Kate Kitchenham: Tierisch beste Freunde – Liebe kennt keine Grenzen

Kate Kitchenham: Tierisch beste Freunde – Liebe kennt keine Grenzen, München 2021, Knaur Verlag, ISBN 978-3-426-21487-9, Hardcover mit Schutzumschlag, 283 Seiten mit farbigen Abbildungen, Format: 13,1 x 2,78 x 20,8 cm, Buch: EUR 20,- (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 16,90.

Abb.: (c) Knaur

„Tier-Freunde unterschiedlicher Arten sind in der Lage, sich aufeinander einzulassen und angepasst an die Stärken und Schwächen des anderen miteinander zu spielen, zu leben und über diese verbindenden Erlebnisse Freundschaften zu entwickeln.“ (Seite 86) 

„[Es ist kein Wunder], dass die meisten außergewöhnlichen Freundschaften (…) ihren Ursprung in der frühen Kindheit haben oder (…) in neuen, unbekannten und damit oft unheimlichen Lebenssituationen entstehen. Genau in diesen Momenten braucht man (…) am allermeisten Unterstützung durch einen guten Freund, um mit ihm an der Seite alle Herausforderungen des Lebens zu meistern.“ (Seite 92)

Keine Tiergeschichtensammlung!

Als mir das Buch vor die Füße lief, wusste ich nicht, dass die Autorin eigene Fernsehsendungen hat und hierzulande als eine der bekanntesten Hunde- und Haustier-Expertinnen gilt. Die Sendung „hundkatzemaus“ kannte ich, die habe ich in deren Anfangszeit regelmäßig verfolgt, und ich habe mir ein paar Ausschnitte der aktuellen Reihe „Tierisch beste Freunde“ bei Youtube angesehen. Vor diesem Hintergrund ging ich davon aus, in diesem Buch eine Nacherzählung verschiedener Fälle von artenübergreifenden Freundschaften vorzufinden – also eine Sammlung von Tiergeschichten.

Ganz so ist es nicht. Es gibt ein paar Fallbeispiele. Aber die Autorin hat Kulturanthropologie und Zoologie studiert und untersucht hier mit wissenschaftlicher Gründlichkeit das Phänomen Tierfreundschaften. Der Homo sapiens ist da übrigens mitgemeint. 

Freundschaft ist keine Erfindung der Menschen

Wir wissen heute, dass Botenstoffsysteme und Gehirnstrukturen bei Wirbeltieren sehr ähnlich funktionieren. Deshalb sind wir in der Lage, Bindungen zu unterschiedlichen Tieren aufzubauen – und sie zu uns, solange wir empathisch, tolerant und offen genug sind. Oder, wie Charles Darwin bereits 1871: »Die Unterschiede sind eher gradueller, nicht grundsätzlicher Natur«. Manches verbindet uns auch. Und das ist für sehr viele Tierarten zum Beispiel das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, Zuneigung und Freundschaft. Der Wunsch nach einem besten Freund ist also keine Erfindung der Menschen. Den teilen wir zum Beispiel mit Papageien, Eseln, Wildschweinen, Schimpansen oder Rindern.

„Zusammenhalt, Liebe und Loyalität scheinen evolutionär betrachtet für das Überleben von vielen Tierarten (…) ein sehr erfolgreiches Konzept zu sein.“ (Seite 17)

In den Gehirnen sozialer Arten sitzt ein ähnlich funktionierendes Stressbewältigungs-, Lernfreude – und Bindungsssysten. Durch Zuwendung, Zärtlichkeit und Innigkeit werden schöne Gefühle ausgelöst und eine Kette weiterer positiver Entwicklungen angestoßen. Wie und warum wir und die „nichtmenschlichen Tiere“ so auf Liebe programmiert sind, hat entwicklungsgeschichtliche, genetische und hormonelle Gründe. Auch das Kindchenschema, das Lesen von Gesichtsausdrücken und die Fähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinversetzen zu können, spielt dabei eine Rolle.

Artenübergreifende Bindung …

Sollte kein Artgenosse als Bindungspartner zur Verfügung stehen, ist unter bestimmten Voraussetzungen auch eine artenübergreifende Bindung möglich. Wenn Lebewesen so miteinander spielen können, dass beide Spaß daran haben, können sie auch Freunde werden.

