Ein halbes Leben im Verlag

Kein Aprilscherz: Ich habe heute dreißigjähriges Firmenjubiläum! Das ist ’ne Hausnummer! Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn hat’s eher so ausgesehen, als würde ich 30 Firmen durchlaufen und nicht 30 Jahre irgendwo bleiben. Und dann bin ich im Verlag gelandet und habe festgestellt: Das isses! 

Frühe Schlüsselerlebnisse 😉

Aber vermutlich war mein berufliches Schicksal schon in der Grundschule besiegelt, als ich auf dem Dachboden meines Elternhauses mehrere Zeitschriftenjahrgänge aus dem Verlag meines späteren Arbeitgebers fand. Ich war ja immer auf der Suche nach Lesestoff. Es gab keine Buchhandlung am Ort und keine Bibliothek, also fräste ich mich durch die Bücher von Freunden und Verwandten und las die Zeitschriftenremittenden, die unsere Nachbarinnen von der Arbeit mit nach Hause brachten. Und dann der Dachbodenfund! „Das Beste“ von 1948 bis zum Anfang der 1960er Jahre! Was für ein Schatz!

Ich las die Hefte mehrmals. Es war wie eine Zeitreise. Und weil ich ständig mit so einem Magazin in der Hand gesichtet wurde, schenkte mir eine meiner Tanten in den 1970er-Jahren zum Geburtstag ein Jahresabo. Ich las alles – auch das Impressum. Ach, stellte ich erstaunt fest, die Hefte werden ja bei uns hier in Stuttgart gemacht! Interessant!

Als ich ungefähr 14 war, haben mich meine Eltern mit zu einem Verwandtenbesuch nach Österreich geschleppt. Ich wäre vermutlich vor Langeweile gestorben, wenn nicht die Pensionswirtin Leserin der „Auswahlbücher“ gewesen wäre. Dass die Romane darin gekürzt waren, war mir nicht bewusst. Ich sah nur vier grundverschiedene Geschichten in einem Band und war begeistert. An EINE STADT WIE ALICE von Nevil Shute erinnere ich mich noch heute.

Ich dachte nicht, dass sie mich nehmen

Viele Jahre und Stationen später war ich dann für die Werbung der Zeitschriften und der Buchreihe(n) zuständig. Eigentlich erstaunlich, denn Ich hatte nicht ernsthaft daran geglaubt, dass der Verlag mich einstellen würde. Die Stellenanzeige klang nämlich immens anspruchsvoll und ich war weder Germanistin noch hatte ich Anglistik studiert. Ich hatte allenfalls einen Leistungskurs in Englisch, eine Zeit als literarische Übersetzerin sowie eine US-amerikanische Soldaten-Nachbarschaft zu bieten – und eine Verwandte, die in der US-Kaserne gearbeitet hat – als Reinigungskraft. Aber ich dachte, ich bewerbe mich mal. Wenn sie lachen würden, würde ich es ja nicht hören.

Gelacht haben sie erst, als ich auf die Frage nach meinen größten Fehlern ohne eine Sekunde nachzudenken antwortete: „Ich bin ein lausiger Autofahrer und kochen kann ich auch nicht.“ Das wäre für den Job beides nicht relevant, meinte der Personalchef. Und ich hatte die Stelle.

Hier schrieb man noch von Hand!

Ob ich Berührungsängste mit Computern hätte, wurde ich gefragt. Ach, du Schande, dachte ich, arbeiten die etwa noch ohne? Viel Ahnung hatte ich ja nicht. Es war 1991 und ich kannte mich nur mit Schreibautomaten aus. Aber gegraust hat mir diesbezüglich vor nix und ich hätte gerne mit einem PC losgelegt. Doch im Verlag schrieben die Texter*innen noch VON HAND und drei Damen in einem zentralen Schreibbüro tippten die Manuskripte in ein Formular.

