Anja Jonuleit: Das letzte Bild. Roman

Anja Jonuleit: Das letzte Bild. Roman, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN ‎978-3-423-28281-9, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 472 Seiten, Format: 15 x 3,6 x 21,6 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle: EUR 16,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb. (c) dtv

Der Fall der Isdal-Frau, der diesem Roman zugrunde liegt, ist wohl eines der größten Rätsel der norwegischen Kriminalgeschichte. Bis heute ranken sich die verschiedensten Theorien um die Unbekannte, die im November 1970 in einem einsamen Tal bei Bergen tot aufgefunden wurde, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Wer war die Frau? Warum reiste sie allein durch Norwegen, unter Verwendung von acht verschiedenen Identitäten, die sich allesamt als falsch herausstellten?“ (Aus dem Pressetext des Verlags)

Ja, ich kannte den 50 Jahre alten Fall der Isdal-Frau und habe schon allerhand Dokumentarisches und Fiktionales zu diesem Thema konsumiert. Nun hat mich interessiert, wie Anja Jonuleit, von der ich mehrere Bücher gelesen habe, diese Geschichte interpretiert. Und sie kommt auf ein paar plausibel klingende Erklärungen.

Ein Phantombild in der Zeitung

Darum geht’s in dem Roman: Sachbuchautorin Eva Berghoff, Mitte 40, rümpft normalerweise die Nase über die Tageszeitung, die beim Bäcker zum Verkauf ausliegt. Doch an einem Montagmorgen nimmt sie ein Exemplar mit, weil nämlich das Phantombild auf der Titelseite genauso aussieht wie sie. Es zeigt die Rekonstruktion des Gesichts einer vor 50 Jahren im norwegischen Isdal aufgefundenen und bis dato unbekannten Toten. Jetzt gibt es Hinweise darauf, dass die Frau aus Deutschland stammt. 

Warum sich dafür heute noch jemand interessiert? Weil das Leben der Isdal-Frau ebenso rätselhaft war wie ihr Ableben. Jahrelang war sie rastlos durch Europa gereist und hatte dabei verschiedene Aliasnamen verwendet. Sie hinterließ mysteriöse Aufzeichnungen und niemand hat je herausgefunden, wer sie war und welche Pläne sie verfolgte. Eine Spionin? Eine Kriminelle? Theorien gab es viele.

Ist die Tote Evas Tante?

Eva Berghoff, unsere Romanheldin, vermutet, dass die Isdal-Frau mit ihr verwandt ist. Eine so starke Ähnlichkeit mit ihr und ihrer Mutter in jungen Jahren kann einfach kein Zufall sein! Familiengeheimnisse gibt’s in ihrer Sippe genügend. Eine verschollene und verschwiegene Angehörige würde Eva nicht wundern. Und tatsächlich! Nach langem Zicken und Zögern erzählt ihre sonst immer so übertrieben positiv denkende Mutter Ingrid von einem traumatischen Ereignis aus ihrer Kindheit: 1944, als sie sechs Jahre alt war, verschwand ihre Zwillingsschwester Margarete in Belgien. Ihre Mutter, Therese Gruber, hatte dort als Ärztin in einem Kinderheim gearbeitet. So jedenfalls die offizielle Lesart. Die Isdal-Frau könnte also Evas Tante sein.

Nun, das lässt sich schnell klären. Eva meldet sich mit ihrer Vermutung bei der Polizei und nach einem DNS-Test ist klar, dass die Isdal-Frau tatsächlich Margarete Gruber ist.

Das könnte das Ende der Geschichte sein, wenn Eva Berghoff nicht ausgerechnet Sachbücher über das Dritte Reich schreiben würde. Sie fragt sich jetzt, warum ihre Familie nie nach Margarete gesucht hat, wie deren Leben verlaufen ist und warum sie in einer entlegenen Gegend Norwegens ein gewaltsames Ende fand. An die damalige Theorie vom Suizid glaubt heute nämlich kein Mensch mehr. Und was hat eigentlich die Mutter der Zwillinge – ihre Großmutter Resi, über die kaum je gesprochen wurde – während des Krieges in verschiedenen europäischen Ländern gemacht?

