Gloria Gray: Zurück nach Übertreibling. Vikki Victorias erster Zwischenfall. Krimi

Gloria Gray: Zurück nach Übertreibling. Vikki Victorias erster Zwischenfall. Krimi, München 2022, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-22009-5, Klappenbroschur, 344 Seiten, Format: 12,3 x 2,89 x 19,1 cm, Buch: EUR 11,95 (D), EUR 12,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) dtv

„Vikki, hör zu, der Toni ist ausgebrochen. Gestern Nacht, aus Stadelheim. Ich hab’s gerade erfahren. Großfahndung.“ – Oh. […] Ganz klar, ich bin in Gefahr.“ (Seiten 8/9)

Künstlerin Vikki Victoria, 41, lebt seit Jahren glücklich und zufrieden in München. Ihre Jugend in Übertreibling, einem Kaff im Bayerischen Wald, hat sie erfolgreich verarbeitet – oder vielleicht auch nur verdrängt. Leicht hat sie’s nicht gehabt. Sie ist im Körper eines Jungen geboren worden, hat sich aber immer schon als Mädchen bzw. Frau gefühlt. Und Anderssein ist in einem stockkonservativen Dorf echt kein Spaß! Besonders ihr Schulkamerad Toni Besenwiesler hat ihr damals das Leben schwer gemacht.

Jahre später laufen sich Vikki und Toni in München wieder über den Weg. Toni arbeitet dort für den türkischen Clanchef Achmet und legt eine steile kriminelle Karriere hin. Vikki ist mit Achmet und dessen Familie bekannt, ohne in dessen ungesetzliche Machenschaften verwickelt zu sein. Und so haben die Feinde aus Kindertagen zwangsläufig immer wieder Kontakt.

Raus aus dem Knast …

Irgendwann kommt Toni für 13 Jahre in den Knast für ein Delikt, das er nicht begangen haben will. Aus unerfindlichen Gründen glaubt er, dass Vikki und Achmet ihm die Tat angehängt haben und terrorisiert die beiden aus dem Gefängnis heraus mit Drohbriefen und Drohmails. Seine tumben Verwandten sind dabei willfährige Handlanger. Dabei ist Tonis Verdacht vollkommen absurd! Weder Vikki noch Achmet haben mit der Sache etwas zu tun. Sie hatten nicht einmal einen Vorteil davon, dass er in den Bau eingefahren ist.

Jetzt ist der Toni also raus aus dem Knast und Vikki muss um ihr Leben fürchten. Auf die Schnelle fällt ihr und ihrem Kumpel Wolf, einem belesenen Antiquitätenhändler und Boss einer Motorradgang, nichts Besseres ein, als Vikki in ihrem Heimatort Übertreibling zu verstecken. Stimmt schon: Da wird Toni sie nicht vermuten. Andererseits stammt er ja selber aus dem Ort. Womöglich schlägt er bei seiner dortigen Verwandtschaft auf und Vikki läuft ihm direkt in die Arme.

… und rein ins Chaos

Aber vielleicht ist es eh gescheiter, dass sie ihn findet, bevor er sie findet. Überraschungsmoment, verstehst? Toni ist nicht gerade ein Superhirn. Da hat die Vikki schon deutlich mehr auf dem Kasten. Außerdem hat sie Wolfs Motorradgang, die „Switch Blades“, auf ihrer Seite sowie Achmet und dessen Leute, obwohl auf die nur bedingt Verlass ist. Toni hat nur seine einfältige Sippschaft.

Entführung! Vikki ermittelt

Und nun jagen die verschiedenen Parteien einander gegenseitig ums Karree. Vikki organisiert das ganze, ohne genau zu wissen, was überhaupt läuft. Da bleiben Fehlentwicklungen nicht aus. Achmets Gurkentruppe kriegt Händel mit der Rockergang, eine Kneipe fliegt in die Luft, die Polizei mischt mit und das Chaos tobt. Natürlich haben alle den Besenwiesler Toni als Drahtzieher in Verdacht. Dann werden auch noch Vikkis junge Nachbarin und Achmets Tochter entführt. Dafür kann der Toni nun wirklich nicht verantwortlich sein. Wer also steckt dahinter? Und warum? 

Weil Vikki nicht viel von der Polizei hält – und der Achmet schon gleich gar nicht – ermitteln sie in diesem Entführungsfall selber. 

Vom Irrsinn überfordert

Der Irrsinn zieht immer größere Kreise. Auf einmal hängt eine alternde Diva in der Geschichte mit drin, die mich ein bisschen an Barbara Valentin erinnert hat, ein schmieriger Journalist, ein attraktiver Kriminalbeamter, eine bodenständige Gastwirtin (Vikkis Mama), ein halbseidener Privatdetektiv, ein grantiger Foodtruck-Betreiber und noch ein paar andere schräge Gestalten. 

