Anna Fleck: Meeresglühen. Geheimnis der Tiefe, Band 1 von 3 (14 – 16 J.)

Anna Fleck: Meeresglühen. Geheimnis der Tiefe, Band 1 von 3 (14 – 16 J.), Münster 2021, Coppenrath Verlag, ISBN 978-3-649-63906-0, Hardcover, 494 Seiten, Format: 15,2 x 4,5 x 21,6 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 14,99.

Abb.: (c) Coppenrath Verlag

„Ein Schaudern kroch mir über die Haut, das nichts mit dem kalten Wasser zu tun hatte. Ja – dieses Meeresleuchten war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Aber auf einmal machte es mir auch eine Scheißangst. Dies hier war nichts, das ich rational erklären konnte. So etwas gab es einfach nicht auf unserer Welt – kein Mensch konnte das!“ (Seite 97)

Teenie allein zuhaus’

Ella Keane aus Berlin, 17, hat schon immer ihre Ferien in Cornwall verbracht – bei ihrer Großmutter väterlicherseits. In diesem Sommer ist sie ist allein im Cottage. Vater und Großeltern leben nicht mehr, ihre Mutter ist beruflich im Ausland und kommt nach. Bis dahin ist Ella allein zuhaus’. Unterstützung gibt’s von Fischer Kenneth und dessen Schwester Lisa. Auch die Nachbarinnen, zwei skurrile ältere Damen, die aus einer INSPECTOR BARNABY-Episode entsprungen sein könnten, stehen ihr mit Rat und Tat zur Seite. Sie kümmern sich auch um Snowflake, den riesigen Hund der verstorbenen Mrs Keane.

Ellas Lebensumstände haben es erfordert, dass sie früh selbstständig und erwachsen wird. Zumindest in Teilen ist das recht gut geglückt. Sie ist bodenständig, burschikos und bisweilen ein bisschen ruppig. 

Der verletzte Surfer, den sie vorm Ertrinken rettet und fürs Erste bei ihren Nachbarinnen einquartiert, kommt ihr zwar sonderbar vor – seltsame Kleidung, undefinierbarer Akzent, altmodisch gute Manieren sowie unerklärliche Wissenslücken –, aber sie hält den jungen Mann für einen Geflüchteten aus einem anderen Kulturkreis. 

Mann mit unglaublicher Geschichte

Als Aris, wie der Fremde sich nennt, unglaubliche Geschichten von seiner Heimat und seiner Familie erzählt, vermutet Ella eine Psychose, denn sie hält sich an einen Medizinerspruch, den sie von ihrer Mutter kennt: „Wenn du Hufgetrappel hörst, denk an Pferde, nicht an Zebras”. Doch der mysteriöse Mann phantasiert nicht. Er ist tatsächlich entführt und gefoltert worden und wird noch immer verfolgt und bedroht. Und er ist kein gewöhnlicher Mensch. Wir Leserinnen wissen das, weil wir ja das Buch gekauft und den Klappentext gelesen haben. Ella dagegen ahnt nichts.

Es ist ein bisschen wie beim Kasperltheater: Das Publikum hat das Krokodil längst entdeckt, während das Kasperl nicht einmal ahnt, dass eines mitspielt. 200 Seiten lang möchte man am liebsten rufen: „He, Ella, der Kerl ist aus dem Meer!“ Das dämmert ihr erst, als sie Bekanntschaft mit Aris’ „Haustier“ macht – einem zahmen Orca. Das muss sie erst einmal verkraften.

So sehr sich Ella und Aris im Folgenden zueinander hingezogen fühlen – es kann nicht bei ihr bleiben. Er muss trotz aller Gefahren zurück nach Hause um eine Katastrophe zu verhindern. Sagt er.

Vor Terroristen auf der Flucht

Aufgrund eines Missverständnisses folgt Ella ihm, als sie hätte zurückbleiben müssen, und jetzt bleibt Aris nichts anderes übrig, als sie mit in seine Heimat zu nehmen, was streng verboten ist. Seinem Freund und Diener Som, einem Angehörigen des menschenähnlichen Volks der „Statthalter“, schwebt für das Problem Ella eine Radikallösung vor, von der der verliebte Aris nichts wissen will. Und nun haben die drei ein paar handfeste Probleme: Sie müssen sich zusammenraufen, sie müssen unbedingt zu einem bestimmten Zeitpunkt im Königspalast sein und sie müssen bis dahin inkognito bleiben. Hinter Aris sind die Terroristen her und auch Ella ist in Gefahr. Aufgrund ihrer äußeren Erscheinung ist sie nämlich unschwer als Fremde zu erkennen, und die sind, wie gesagt, hier nicht gerne gesehen.

