Rebecca Michéle: Das Geheimnis des blauen Skarabäus. Roman

Rebecca Michéle: Das Geheimnis des blauen Skarabäus. Roman, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21974-7, Klappenbroschur, 428 Seiten, Format:  12,2 x 3,4 x 18,8 cm, Buch: EUR 10,95 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb. (c) dtv

Ägypten/Cornwall 1913 ff.:  Mit seiner Familie hat der britische Archäologe Alexander Vanson nicht viel am Hut. Nach dem Tod seiner Frau hat er seine Tochter Cleopatra „Cleo“ bei seiner unverheirateten Schwägerin Elsie gelassen und geht in Ägypten seinen Interessen nach. Wenn er Geld hat, was selten vorkommt, schickt er etwas davon an seine Schwägerin. Wenn er Zeit und Geld hat, was noch seltener vorkommt, besucht er seine Tochter.

Cleos Traum: Archäologin in Ägypten

Seine Schwägerin ist auf den unzuverlässigen Archäologen nicht gut zu sprechen und immer froh, wenn er wieder abreist. Für Cleo dagegen ist jeder seiner seltenen Besuche ein Fest. Gebannt lauscht sie seinen Erzählungen von Pharaonen, Ausgrabungen und Kunstschätzen. Ihr Traum ist, nach einem Archäologiestudium mit ihrem Vater zusammenzuarbeiten. 

Doch eines Tages reißt der Kontakt zwischen Vater und Tochter ab. Es kommt kein Besuch mehr, kein Brief – und kein Geld. Der Traum vom Studium ist ausgeträumt, dafür fehlen die Mittel. Cleo muss die Schule verlassen und bei ihrer Tante das Schneiderhandwerk erlernen. Ihre gemeinsame Arbeit führt sie unter anderem ins Herrenhaus zu Lady Tredennick. Zwar behandelt die Familie die beiden Schneiderinnen sehr von oben herab, doch aus unerfindlichen Gründen sucht die Tochter des Hauses, Miranda, Kontakt zur gleichaltrigen Cleo. 

Ob Miranda nur jemanden zum Herumkommandieren sucht, ob sie die einfachen Lebensumstände des klugen Mädchens exotisch findet oder denkt, dass ihre eigene Schönheit und ihr Reichtum im Kontrast zur unscheinbaren Cleo besonders strahlend zur Geltung kommen, wissen wir nicht. Wahre Freundschaft ist aber nicht zu vermuten. Dem steht schon allein der Standesunterschied entgegen.

Retter in der Not

Umso erstaunlicher ist, dass die Tredennicks die halbwüchsige Cleo aufnehmen, als diese durch einen Schicksalsschlag alles verliert. Nur die Kleider am Leib und ein ägyptischer Silberarmreif mit einem blauen Skarabäus darauf – ein Geschenk ihres Vaters – sind ihr noch geblieben.

Cleo ist für die Tredennicks ein Mix aus Dienstbotin und Pflegetochter. Sie arbeitet für sie als Schneiderin, doch als sie ihre leichtlebige Tochter Miranda auf ein exklusives Internat nach Schottland schicken, darf Cleo auch mit – als Schülerin aber wohl hauptsächlich als „Aufpasserin“. Cleo macht sich da keine Illusionen. Und dass aus ihrer Schwärmerei für Mirandas älteren Bruder, dem Archäologiestudenten Angwin Tredennick, nichts werden kann, ist ihr auch klar.

Zwanziger Jahre: Seit dem Krieg ist manches anders geworden. Die Standesgrenzen scheinen nicht mehr ganz so starr zu sein. Den Kriegskameraden und Berufskollegen Victor Millian, der aus deutlich bescheideneren Verhältnissen stammt als die Tredennicks, hätte man früher nicht so vorbehaltlos im Herrenhaus willkommen geheißen. Ein Glück für Cleo, denn es stellt sich heraus, dass er ihren Vater kennt. Er ist ihm in Ägypten begegnet, doch was aus ihm geworden ist, weiß Victor auch nicht.

Endlich nach Ägypten!

