Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven

Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven, München 2022, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-06284-8, Klappenbroschur, 205 Seiten, Format: 13,6 x 1,75 x 20,5 cm, Buch: EUR 16,00 (D), EUR 16,40 (A), Kindle: EUR 15,99.

Abb.: (c) Piper Verlag

„Wer also in seinem ‚Good Vibes Only’-Positivitätswahn verlangt, man solle sein ‚Mindset’ ändern und sich nur noch auf die positiven Dinge im Leben konzentrieren, der zerstört das politische Potenzial der kollektiven Aufregung. Wenn niemand herausbrüllt, dass der König – mit Verlaub – ein egozentrisches, raffgieriges A***l*ch ist, wird niemand die Bastille erstürmen.“(Seite 114)

Aha, ich bin also doch nicht allein mit meiner Ansicht! Das Gesabbel vom „positiven Denken“ geht mir schon seit Jahrzehnten auf den Senkel. Manches im Leben ist einfach blöd. Nicht alles Negative ist dazu da, dass der Mensch daraus etwas lernt. Sh*t happens. Da bringt es nichts, sich die Sache schön zu reden und sich sein Unbehagen wegtherapieren oder wegcoachen zu lassen. 

Handeln statt schönreden!

Es wäre oft sinnvoller, erst einmal herzhaft zu schimpfen, sich gegebenenfalls mit anderen zusammenzutun und die Situation zu verändern. Sind beispielsweise die Arbeitsbedingungen mies, braucht man kein Yoga, keinen Beruhigungstee und keine veränderte innere Einstellung, sondern einen Betriebsrat und/oder einen neuen Job. Durch Schönreden werden gesellschaftliche oder politische Themen ins Psychische verlagert und die Verantwortung dafür dem Einzelnen aufgebürdet.

„Das Geniale daran: Wenn alles nur unsere Einstellung ist, warum sollte sich dann noch irgendjemand um bessere Schulen, Bezahlung oder Krankenversorgung bemühen? So wird dann auch der Kampf um bessere Lebensbedingungen oder gerechtere Einkommen von vornherein untergraben.“ (Seite 61)

Natürlich soll man nicht so negativ und fatalistisch denken, dass man gar nichts mehr unternimmt, ‚weil’s ohnehin nichts bringt’. Aber wenn unser Problem „am System“ liegt, sollten wir mit der Lösung auch dort ansetzen und nicht versuchen, unsere eigene Belastbarkeit zu steigern. Wenn sich alle, die mit ihrer Situation unzufrieden waren, still angepasst hätten, säßen wir heute noch auf den Bäumen. „Unzufriedenheit ist der Motor des Fortschritts“, hat mein Vater immer gesagt.

Alles Eigenverantwortung?

Wer hat sich das mit dem „positiven Denken“ eigentlich ausgehirnt? Martin Seligman, sagt die Autorin. „Höchstpersönlich baute er an seiner Uni in Pennsylvania im Jahr 2001 das Positive Psychology Center aus. […] Hier traf Motivationspsychologie auf neoliberales Weltbild und es war ein match made in heaven (oder hell, wie man es nimmt.“ (Seite 51) Nun haben wir den Salat und müssen uns sagen lassen, wir könnten alles erreichen, was wir wollen, wenn wir uns nur anstrengen und fest an uns glauben. Beruflicher Erfolg, Liebe, Glück und Gesundheit – alles liegt angeblich allein in unserer Verantwortung. Und wenn etwas nicht klappt, haben wir uns eben nicht genügend bemüht.

Daraus leiten manche dann das Recht ab, kranken Mitmenschen generell die Schuld an ihrer Erkrankung zu geben. Wenn jemand ungesund lebt und diverse Warnschüsse überhört, okay … aber viele trifft es auch aus heiterem Himmel. Und dann ist so eine Anschuldigung einfach daneben.