Kultur-Clash

Mehr als einmal geraten die drei in Lebensgefahr. Und Ella ist hin- und hergerissen: Aris’ Heimatwelt ist exotisch und wunderschön aber auch archaisch und brutal. Die junge Frau ist gleichzeitig fasziniert und abgestoßen. Die Gesellschaft ist ihr derart fremd, dass sie sich fragt, wie sie überhaupt funktionieren kann. Ella sieht natürlich alles mit den Augen eines europäischen Mittelstands-Teenagers aus dem 21. Jahrhundert. Da prallen die Kulturen schon mal krachend aufeinander:

„Die Götter werden mich beschützen.“
Ich konnte mich nicht länger zurückhalten. „Einen Scheiß werden sie!“ Ich ignorierte die schockierten Gesichter der beiden, nahm Som den Kristall aus der Hand und stopfte ihn Aris in den Mund. „Wehe, du lässt dich von dem Kerl abstechen! Und jetzt runter damit!“
Völlig überrumpelt schluckte er.
 (Seite 430)

Wie ich hörte, kommt Ella bei einigen Leserinnen nicht gut an. Ich finde sie klasse! Sie ist selbstbewusst, sie weiß, was sie will und wie sie es bekommt und sie ist gnadenlos ehrlich, wenn es um ihre eigenen Fehler, Schwächen und Pannen geht.

Sein ausdrucksloser Blick ruhte auf mir. Er schien eine Antwort zu erwarten. Alle schienen eine Antwort zu erwarten. Sag was, zischte es in mir. Irgendwas Würdevolles. (…). Verdammt, wenn er das schafft, schaffst du das auch!
Ich stammelte: „Okay …“
 (Seite 479/480)

Kommt Ella jemals wieder heim?

Ich habe mich köstlich amüsiert. 😀 Es ist aber auch nicht einfach für Ella! Eben noch eine Gymnasiastin in Berlin, jetzt verwickelt in Palastintrigen, Terrorakte und Putschversuche in einem für sie unverständlichen Umfeld, verliebt in einen Mann, den sie nicht haben kann und dazu noch permanent in Lebensgefahr. Selbst wenn sie das hier alles überstehen sollte(n), ist unklar, ob sie ihre Familie und ihre Freunde daheim jemals wiedersehen wird. 

Wenn sie nur wüssten, wer hinter all den terroristischen Aktivitäten steckt! Als erfahrene Leserin hat man bald schon einen ungeheuerlichen Verdacht …

Zu dem Buch bin ich gekommen, weil mich Karla Fabrys SCHATTENBLAU-Trilogie so gefesselt hat. Deshalb wollte ich sehen, was eine andere Autorin aus diesem Grundthema macht: Ahnungslose Menschenfrau verliebt sich in einen Mann aus einer (Unter-)Wasserwelt und gerät dort ins Zentrum dramatischer Machtkämpfe. Kurz gesagt: Die zwei Buchreihen sind grundverschieden. In MEERESGLÜHEN sind die beiden Welten strikt getrennt und müssen es auch bleiben. Und man fragt sich am Ende des ersten Bandes, wie das Liebespaar Ella und Aris jemals zusammenkommen soll. Einer von beiden wird seine Welt für immer verlassen müssen, eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Jetzt bin ich gespannt, welche Lösung die Autorin parat hat. Deshalb werde ich auf jeden Fall die beiden Folgebände lesen – natürlich auch, weil ich wissen will, ob Bootsführerin Tis ihren Verfolgern entkommen konnte, was aus Freaky geworden ist und wie Ella wohl die Dinge erklären wird, über die sie um keinen Preis der Welt sprechen darf. In einer Fantasy-Welt, in der so gut wie alles möglich ist, ist kaum etwas vorhersehbar.

Spannend, unterhaltsam und romantisch

Viel Zeit habe darauf verwendet, mir anhand von Anna Flecks Beschreibung Aris’ Heimat genau vorzustellen. Es ist mir nicht immer gelungen, aber das muss alles von überwältigender Schönheit sein. Ich könnte mir das MEERESGLÜHEN deshalb auch gut als Graphik Novel oder als Film vorstellen. Einstweilen bin ich jedoch mit einer spannenden, unterhaltsamen und durchaus auch romantischen Buchreihe vollkommen zufrieden.

Die Autorin

Anna Fleck wurde 1974 in Braunschweig geboren. Ihre Kindheit verbachte sie in Bullerbü, Phantásien und im Auenland, ihre Jugend vorwiegend auf Gallifrey, Vulkan und der Scheibenwelt. Sie ist Romanistin, Kulturmanagerin und PR-Beraterin, schafft aber lieber neue Welten per Tastatur und Zeichenstift. Heute lebt sie mit Mann und Kindern im Norden von Berlin und fährt so oft wie möglich ans Meer – egal an welches … www. anna-fleck.de

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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