Als Victor und Angwin zu Ausgrabungen nach Ägypten wollen, gibt’s für Cleo kein Halten mehr: Sie muss mitfahren und ihren Vater suchen! Doch wie will sie das bewerkstelligen als mittellose und noch minderjährige Frau? Victor hat eine Idee …

Bei ihrer Abreise sind sie dann zu viert. Miranda, die keinerlei Interesse an Archäologie und dem strapaziösen Leben in einem Ausgrabungscamp hat, hat ihre Teilnahme an der Reise ertrotzt – warum auch immer. Lange bleibt rätselhaft, was diese Frau antreibt.

In Ägypten eröffnet sich für Cleo eine ganz neue Welt. Zwar sehen die britischen Snobs in den Hotels immer noch hochnäsig auf sie herab, aber Archäologen, Abenteurer und Altertums-Experten akzeptieren sie wegen ihres Wissens, ihres Mutes und ihrer unprätentiösen Art. Allerdings ist manchmal schwer einzuschätzen, wem sie trauen kann und wer Hintergedanken hat.

„[Sie] hatte nun schon drei ihr nahestehende Menschen verloren, aber auch eine gute Ausbildung genossen, zwei Heiratsanträge erhalten, war einmal vor den Altar getreten und Witwe geworden. […] Das war eine Menge für eine junge Frau mit gerade einmal zwanzig Jahren.“ (Seite 255)

Auf der Suche nach dem Vater

Cleo geht durch Höhen und Tiefen, gewinnt deutlich an Selbstbewusstsein und bleibt wesentlich länger in Ägypten als ursprünglich geplant war. So nah wie jetzt war sie ihrem Lebensziel noch nie. Doch das Schicksal ihres Vaters ist nach wie vor unklar. Dass er noch lebt, ist kaum wahrscheinlich. War er wirklich in einen Mordfall verwickelt? Und war er, als er zuletzt gesehen wurde, geistig verwirrt oder vielmehr einer großen Sache auf der Spur? Da er nie etwas auf die Reihe gebracht hat, tendiert Cleo zu ersterer Vermutung. Doch wieso erweckt ihr schlichter Silberarmreif mit dem Skarabäus auf einmal solches Interesse? War die Geschichte, die ihr Vater zu dem Schmuckstück erzählt hat, doch nicht nur ein Märchen? Führt er wirklich zum Grab eines Prinzen? Leider ist die Inschrift auf der Spange nicht vollständig lesbar.

Spätestens nach einem Einbruch, bei dem Cleos gesamte Habe durchwühlt wird, ist ihr klar, dass es Leute gibt, die die Geschichte über den Armreif verflixt ernst nehmen und bei der Suche nach dem sagenhaften Prinzengrab buchstäblich über Leichen gehen. Weniger denn je weiß sie, wem sie noch vertrauen kann. Es kommt zu einer dramatischen Konfrontation. Erst, als es um Leben und Tod geht, wird klar, wer wirklich auf wessen Seite steht.

Wilde Zeiten

Ja, das waren wilde Zeiten, Und so ist auch die Geschichte: Abenteuer, Intrigen und Emotionen, alles ein bisschen überlebensgroß, was selbst der Protagonistin irgendwann auffällt. Aber es macht Spaß, Cleos Entwicklung vom „tapferen Schneiderlein“ aus ärmlichen Verhältnissen zur erwachsenen, eigenständigen und unkonventionellen Frau zu verfolgen. 

Die Nebenfiguren verstehen zu überraschen. Gut, einer der Personen habe ich von Anfang an eine geheime Agenda unterstellt, eine andere habe ich total unterschätzt. Ich habe sie für zu einfältig für eine groß angelegte Intrige gehalten. Tja …!

Einen Anhang mit ergänzenden Sachinformationen zu den zentralen Themen im Buch gibt’s auch. Und wenn mich nicht alles täuscht, besteht eine Chance, dass wir Cleo bei weiteren Abenteuern begleiten dürfen. Die Erde birgt ja noch viele Geheimnisse …

Die Autorin

Rebecca Michéle, 1963 in Rottweil geboren, schreibt seit ihrer Jugend und hat unter verschiedenen Pseudonymen bereits über vierzig Romane veröffentlicht. Eine besondere Beziehung verbindet sie mit den britischen Inseln, wo viele ihrer Geschichten spielen. Gemeinsam mit ihrem Mann war sie dreißig Jahre lang erfolgreiche Turniertänzerin. Seit 2000 ist Rebecca Michéle freie Autorin und lebt aktuell mit ihrer Familie am Fuß der Schwäbischen Alb.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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