Eva recherchiert in Norwegen

Eva lässt alles stehen und liegen und reist, auch wenn ihre Familie das nicht versteht, zu Recherchezwecken nach Norwegen. Hilfe erhält sie dort von einem Polizisten, einer cleveren Übersetzerin und – zunächst widerwillig – von einem Historiker, der sich fragen muss, was seine Eltern all die Jahre über den Fall wussten.

Einen Teil der Antworten kennen wir Leser:innen bereits, denn die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Eva und von Margarete erzählt. 

Margarete sucht ihre Familie

Margarete wächst unter dem Namen Marguerite Laurent in Frankreich auf. Sie ist sehr attraktiv und weiß das auch zu nutzen. Besonders gebildet oder politisch interessiert ist sie nicht. Sie weiß, dass sie deutscher Abstammung ist und dass sie nicht darüber reden soll. Und sie ist besessen von dem Gedanken, eines Tages ihre Herkunftsfamilie wiederzufinden. In Deutschland und Belgien sind ihre Nachforschungen erfolglos geblieben. Vielleicht hat sie auch nicht die richtigen Fragen gestellt. 

Als sie Damiano Lombardi, einen Reisefotografen aus Rom kennenlernt, sieht sie endlich die Chance, auch in Norwegen zu recherchieren, wo sie ebenfalls mit ihrer Familie gelebt hat. Lombardi, der ein bisschen halbseiden daherkommt, verschafft ihr eine lukrative, ähem, Verdienstmöglichkeit – und er nimmt sie mit nach Skandinavien.

Aufgescheucht!

Margarete ist kontaktfreudig, einfallsreich und hartnäckig – aber leider, bei aller Abgebrühtheit, in manchen Belangen erstaunlich naiv. Nicht alle Menschen, die sie im Zuge ihrer Nachforschungen ausfragt, sind begeistert davon, dass jetzt auf einmal eine Ausländerin daherkommt und ans Licht zerrt, was sie vor Jahrzehnten getan oder unterlassen haben. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf …

Trotz der beiden Zeitebenen weiß man als Leser:in stets, an welcher Stelle des Zeitstrahls man sich gerade befindet. Evas Handlungsstrang wird in der Vergangenheitsform erzählt, Margaretes im Präsens. Außerdem sind die beiden Teile in einer jeweils anderen Schrift gesetzt, wenngleich der Unterschied recht subtil ist.

Sachinformationen im Anhang

Im ausführlichen Anhang gibt es eine Menge Sachinformationen über den realen Fall der Isdal-Frau, und man denkt, ja, so ähnlich, wie Anja Jonuleit das beschreibt, könnte es durchaus gewesen sein. Die volle Wahrheit wird man wohl nie herausfinden. Aber als Roman ist die sorgfältig recherchierte Geschichte schlüssig und spannend. Nur mit Margaretes unzähligen Kontakten, denen Eva 50 Jahre später nachspürt, bin ich manchmal ins Schleudern gekommen: Wer war das jetzt? Was hatte er/sie mit Margarete zu tun? Und was war seine/ihre Agenda? Bis ich Professor Laurin Abrahamsen, der ja schon auf Seite 14 auftaucht, richtig in die Geschichte einsortiert hatte, hat es peinlich lange gedauert!

Wahrscheinlich hat die Autorin ohnehin alles weggelassen, gekürzt und verkürzt, was nur ging. Doch eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, hat eben eine gewisse Komplexität. Das ist jetzt aber kein K.O.-Kriterium. Mir hat der Roman gut gefallen.

Die Autorin

Anja Jonuleit wurde in Bonn geboren. Sie arbeitete als Übersetzerin und Dolmetscherin, bis sie anfing, Romane und Geschichten zu schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Friedrichshafen.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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