Silvija Hinzmann: Die Sehnsucht der Kormorane. Kriminalroman

Silvija Hinzmann: Die Sehnsucht der Kormorane. Prohaskas vierter Fall in Istrien, Klagenfurt 2020, Wieser-Verlag, ISBN 978-3-99029-441-3, Softcover, 196 Seiten,  Format: 13,1 x 1,7 x 20,5 cm, Buch EUR 14,95, Kindle: EUR 11,99.

Abb.: (c) Wieser-Verlag

Von der Provinz in die Halbwelt

Die Geschwister Marina und Viktor Novak, Mitte 20, wollen raus aus ihrem kroatischen Provinznest und etwas aus sich und ihrem Leben machen. Viktor lässt sich zum Physiotherapeuten ausbilden und arbeitet in Rijeka im Fitnessstudio von Vera Haller. Als seine Schwester Marina für die Semesterferien Arbeit sucht, vermittelt Viktor ihr einen Job als Bedienung in Opatija im Strandlokal Plavi kormoran (Blauer Kormoran), das der Bruder seiner Chefin betreibt.

Wie die Geschwister Novak halten auch Bruder und Schwester Haller unverbrüchlich zusammen. Das wäre auch alles ganz wunderbar, wenn Hallers nicht zwielichtige Kontakte hätten und in kriminelle Geschäfte verwickelt wären. Ehe die naiven Provinzler Viktor und Marina begreifen, was läuft, stecken sie bis zum Hals mit drin.

Es ist nichts Romantisches daran, eine Gangsterbraut zu sein, das merkt Marina recht bald. Erst war’s schmeichelhaft und aufregend, dass sich so ein reicher und mächtiger Mann für sie interessiert, doch als er sie schlägt, einsperrt und zur Prostitution zwingen will, reicht’s ihr. Sie mischt ihrem Lover eine hohe Dosis Schlafmittel ins Getränk, und als er nichts mehr mitkriegt, räumt sie seinen Safe aus und macht sich mit seinem teuren Auto davon. Ob er diese Aktion überlebt ist ihr zu dem Zeitpunkt egal.

Dumm nur, dass Marina keinen konkreten Fluchtplan hat. Bei ihrer Großtante in einer 20-Seelen-Gemeinde wird sie sich nicht ewig verstecken können. Und ihr Ex wird sie bestimmt suchen (lassen), weil er sein Geld, seine Diamanten und seinen SUV wiederhaben will.

Der Ex ist tot! Marina auf der Flucht

Im Autoradio hört Marina, dass ihr Ex tot ist – beim Brand seines Hauses umgekommen. Vor lauter Schreck fährt sie fast in einen Graben. Wie? Hausbrand? Als sie weggefahren ist, hat er noch gelebt und gebrannt hat da gar nichts! Ist er irgendwann aufgewacht und dann mit einer Zigarette wieder eingeschlafen? Oder hat ihm einer seiner dubiosen Geschäftspartner die Hütte über dem Kopf angezündet, nachdem sie schon weg war? Klar ist auf jeden Fall, dass sie jetzt nicht nur den Zorn des organisierten Verbrechens zu fürchten hat, sondern auch noch die Polizei. 

Ins Ausland wird sie es nicht mehr schaffen, dafür werden ihre Verfolger schon gesorgt haben. Ziel- und planlos fährt sie durch die Gegend, bis ihr einfällt, wer ihr helfen könnte: Joe Prohaska, der frühpensionierte Polizeibeamte aus Stuttgart (50+), der seit dem Tod seiner Frau als Fotograf in Rovinj lebt. Obwohl er weder eine Lizenz als Privatdetektiv hat noch offizielle Polizeibefugnisse besitzt, hat er sich im Lauf der letzten Jahre Jahre einen Ruf als erfolgreicher Ermittler erarbeitet. Er kann’s einfach nicht lassen.

Ex-Polizist Joe Prohaska ermittelt

Polizei und Staatsanwaltschaft dulden Prohaskas Aktivitäten und spannen ihn ab und und zu auch für ihre Ermittlungsarbeit ein. So auch dieses Mal. Weil Prohaska die Strandbar Plavi kormoran kennt und der verschwundenen „Gangsterbraut“ Marina schon begegnet ist, halten sie ihn für den richtigen Mann, um die Verdächtige zu finden. Er als ein oberflächlich Bekannter kommt sicher leichter an sie heran als die Polizei. Erst mag Joe Prohaska nicht so recht, dann sagt er zu, und nun sucht Joe nach Marina und Marina sucht Joe.

