Deborah Wilde: Jezebel Files, Band 1. Wenn der Golem zweimal klingelt

Deborah Wilde: Jezebel Files, Band 1. Wenn der Golem zweimal klingelt. Urban Fantasy, OT: Blood & Ash, übersetzt von Julia Schwenk, Steinbach-Hallenberg 2022, Second Chances Verlag, ISBN 978-3-96698-715-8, Klappenbroschur, 382 Seiten, Format: 13,7 x 3,5 x 20,7 cm, Buch: EUR 16,99, Kindle: EUR 6,99. 

Abb.: (c) Second Chances Verlag

„Was für ein Witz! Ich würde nicht nur eine stattliche Summe dafür ausgeben, nicht zu wissen, wozu ich fähig war, darüber hinaus hatten auch noch alle Antworten nur zu weiteren Fragen geführt. Was machte eine Jezebel aus, und warum gab es nirgendwo Aufzeichnungen über uns? Warum besaßen wir Blutmagie? Wer oder was war Chariot, und warum mussten wir sie aufhalten? Und wie stand mein Vater mit alldem in Verbindung?“ (Seite 370)

Menschen mit und ohne Magie

Wie immer beim Beginn einer  – hier vierteiligen – Fantasy-Reihe, muss man erst einmal ein bisschen was über diese Welt wissen. Die Vorgeschichte, zum Beispiel: Weil im 17. Jahrhundert zehn größenwahnsinnige Kerle die Idee hatten, „sich mit dem Göttlichen zu vereinigen“ und daran scheiterten, teilt sich die Menschheit nun in Weltige (sowas wie die Muggels bei Harry Potter) und in magisch begabte Nefesh.

Die Nefesh sind mit ihren Fähigkeiten registriert und in verschiedenen „Häusern“ organisiert. Eines der mächtigeren ist das House Pacifica, das sein Hauptquartier in Vancouver/Kanada hat. Dessen Leitung hat der italienischstämmige Magier Levi Montefiore, ein attraktiver Mann um die 30. Der ist seit seiner Kindheit mit der ungefähr gleichaltrigen Ashira „Ash“ Cohen in einer Art Hassliebe verbunden. Sie misstrauen und beleidigen einander, streiten permanent und suchen doch stets die Nähe des anderen. 

Eine ungewöhnliche Familie

Ash, eine mittelprächtig erfolgreiche Privatdetektivin, hat eine interessante Familiengeschichte: Ihr Vater Adam war ein Nefesh, ein Charismat, der seine Fähigkeit, andere zu manipulieren, für kleinere und größere Gaunereien nutzte, bis er vor 15 Jahren plötzlich verschwand. Ihre Mutter Talia stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie und hatte schon in jungen Jahren von Religion und Magie dermaßen die Nase voll, dass sie zu einer radikalen Gegnerin von beidem wurde. Die Juristin gehört inzwischen zu den einflussreichsten Mitgliedern der Reinheitsallianz, einer Organisation, die allen unwissenschaftlichen und manipulativen Mumpitz streng reguliert sehen will. Von Lobbyismus scheint die Allianz etwas zu verstehen. Bei Gesetzesentwürfen hat sie auf jeden Fall die Finger drin.

Plötzlich Magierin

28 Jahre lang hat sich Ash für eine magisch unbegabte Weltige gehalten – bis sich bei der Behandlung einer Kopfverletzung herausstellt, dass sich unter ihrem vollen Haar eine merkwürdige Tätowierung verbirgt. Sie weiß nichts davon, ihre Mutter und frühere Ärzte auch nicht. Wer hat ihr das Ding verpasst, wann und warum? Es stellt sich als ein Bannsiegel heraus, das magische Aktivitäten verhindert. Die unerschrockene Ash lässt es entfernen und wird dadurch völlig unvorbereitet zu einer Nefesh. Jetzt gehört sie zum House Pacifica und ihr Lieblingsfeind Levi Montefiore ist ihr Boss. 

Ashs Art der Magie ist den hiesigen Nefesh noch nie untergekommen. Sie gehorcht keinen Regeln – genau wie Ash selbst – und dürfte gar nicht existieren. Unsere Heldin versteht ihre Kräfte weder noch kann sie sie beherrschen. Offenbar hat man ihre magischen Fähigkeiten aus gutem Grund versiegelt.

Neue Chancen, neue Gefahren

Egal. Ash lässt das jetzt so. Beruflich eröffnet ihr der neue Status als Nefesh ungeahnte Möglichkeiten. Aber das bedeutet auch ganz neue Gefahren. Bei der Suche nach einer verschwundenen Jugendlichen trifft sie nicht nur auf einen brandgefährlichen weiblichen Nefesh-Gangsterboss – eine elegante Latina mit dem Spitznamen „Herzkönigin“  – und deren Schergen, sondern auch auf eine geheimnisvolle Organisation, die vor keiner Bluttat zurückschreckt. Yitzak, der alte Tätowierer, hätte ihr sicher eine Menge zu erzählen gehabt, wenn ihn der Typ mit dem harten Akzent nicht vorher erledigt hätte. Sind es dessen Leute, die Golems als Wachmänner einsetzen? Und versuchen sie tatsächlich, das, was auch immer sie treiben, der Herzkönigin in die Schuhe zu schieben? Mutig!