Scheiße aber auch! Ich habe eine Handschrift, die kein Mensch lesen kann. Oft nicht mal ich selber. Das hätten die Damen im Schreibbüro in hundert kalten Wintern nicht entziffern können. Zudem: Wie beurteile ich einen Textumfang, wenn ich keine Angabe über eine Zeichenzahl habe? Erwarteten die im Ernst, dass ich meine handgeschriebenen Buchstaben zählte?

Ich kritzelte also im Verlag meine Texte von Hand – und tippte sie nach Feierabend zu Hause an meinem Schreibautomaten selbst in das Formular. Irgendwann bekam ich wenigstens eine Schreibmaschine gestellt, sodass die Heimarbeit entfiel. Schließlich brachen dann doch modernere Zeiten an. Wir bekamen PCs. Die Einlernphase war der Hit:  Jemand stellte mir den Rechner auf den Tisch – ich konnte gerade noch meine Unterlagen darunter vorziehen –, sagte: „Hier ist der Einschaltknopf und da ist die Maus. Und tschüss.“

Wir betraten Neuland

Äh. Ja. Zum Glück kannte sich eine Kollegin schon ein bisschen aus mit den Programmen und konnte im Zweifelsfall daheim ihren computerkundigen Mann fragen. So haben wir uns durchgewurstelt. Als die Firma ein paar Jahre später auf MAC und QuarxXpress umstellte, wurden wir zum Glück gründlicher eingearbeitet.

Ja nun … und seitdem habe ich eine Menge technischer und organisatorischer Entwicklungen miterlebt, viele Trends kommen und gehen gesehen, diverse Entlassungswellen überlebt und so manchen unangenehmen Mitmenschen ausgesessen. Immer wenn’s allzu ätzend wurde, habe ich mich weg beworben, aber nie wirklich ein Unternehmen gefunden, in dem ich lieber geblieben wäre. Hier war irgendwie alles gefragt, was ich konnte, nicht nur Schulwissen. Netzwerken und improvisieren, zum Beispiel. Und mein breites US-Englisch war endlich mal von Vorteil.

Jetzt bin ich 60 Jahre alt und seit 30 Jahren an Bord – und ich stelle verblüfft fest, dass junge Kolleg*innen in dem Jahr geboren wurden, in dem ich in die Firma eingetreten bin. Das vergesse ich aber schnell wieder, denn ein*e Expert*in ist ein*e Expert*in, egal wie jung oder alt. Und natürlich haben mir die Digital Natives eine Menge Wissen voraus.

Ist die Olle immer noch da?

Drei Jahrzehnte Firmenzugehörigkeit – das ist in den Augen der anderen anscheinend die Phase zwischen „Au, da müssen wir uns schnell noch dies und das historische Wissen sichern, ehe sie in Rente geht!“ und „Mein Gott, ist die Olle denn immer noch da?“ 😀

Ein bisschen abgebrüht und zynisch wird man natürlich schon, wenn man so lange dabei ist. Nicht jede Neuerung begrüßt man mit dem ihr vielleicht gebührenden Enthusiasmus, sondern denkt: „Ach, daran haben wir uns doch 1996, 2002 und 2013 schon erfolglos abgearbeitet, das wird 2021 auch nicht besser ausgehen. Aber wenn’s gewünscht ist, machen wir’s halt. Es ist unser Job.“ 

Ich merke das selber, aber ich komme nicht dagegen an. Das ist wahrscheinlich eine Alterserscheinung. Und natürlich verstehe ich, dass man höheren Orts lieber junge, dynamisch vorwärtsstrebende Mitarbeiter*innen haben möchte als altgediente Schlachtrösser, die denken: „Gott, ja. Auch dies geht vorüber.“

Undatiert. Da müsste ich ca. 35 gewesen sein.
Albernheiten für eine Weihnachtskarte
Bei einer Firmenveranstaltung 2004
Und heute im Homeoffice. „Früher waren wir mal jünger“. Das wisst ihr ja.

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