Völlig pervertiert wird die Idee von der Eigenverantwortung, wenn man an eine „Bestellung beim Universum“ glaubt. Da stellt man sich irgendwas ganz dolle vor und das Universum liefert es dann prompt – ob Parkplatz, Partner oder Lottogewinn. Das ist kindlich-magisches Denken! Oder, wie die Autorin schreibt: „[Das] ist so unendlich bescheuert, dass man gar nichts mehr weiter dazu sagen muss.“ (Seite 40)

Lasst euch nichts einreden!

Aber es kann uns ja niemand zwingen, diesen Mumpitz mitzumachen. Kein Mensch muss sich auf der Jagd nach dem Glück verausgaben, wenn er Besseres zu tun hat. Rückschläge und schwere Zeiten gehören zum Leben, man darf also ruhig mal schlecht drauf sein. Es ist auch nicht nötig, uns als immerfort glücklich zu inszenieren, ob nun online oder im wahren Leben. Selbst am Wettrüsten um die teuerste und pompöseste Hochzeit braucht man nicht teilzunehmen. Und neumodische Albernheiten wie „Gender Reveal Partys“ darf man getrost ablehnen.

„[…] Wenn jemand Leid auf großer Linie als ‚Eigenverantwortung’ bagatellisiert oder uns davon überzeugen will, dass wir noch viel glücklicher sein könnten, spitzt man am besten die Ohren. Denn die Obsession mit dem Glück ist politisch – und von ihr profitiert ein ganzer Zweig der Konsumindustrie.“ (Seite 171)

Auf nahezu jeder Seite des Buchs habe ich Unterstreichungen vorgenommen, weil ich den Worten der Autorin zustimme und/oder weil sie mir Erklärungen für meine Beobachtungen liefern. Seit ich hier gelesen habe, was „depressive Realisten“ sind (was Positives!), wird mir so einiges über mein Umfeld klar. Und Frau Schreibers Beitrag über den Zweifel lässt mich endlich verstehen, warum bei früheren Chefs schon ein gut gemeinter Verbesserungsvorschlag als Angriff und Majestätsbeleidigung galt.

Wem nutzt das?

Nun halte ich die Sache mit dem positiven Denken zwar nicht für eine groß angelegte Verschwörung, aber es profitieren doch einige davon, dass jeder für sich versucht, sich zu optimieren, statt gemeinsam mit anderen etwas an den Verhältnissen zu ändern. Ich hatte schon vor etlichen Jahren das Gefühl, dass wir diesbezüglich kräftig ver*rscht werden. Im Beruf habe ich diverse Entlassungswellen und eine irrwitzige Arbeitsverdichtung erlebt. Und als Problemlösung kam man uns mit Entspannung und Selbstorganisation. Ich dachte immer, ey, das kann doch nicht sein! Hier macht jeder den Job von drei Leuten und wenn wir ein Problem damit haben, will man uns zeigen, wie wir das besser wegstecken? Wir brauchen keine Meditation und keine Selbstorganisationstipps. Wir brauchen mehr Personal!

Damals habe ich nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Ich wusste ja nicht, das ich mit meiner Vermutung richtig liege. Wenn einem alle Welt was anderes einredet, kann man schon mal an der eigenen Wahrnehmung zweifeln. Da freut mich natürlich die späte Bestätigung durch dieses Buch. Und, oh Wunder: Ich bin hier tatsächlich mal einer Meinung mit Elke Heidenreich: »Das ist ein Buch nach meinem Herzen! Schnell, frech, wütend!«, Elke Heidenreich, Kölner Stadt-Anzeiger Published On: 2022-03-25

Die Autorin

Juliane Marie Schreiber ist Politologin und freie Journalistin. Ihr Buch »Bilder als Waffen« erhielt den Wissenschaftspreis »Aquila Ascendens«. Sie schreibt unter anderem für ZDFheute, den Freitag und das Philosophie Magazin. Schreiber ist im Team von Jung & Naiv und hat eine eigene Interviewreihe. Sie studierte in Berlin und Paris und arbeitete für Stiftungen und im Bundestag.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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