Mirna Funk: Zwischen Du und Ich. Roman

Mirna Funk: Zwischen Du und Ich. Roman, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28267-3, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 301 Seiten, Format: 14,2 x 2,5 x 21,6 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle: EUR 16,99.

Buchcover "Zwischen Du und Ich"
Abb.: (c) dtv

„Weißt du, ich kann sogar einfach Alija machen“, nuschelte ich mit vollem Mund. (…) „Einbürgerung. (…) Soweit ich weiß, kann ich meine deutsche Staatsbürgerschaft behalten. Ich muss doch nicht dort bleiben. Ich mache den Job für ein Jahr. Genauso lange dauert die Alija. Ich kriege einen Sprachkurs bezahlt, lerne Hebräisch, bekomme monatlich extra Geld um anzukommen, und kann die Konferenz organisieren. Also das machen, was ich sowieso machen will.“ (Seite 31)

Eine Jüdin in Ostberlin

Berlin/Tel Aviv 2018: Nike Waldman, 35, als Jüdin in Ostberlin aufgewachsen, hat Judaistik studiert und arbeitet auf Dreißigstundenbasis als Referentin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Seit sie vor acht Jahren die Beziehung zu ihrem gewalttätigen Lebensgefährten Sascha beendet hat, ist sie Single. 

Ihre traumatisierenden Erlebnisse hat sie nie richtig verarbeitet – aber das haben die letzten drei Frauen-Generationen in ihrer Familie auch nicht. „Im Gegenteil“, kann man sagen: Urgroßmutter Dora, Großmutter Rosa und Mutter Lea haben ihre „Päckchen“ auch noch an die folgenden Generationen weitergereicht. Nicht in böser Absicht, natürlich. Das passiert eben, wenn Probleme nicht bewältigt werden können.

Nike ist bewusst, dass sie privat und beruflich auf der Stelle tritt und in ihrem Leben etwas verändern sollte, aber sie kann sich nicht dazu aufraffen. Wenn der Leidensdruck nicht hoch genug ist, überwindet der Mensch seine Trägheit eben nicht.

Neustart in Tel-Aviv

Als Oma wieder mal alles besser weiß, Mutter nur am Meckern ist und der Vater sich bequem aus allem heraushält, reicht es ihr. In Tel Aviv ist gerade eine Kollegin ausgefallen, die dort eine große Konferenz hätte organisieren sollen. In für sie ungewohnter Spontaneität beschließt Nike, für ein Jahr nach Israel zu ziehen und diese Aufgabe selbst zu übernehmen. Ein Neustart in einem anderen Land, das klingt doch nach einem Plan!

Nikes Chefin ist spontan begeistert, ihre Familie eher entgeistert. Und so einfach, wie die Berlinerin es sich vorgestellt hat, ist es gar nicht, die nötigen Papiere für die Alija (Einbürgerung in Israel) zusammenzubekommen. Die Dokumente ihrer Familie, die eigentlich belegen sollten, dass Nike Jüdin ist, sind, sagen wir mal, nicht original. Die Zeit drängt und Nike muss sich auf die Schnelle allerhand einfallen lassen, um ihre Alija-Fähigkeit doch noch belegen zu können.

Irgendwann ist es dann geschafft und sie bezieht in Neve Tzedek, dem Künstlerviertel von Tel Aviv, das Studio ihrer Wohnungs-Tauschpartnerin Maayan. Die Wohnung ist hübsch, nur der Vermieter ist ein wenig aufdringlich. Der Job ist okay und die Kolleginnen sehr darum bemüht, sie zu integrieren und ihr das Eingewöhnen zu erleichtern. Leicht ist es trotzdem nicht.

Nike trifft Noam …

Und dann läuft Nike Noam in die Arme, einem Kerl Anfang vierzig, der als Kolumnist für die Haaretz arbeitet aber darüber hinaus nichts auf die Reihe kriegt. Okay: Wir wissen deutlich mehr über ihn als Nike, die ihn ja gerade erst kennenlernt. Auf den ersten Blick wirkt Noam klug und witzig und er hat schöne Haare. 😉 Aber so, wie er mit seinem Onkel in einer heruntergekommenen Wohnung haust, müsste er eigentlich schon aus hundert Metern Entfernung stinken wie ein Iltis. Da wundert es mich, dass Nike ihn überhaupt in ihre Nähe lässt und dann sogar eine Beziehung mit ihm beginnt. Bäh!