Diese Amateurliga stolpert so überfordert durch das Geschehen, dass es eine wahre Pracht ist – und sehr lustig. Zimperlich sind sie ja nicht, sonderlich effektiv aber auch nicht. Wenn jetzt nicht schleunigst ein Wunder geschieht, schaut’s für die beiden Entführungsopfer finster aus … 

Haarsträubende Krimikomödie

Ein bisschen hatte ich die Befürchtung gehegt, ich könnte hier platten Klamauk erwischt haben. Dem ist aber nicht so. ZURÜCK NACH ÜBERTREIBLING ist eine Krimi-Komödie mit, zugegeben, haarsträubender Handlung. Die Figuren/Typen sind sehr gut beobachtet. Die eine oder andere Beschreibung /Formulierung wird sicher bei mir hängenbleiben. Man hat öfter mal den Eindruck: O ja, genau so jemanden kenn’ ich! Und gelegentlich bemerkte ich peinlich berührt: Autsch, so führe ich mich auch mitunter auf! 

Das ganze ist ein bisschen wie eine Bühnenshow angelegt. Vikki erzählt uns, ihrem Publikum, von diesen unerhörten Begebenheiten. Ich sehe sie förmlich im Scheinwerferlicht herumstöckeln. Dabei wendet sie sich immer wieder direkt an uns: „Verstehst?“ – „Das kennst du doch auch, oder?“ Dadurch entsteht eine Art Komplizenschaft, selbst wenn man nicht immer mit ihren Aktionen und Ansichten einverstanden ist. 

Ohne Filter

Vikki hat keinen Filter. Was immer ihr durch die Birne rauscht, teilt sie uns mit: Theorien, Erinnerungen, kluge Gedanken über die Menschen und das Leben an sich, Selbstzweifel und Selbstkritik ebenso wie umstrittene Meinungen (Bodyshaming! Influencer! Umweltschutz! Gendersternchen! LGBTQIA+!).

Manchmal schnappt man schon nach Luft, wenn man liest, was die Protagonistin da so raushaut. Die prominente Schauspielerin Ch. N. aus M. wird nicht gerade Luftsprünge machen, wenn sie erfährt, dass Vikki eine Klage erwogen hat, als Frau N. sie in einer Verfilmung der geschilderten Ereignisse verkörpern sollte. Und aus welchem Grund. 😀 (Über diesen Textpassus haben wir bei Facebook ausgiebig diskutiert.) Aber eine fiktive Gestalt hat ja für ihre Äußerungen keine Konsequenzen aus der realen Welt zu befürchten. Die kann sich ganz ungezwungen so benehmen.

Irgendwann dachte ich, hm, mit 40 hatte ich noch deutlich mehr Illusionen als Vikki Victoria. Die ist schon sehr abgeklärt, wenn nicht gar ein bisschen zynisch. Dann habe ich gegoogelt: Die Autorin und ihr Co-Autor sind 10 bis 15 Jahre älter als ihre Heldin. Diese Lebenserfahrung ist da sicher mit eingeflossen. 

Skurrile und spaßige Mischung

Es gibt offensichtlich ein paar Ähnlichkeiten zwischen der Biographie der Heldin und jener der Autorin. Vielleicht haben auch ein paar der Nebenfiguren reale Vorbilder – oder ich bilde mir das nur ein. Wie dem auch sei: Mir hat diese skurrile Mischung aus Krimi, Witz und Lebensklugheit gefallen. Klar, das ist jetzt nix Hochgeistiges – das ist einfach nur ein Heidenspaß. Muss ja auch mal sein, nicht? Beim nächsten Vikki-Victoria-Zwischenfall möchte ich auf jeden Fall wieder dabei sein.

Die Autorin

Gloria Gray ist in Zwiesel im Bayerischen Wald geboren und aufgewachsen. Mit 18 flüchtete sie von dort, um sich als Frau und Künstlerin verwirklichen zu können. Über 27 Jahre in München wohnhaft und international als Performerin tätig, kehrte sie 2010 in ihre alte Heimat zurück und ist seither im Landkreis Regen u.a. als Unternehmerin, Kreisrätin und Botschafterin tätig. Als Entertainerin ist sie jedoch weiterhin aktiv und überregional unterwegs. Mit ›Zurück nach Übertreibling‹ legt sie ihr fulminantes Debüt vor. www.gloriagray.com

Der Co-Autor

Robin Felder lebt und arbeitet in München als Komponist, Texter und Schriftsteller. Bislang sind von ihm vier Romane erschienen. www.robinfelder.com

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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