Unterdessen  geht sie Halbwelt einander an die Gurgel. Es geht um alte Schulden und neue, sagen wir mal, Revierverteilung. Und auf einmal sieht es so aus, als hätten die Geschwister Novak noch zwei Morde begangen. Joe Prohaska traut ihnen keinen einzigen zu – und das nicht (nur) wegen Marinas himmelblauem Unschuldsblick. Brüderchen und Schwesterchen haben weder die nötigen Fähigkeiten noch sind sie kaltblütig genug für diese Tat. Er hält sie für zwei große Kinder im Alter seiner Tochter, die in eine Sache hineingeraten sind, die ihnen über den Kopf gewachsen ist.

Marina glaubt nicht länger daran, dass Joe Prohaska ihr helfen kann. Sie hat eine andere Problemlösung im Blick als er und nimmt die Sache selbst in die Hand. Keine gute Idee …

Sympathischer Held, komplexe Beziehungen

Das ist der dritte Band mit dem Stuttgarter Ex-Polizisten, den ich lese (es gibt bis jetzt insgesamt vier). Ich mag den Helden, der trotz guter Freunde immer ein bisschen einsam wirkt. Seine Familie ist weit weg und eine neue Lebenspartnerin hat der Witwer noch nicht gefunden. Er ist durchaus attraktiv und hat auch Chancen bei den Frauen, aber irgendwie gerät er immer an solche, die ihm mehr Stress als Glück bringen.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass das Tempo dieser Reihe eher gemächlich ist und erwarte keine große Action. Joe Prohaska muss seine Fälle lösen, indem er komplexe Beziehungsgeflechte entwirrt. Wer plant was mit wem gegen wen? Ist jede Person die, die sie zu sein vorgibt, oder hat sich jemand in Folge der Kriegswirren eine neue Identität zugelegt? Und vor allem: Wer ist mit wem verwandt? Wir sind in Istrien, und da gilt mehr als in manchen anderen Gegenden der Welt, dass Blut dicker ist als Wasser. Da führen Spuren plötzlich in ganz andere gesellschaftliche Kreise, nur weil irgendwer irgendwessen Cousin oder Cousine ist und die Verwandtschaft bedingungslos füreinander einsteht.

Der Krieg hat vieles verändert

Immer wieder lesen wir: „XY hatte in seiner Jugend diese und jene Pläne, aber nach dem Krieg war er völlig verändert und hat auf einmal Dinge getan, die er früher weit von sich gewiesen hätte“. Das bedeutet selten was Gutes. Ohne den Krieg als Bruch in der Biographie wäre so manches hier erzählte Leben ganz anders verlaufen. Das vergisst man leicht, weil man als Leser:in den Ort der Handlung in erster Linie als Urlaubsparadies wahrnimmt.

Mir gefällt das persönliche Umfeld des Helden und generell Istrien als Handlungsort. Deshalb bin ich dieser Reihe immer noch treu. Zugegeben: Manchmal verliere ich den Überblick darüber, wie die Verdächtigen miteinander verbandelt sind, und manchmal dürft’s gern ein bisschen mehr Spannung sein. Aber ich komme immer wieder gern nach Rovinj zurück.

Macht’s den Lesern nicht so schwer!

Hier muss ich leider die Ausstattung des Buchs bemängeln. Das labberige Cover hat den Lesevorgang nicht gut überstanden. Und man hat derart viel Text auf die Seiten gequetscht, dass man das Buch am Falz plattdrücken muss, weil sonst die Schrift um die Kurve in der Bindung verschwindet. Lesen konnte ich die winzige Schrift nur bei tagheller Beleuchtung. Ja, mit e-Book wäre das nicht passiert  und mit jungen Adleraugen auch nicht. Aber ich bin eben eher im Alter des Protagonisten, und ich finde, man sollte es den Leser:innen nicht unnötig schwer machen. 

Abb.: (c) Wieser-Verlag, Foto: E. Nebel

Die Autorin

Silvija Hinzmann (*1956 in Kroatien) lebt seit 1970 in Stuttgart und arbeitet als Übersetzerin und Gerichtsdolmetscherin. Sie veröffentlichte fünf Kriminalromane, davon vier Istrien-Krimis, und zahlreiche Kurzkrimis. Außerdem war sie Herausgeberin von Kurzkrimi-Anthologien für verschiedene Verlage. Sie übersetzte Erzählungen, Gedichte, Essays, Kurzgeschichten, literarische Reiseführer und Romane kroatischer und serbischer Autoren, und gemeinsam mit Gero Fischer „Die Fahnen“ (Zastave), Roman in fünf Bänden, des bekanntesten kroatischen Schriftstellers Miroslav Krleža, erschienen 2016 Wieser Verlag.  Mehr unter: www.silvija-hinzmann.de

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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