Artenübergreifendes Spiel kommt gelegentlich sogar in freier Wildbahn vor, wie verschiedene Beispiele von Wölfen und Bären zeigen. Unter der Obhut des Menschen gibt es das natürlich öfter, weil ja nicht immer Artgenossen zur Hand sind. In Kate Kitchenhams Buch begegnen wir einem Otter (Handaufzucht) und einem Terrier, die beste Freunde sind, ebenso wie Schwein Bonnie und Gans Möpmöp, die zusammen aufwuchsen. Wir treffen auch Krähe Wolle, die von Menschen aufgezogen wurde und sich in deren Hunderudel integriert hat – und es gibt noch mehr Beispiele.

… und artenübergreifende Adoption

Die Steigerung artenübergreifender Freundschaft ist wohl die artenübergreifende Adoption. Was bewegt Tiere dazu, Kinder einer anderen Spezies aufzuziehen? Das schließt Menschen ein, die (verwaiste) Tierbabys großziehen. Dieses Vorgehen kostet eine Menge Energie und dient nicht der Weitergabe der eigenen Gene, ja nicht einmal der Erhaltung der eigenen Art. Die Pflegeeltern müssen also einen anderen Nutzen aus ihrem Tun ziehen … 

Von Haustieren und Nutztieren

Wir erfahren hier vieles über Freundschaft, Zuneigung und soziales Miteinander, über Biologie und Tiere – und nicht zuletzt über uns Menschen. Zum Beispiel darüber, wieso wir zwischen „besten tierischen Freunden“ und „Nutztieren“ unterscheiden können. Wie entscheiden wir, wer zu unserem geliebten „inneren Zirkel“ gehört und wer „die anderen“ sind, zu denen wir problemlos grausam sein können? Und ist dieses Phänomen auch eine mögliche Erklärung für politischen Extremismus?

Ich fand auch den Teil über unsere Selbst-Zivilisierung interessant. Innerhalb der letzten 100.000 bis 30.000 Jahre hat der Homo sapiens sich einer Selbstdomestikation unterzogen. Mit der Sesshaftigkeit, der Tierhaltung und dem engen Zusammenleben in Hütten und Dörfern musste er lernen, die Bedürfnisse anderer Wesen (Mensch und Tier) zu verstehen, zu kooperieren, sich auszutauschen und sich angepasst zu verhalten. Verträglichkeit war von Vorteil und setzte sich durch. 

Ein Flugzeug voller Schimpansen?

Nett war in diesem Zusammenhang das Beispiel vom engen Beieinandersitzen im Flugzeug: Menschen schaffen das, auch wenn es ihnen unangenehm ist. Aber man stelle sich mal eine Maschine voller Schimpans*innen vor! Das gäbe Mord und Totschlag! Dieses Bild bekomme sich sicher nie wieder aus dem Kopf.

Das Fazit der Autorin:

„Was mir beim Schreiben dieses Buches noch deutlicher geworden ist: Beziehungen, die zu engen Freundschaften werden, entstehen nicht nur durch Sympathie, passende Gelegenheit oder verbindende Erlebnisse. Es ist vor allen Dingen ein Zusammenwachsen. Mit der Zeit durchleben und akzeptieren unsere Unterschiedlichkeit, und dann fängt sie an zu verblassen. Wir nehmen sie gar nicht mehr wahr. (…) Zeit und Vertrautheit führen dazu, dass wir immer besser sehen, was wirklich wichtig ist: Wer wir sind, das einzigartige Wesen unter der oberflächlichen Verpackung. (…)“ (Seite 267)

Hochinteressante Fakten

Wenn uns Leser*innen klar ist, dass uns in diesem Buch nicht nur herzerwärmende Tiergeschichten erwarten, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen, sondern jede Menge Informationen darüber, wie Menschen und Tiere denken und fühlen, sind wir auch nicht enttäuscht. Wir können uns über eine Vielzahl hochinteressanter Fakten freuen, finden wahrscheinlich so manche lang gehegte Vermutung bestätigt – und können verschiedenes lernen. Wenn ich die Bewertungen im Internet lese, scheine nicht nur ich, sondern auch auch etliche andere Käufer*innen dem Irrtum aufgesessen zu sein, hier eine Tiergeschichtensammlung zu erwerben.

Die Autorin

Kate Kitchenham ist Moderatorin, Buchautorin und Wissenschaftsjournalistin, studierte Kulturanthropologin und Zoologin mit Schwerpunkt Verhaltensforschung – und eine der bekanntesten Hunde- und Haustier-Expertinnen. Sie steht für das Format „Tierisch beste Freunde“ und „hundkatzemaus“ (VOX) vor der Kamera. www.kitchenham.de

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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