Wesen im Mittelpunkt der Geschichte. Manche tauchen als Nebenfiguren in späteren Kapiteln wieder auf, von anderen hört man nie wieder was. Aber willkürlich ist die Auswahl der Personen nicht. In den letzten beiden Kapiteln laufen die sorgsam gesponnenen Erzählfäden zusammen.

Dankenswerterweise gibt es ein Personenverzeichnis. Denn jeder hier hat Vornamen, Vaternamen, Familiennamen, Spitznamen und eine Berufsbezeichnung, die abwechselnd benutzt werden. Da kann es eine Weile dauern, bis man kapiert, dass die Assistentin aus dem einen Kapitel die übergriffige Nachbarin aus einem anderen ist. Alles hängt mit allem zusammen, jeder ist mit jedem über drei Ecken verbandelt – und der Dreh- und Angelpunkt sind die Golosowskaja-Schwestern, die an einem Sommertag zusammen ans Meer gehen und am Abend nicht mehr nach Hause kommen.

Niemand glaubt der Zeugin

Wir als Leser*innen werden Zeuge der Entführung. Außer uns hat nur noch Oksana, eine Forscherin am Institut für Vulkanologie, etwas davon mitbekommen. Sie war mit ihrem Hund unterwegs. Aber man nimmt sie nicht so richtig ernst. Vielleicht, weil ihr Mann so damit angibt, dass seine Frau Zeugin ein einem medienwirksamen Vermisstenfall ist. Oder weil Oksana einen weißen Mann beschreibt, während Polizei und Öffentlichkeit lieber einen Ureinwohner verdächtigen würden.

Von der Zollbeamtin Katja, die mit Oksanas chaotischem Kollegen Max liiert ist, erfahren wir, dass es für den Entführer praktisch unmöglich ist, mit den Mädchen die Halbinsel zu verlassen. Ob zu Wasser, zu Lande oder mit dem Flugzeug – es hätte jemand bemerkt. Tot oder lebendig, sie müssen noch auf Kamtschatka sein.

Kontrolle oder Sorge?

Die Ewenin Ksenija ist aus Esso zum Studieren nach Petropawlowsk gekommen. Ihr russischer Verlobter Ruslan ist zuhause geblieben. Ist er ein Kontrollfreak, weil er sie andauernd anruft und überwacht, oder geschieht dies aus Sorge? Immerhin kannte das Paar die verschwundene Lilja. Und kaum ist Ksenija in Petropawlowsk angekommen, werden dort ebenfalls Mädchen vermisst. 

So verständlich Ruslans Angst ist, so nervig sind seine permanenten Kontrollanrufe. Wäre Ksenija mit ihrem einfühlsamen Studienkollegen, dem Korjaken Tschander, vielleicht besser dran? Möglich. Aber sie ist eine der vielen Frauen in dem Buch, die ihre Lebenssituation in Frage stellen, sich nach Veränderungen sehnen, Pläne schmieden – und dann doch nur resigniert seufzen.

Wie die Episode mit der geheimnisvollen Mascha ins Bild passt, die sich auf einer Silvesterfeier von ihren Freunden in Petropawlowsk verabschiedet, weil sie nie wieder zurückkehren will, wird erst in sehr viel späteren Kapiteln deutlich.

Wir erfahren, wie die ewenische Familie Solodikow das Verschwinden ihrer Tochter Lilja verarbeitet hat (nicht gut) und wie sie sich jetzt fühlen, da man die beiden weißen Mädchen mit so viel mehr Engagement sucht als damals ihr Kind. Sie empfinden das als rassistischen Akt.

Nur träumen, nicht handeln

Eine der wenigen, die nichts für ihr Unglück kann, ist eine die Krankenschwester Rewmira, eine Verwandte der Solodikows. Sie wird einfach vom Schicksal gebeutelt und muss da durch. Die Bankerin Nadja – Ksenijas Schwägerin –, weiß dagegen genau, was sie vom Leben will. Und vor allem, was sie nicht mehr möchte: in einer Bruchbude in Esso hausen mit einem Mann, der alles verspricht und nichts auf die Reihe kriegt. Und was passiert? Nichts! Genau wie bei der Polizistengattin Soja, die die Krise hat, seit sie mit ihrem Baby allein daheim sitzt. Sie vermisst ihre Arbeit im Büro des Naturschutzgebiets und das Verständnis ihres Ehemanns. Sie träumt davon, ihr Leben grundlegend zu ändern und bleibt dann doch auf ihrem Allerwertesten sitzen.

Eine ungeheuerliche Entdeckung

Angesichts dieser geballten Inaktivität habe ich befürchtet, dass auch die Geschichte der beiden vermissten Schwestern nach diesem Muster ausgeht: „Ach ja, das ist jetzt eben so. Da kann man nichts machen.“ Ganz so kommt es nicht! Bei einem Festival in Esso begegnet Marina Golosowskaja der Mutter der verschwundenen Lilja – und macht eine ungeheuerliche Entdeckung …

Vulkanismus und Rassismus

Der Roman ist schon klasse konstruiert! Auf ein paar Seiten entwirft die Autorin komplette Lebens- und Familiengeschichten und in der Summe bekommt man einen Gesellschaftsroman mit Thriller-Elementen. Ich war nicht grundsätzlich überrascht vom Rassismus in der Story. Das deckt sich mit Geschichten, die ich schon gehört habe – nur bislang noch nie aus der Sicht der indigenen Bevölkerung. Und wenn „die Leute“ so denken, ist es kein großes Wunder, dass das ganze System so tickt, denn das besteht nun mal aus „Leuten“. 

Ja, wir Menschen! Irgendwie erschien mir die Welt auf Kamtschatka noch heiler, als ich mich nur mit Vulkanen, Geysiren und Bären beschäftigt habe. 😉

Die Autorin

Julia Phillips, geboren 1988, lebt in Brooklyn, New York. ›Das Verschwinden der Erde‹ ist ihr erster Roman. Er stand auf der Shortlist des National Book Award 2019 und erscheint in 25 Ländern.

Die Übersetzer

Pociao studierte Anglistik, Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaften. Mitte der der Neunzigerjahre gründete sie den Verlag Sans Soleil. Sie übersetzte u.a. Paul Bowles, William S. Burroughs und Evelyn Waugh.

Roberto de Hollanda arbeitet für Film und Rundfunk und ist als Literaturagent tätig. Er übersetzt u.a. Almudena Grandes, Jan Kerouac und Eugenio Fuentes ins Deutsche.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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