Ash hat weder mit der jüdischen Mythologie noch mit Hebräisch was am Hut, aber wenigstens erkennt sie ein Aleph, wenn sie eines sieht, womit sie eine gewisse Chance gegen unfreundliche Golems hat. Bildung kann Leben retten. 😉

Vermisstenfälle mit System

Langsam wird ihr klar, dass der Vermisstenfall, in dem sie ermittelt, kein singuläres Ereignis ist. Es verschwinden systematisch junge Menschen, nach denen im Normalfall niemand suchen würde, und irgendjemand stellt mit ihnen ganz scheußliche magische Dinge an. 

Für diese scheußlichen Dinge braucht es genau die Art von Nefesh-Fähigkeiten, die sie selbst hat. Das heißt, es muss noch mehr von ihrer Sorte geben – und die machen entweder freiwillig oder unfreiwillig bei dieser Schweinerei mit. Wenn also die Mistkerle, wer auch immer sie sind, solche wie sie brauchen, sind sie womöglich hinter ihr her! Vielleicht sollte sie mal dem neuen Nachbarn auf den Zahn fühlen, der sich solche Mühe gibt, sich mit ihr und ihrer Mitbewohnerin/Mitarbeiterin, der IT-Spezialistin Priya Kathri, anzufreunden …

Ein bisschen ist das so wie bei Ben Aaronovitchs Peter-Grant-Romanen: Irgendwann verliert man komplett den Überblick, wer mit wem verbandelt oder verfeindet ist und wer was auf seiner Agenda hat. Man schaut dem Chaos fasziniert und amüsiert beim Toben zu und hofft, dass sich das alles schon irgendwann klären wird. Ash jedenfalls scheint ungefragt Teil eines größeren Plans zu sein. Will sie das? Hat sie überhaupt eine Wahl?

Schräg, lustig, abgefahren …

Irgendwie habe ich den Verdacht, dass hier Gesandte einer weiblichen Gottheit das wieder gerade biegen sollen, was die Anhänger eines patriarchalischen Gottes in grauer Vorzeit verbockt haben. Aber vielleicht denke ich auch zu alttestamentarisch. Wir werden sehen. Die Serie ist so schräg und abgefahren, dass ich auf jeden Fall am Ball bleiben werde. Und ich finde es lustig, wie sich Ash und Levi dauernd kabbeln. So schrecklich ernst nimmt sich die Geschichte zum Glück nicht.

… und kein Jugendbuch

Weil ich bei Urban Fantasy immer als erstes an Bücher für Teenager denke, hatte ich erwartet, ein Jugendbuch zu lesen. Doch weit gefehlt! Okay, die Gewaltszenen in diesem Roman sind jetzt nicht so krass, das würden jugendliche Leser:innen locker wegstecken. Aber Jugendbücher sind üblicherweise doch etwas – wie soll ich sagen – diskreter? Keuscher? Nicht so explizit? Auf Ashira Cohen trifft nix davon zu. Sie schildert unverblümt und überaus detailliert, was sie wo und wie mit ihrem Lover alles treibt. Ich sag’s nur …! Für wen diese Lektüre geeignet ist, mag nun jede:r selbst entscheiden.

Ich freue mich jedenfalls auf den nächsten Band und hoffe, dass der Second-Chances-Verlag sein Konzept ernst nimmt und wirklich alle vier Bände herausbringt: 

„Welche Bücher erscheinen im Second Chances Verlag? Die Bücher, die uns als Leser auf dem deutschen Buchmarkt gefehlt haben. Die Bücher, deren Übersetzungen es nicht mehr in die Verlagsprogramme geschafft haben. Die Bücher, die inzwischen nicht mehr erhältlich sind, obwohl sie zeitlos gut sind. Und die Bücher, die ihr euch wünscht.“ (www.second-chances-verlag.de)

Falls nicht, lese ich die Reihe eben auf Englisch fertig. Diesen Spaß lasse ich mir keinesfalls entgehen!

Die Autorin

Deborah Wilde ist Weltenbummlerin, ehemalige Drehbuchautorin und Zynikerin durch und durch. Sie schreibt mit Vorliebe witzige Romane für Frauen in den Genres Urban Fantasy und Paranormal Romance. In ihren Geschichten geht es um selbstbewusste, toughe Frauen, starke weibliche Freundschaften und Romantik mit einer Prise Charme und Feuer. Sie mag Happy Ends, und es ist ihr wichtig, dass auch der Weg dorthin ihre Leser*innen zum Lachen bringt. Deborah Wilde lebt in Vancouver, zusammen mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrer überaus eigenwilligen Katze Abra.

Die Übersetzerin

Julia Schwenk lebt mit einem bunten Heimtierzoo in ihrem heiß geliebten Zimmerpflanzendschungel im süddeutschen Land der Kühe und grünen Wiesen. Sprache ist ihre große Leidenschaft, die sie als Verlegerin und Übersetzerin zum Beruf gemacht hat. Wenn sie nicht gerade wie Gollum auf ihrer Couch über dem Arbeits-Netbook kauert, macht sie Handarbeitsforen unsicher, schaut YouTube leer oder plant die Übernahme der Weltherrschaft – und ist dabei immer auf der Jagd nach dem nächsten spannenden Projekt.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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