… und das Unheil nimmt seinen Lauf

Noam hat allen Grund, so gestört zu sein. Auch er, ein Enkel von Holocaust-Überlebenden, hat die Probleme voriger Generationen auf seine schmalen Schultern geladen bekommen. Man hat ihm in seiner Jugend – absichtlich und unabsichtlich – schreckliche Dinge angetan, die er nie thematisiert, geschweige denn therapiert hat. Auch wenn er den Leser*innen von Herzen leid tut: sympathischer macht ihn das nicht. Ist er eigentlich jemals erwachsen geworden, oder lebt er immer noch in seiner kindlichen Traumwelt, in der sich eines Tages wie von Zauberhand alles zum Besten wenden wird? Ohne, dass er dafür was tun muss?

Seinen Partnerinnen gegenüber war und ist er unehrlich und unzuverlässig, seinem Sohn ist er kein verantwortungsvoller Vater, als Mitarbeiter ist er stur, großspurig und aufbrausend – und irgendwie pervers und creepy ist er auch. Was, um Himmels Willen, sieht die kluge und kultivierte Nike nur in ihm? Sämtliche Alarmglocken müssten bei ihr schrillen, als er sich wegen der Telefonnummer ihres Großonkels so aufführt. Wer so etwas bringt, ist sofort als Partner disqualifiziert. Ende Gelände! Aber vielleicht glaubt sie wirklich, keinen Mann zu verdienen, der sie mit Respekt behandelt.

Widerstandslos lässt sich Nike von Noam und seinem Onkel in eine üble Geschichte hineinziehen. Und weil sie mit niemandem über ihre problematische Beziehung zu Noam spricht, kann ihr auch keiner ins Gewissen reden und ihr helfen. Hoffentlich wacht sie auf, bevor’s zu spät ist …!

Spurensuche in Yad Vashem

Angesichts der dramatischen Liebesbeziehung ist es schon fast schon eine Nebensache, dass Nike auf Anraten ihres Großonkels nach Yad Vashem fährt und dort nach der Akte ihrer Urgroßmutter Dora fragt. „Es gibt keine erträgliche Geschichte aus dieser Zeit“, sagt Noam. „Jede ist anders schrecklich.“ (Seite 261). Das stimmt natürlich. Trotzdem ist Nike schockiert, als sie Einblick in die Unterlagen nimmt. Bis jetzt hat sie nur gewusst, dass Dora 1941 in Toulouse gestorben ist. Nun erfährt sie alle grausigen Details. Und jetzt wird ihr in Bezug auf ihre Familie so manches klar …

Mir war leider nicht alles so klar. Abgesehen davon, dass ich Nikes Lover Noam absolut gruselig fand, habe ich nicht verstanden, warum sie in ihrer Identifikation mit Dora so weit geht. Ist ihr selbst noch nicht genügend Schlimmes zugestoßen? Und was genau ist am Schluss mit Noam geschehen? Ist er endgültig durchgedreht? Ich habe das nicht begriffen. 

Ach ja: Wieso eigentlich heißen alle Frauen in Nikes Familie trotz Eheschließung mit Nachnamen Waldman? Zugegeben: Die Namensfrage ist nicht von existenzieller Bedeutung, aber da geht’s mir wie Inspektor Columbo: Solche Kleinigkeiten beschäftigen mich, das hätte ich gerne geklärt.

Geerbte Traumata

Das Buch hat mich ein wenig ratlos zurückgelassen. Ich mochte die Familiengeschichte(n) und Nikes erste Schritte im neuen Land. Mich schrecken keine hebräischen Textstellen und das Konzept der Alija ist mir ebenso vertraut wie die Tatsache, dass Traumata an folgende Generationen weitergereicht werden können. „Zwischen Du und Ich“ können gewaltige Hindernisse stehen. So weit ist alles klar. Nur die Aktionen der beiden Hauptpersonen konnte ich an ein paar entscheidenden Stellen einfach nicht nachvollziehen. Das muss aber nicht am Buch liegen – es liegt vielleicht an mir.

Die Autorin

Mirna Funk, geboren 1981 in Ostberlin. Ihr Debütroman ›Winternähe‹ wurde mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet. Seit zwei Jahren erscheint ihre monatliche Kolumne ›Jüdisch heute‹ in der ›Vogue‹. Sie arbeitet als freie Journalistin für diverse deutsche und israelische Publikationen. ›Zwischen Du und Ich‹ ist ihr zweiter Roman.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.