Christoph Wortberg: Gussie. Roman

Christoph Wortberg: Gussie. Roman, München 2024, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28386-1, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 287 Seiten, Format: 13,2 x 3,5 x 20,9 cm, Buch: EUR 24,00 (D), EUR 24,70 (A), Kindle: EUR 19,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) dtv

„Dieses merkwürdige Verhältnis zwischen dem, was man sagt und dem, was man tut. Und wenn es darauf ankommt, zuckt man zurück. Die Bedenken fressen den Mut auf. Das galt ja auch für sie selbst. Was sie tat, gefährdete andere. Ihre Familie, ihre Kinder. Hatte sie wirklich das Recht dazu?“ 

(Seite 91)

Christoph Wortbergs Roman ist spannend und berührend, aber er ist keine leichte Kost. 
Bonn, 1948: Auguste „Gussie“ Adenauer, 52, (Stief-)Mutter von sieben Kindern, erinnert sich auf dem Sterbebett an Episoden aus ihrem wechselvollen Leben. Es war nicht immer leicht. Vor allem zwei Ereignisse waren für sie traumatisierend: Der frühe Tod ihres Erstgeborenen, Ferdinand, und die Tatsache, dass sie 1944 ihren Mann an die Gestapo verraten hat, um das Leben ihrer Töchter zu retten. Aber was hätte sie in dieser Situation tun sollen? Hätte sie sich anders entschieden, wäre es ebenso richtig oder falsch gewesen. Das belastet ihr Gewissen bis zum psychischen Zusammenbruch, der in einen Suizidversuch mündet. Nur durch Zufall wird sie rechtzeitig gefunden und gerettet.

Dass man sie vor diese unmenschliche Wahl gestellt hat – Mann oder Kinder – ist nicht ihre Schuld, dass sie unter immensem Druck eine Entscheidung treffen musste, auch nicht. Doch das, was sie getan hat, quält sie für den Rest ihres Lebens.

„Mein Vater hat mich gelehrt, dass alles, was wir tun, Konsequenzen hat, und dass wir uns diesen Konsequenzen stellen müssen. Er nannte das Verantwortung.“ 

(Seite 93)

Immer wieder rückt ihr damaliger Verrat ins Zentrum ihrer Erinnerungen. Diese Erinnerungen erfolgen selektiv und assoziativ und nicht chronologisch, was zwar nachvollziehbar ist, aber uns Leser:innen die zeitliche Orientierung ein wenig erschwert. Die (fiktiven) Briefauszüge am Anfang eines jeden Kapitels sind dankenswerterweise datiert und helfen uns ein bisschen, uns in Gussies Lebensgeschichte zurechtzufinden. 

Der Autor erzählt Gussies Lebensweg so fesselnd, dass man wie gebannt dranbleibt, egal, ob man die Biographie der Adenauers sicherheitshalber nochmals schnell gegoogelt hat oder ob man sich anhand ihrer Erinnerungsschnipsel kreuz und quer durch die Jahrzehnte treiben lässt.

Konrad Adenauer und seine erste Frau Emma kannten die Arzttochter Auguste „Gussie“ Zinsser schon als junges Mädchen. In Köln waren sie Nachbarn, unterhielten sich über den Gartenzaun hinweg, besuchten einander und musizierten zusammen. Emma spielte Klavier, Gussie war eine begabte Violinistin, die insgeheim von einer Musikerinnen-Karriere träumte. Von einem romantischen Interesse zwischen Gussie und dem Juristen und Familienvater Adenauer ist zu der Zeit noch nichts zu spüren.

Sie ist eine intelligente, wohlerzogene Nachbarstochter, lebensfroh und an allem interessiert, was in der Welt vorgeht. Von klein auf hat ihr Vater ihr, seiner Lieblingstochter, die Wunder der Welt gezeigt und ihr alles erklärt, was sie hat wissen wollen: Geografie, Physik, Chemie … und sie saugt das Wissen gierig auf. Sie hätte studieren können wie ihr Bruder, aber das ist damals für höhere Töchter einfach keine Option. Mädchen wie Gussie heiraten und kümmern sich um Haushalt und Familie. Sie stellt das auch überhaupt nicht in Frage.

Als Konrad Adenauer, damals schon Oberbürgermeister von Köln, nach dem Tod seiner ersten Frau um Gussie wirbt, nimmt sie seinen Antrag an, obwohl er fast 20 Jahre älter ist als sie, drei kleine Kinder hat und sie, die Protestantin, für eine Ehe mit ihm zum Katholizismus übertreten muss. Ihrer Familie passt das nicht, und auch ihr Pastor hat zu ihrer Entscheidung eine Meinung, die er sehr unverblümt äußert. Doch Gussie lässt sich nicht beirren. Warum sie sich für ihn entschieden hat, ob aus romantischen oder eher pragmatischen Erwägungen, wurde hier meines Erachtens nicht so ganz klar. 

Die lebenslustige Gussie und der zugeknöpfte Konrad, das passt auf den ersten Blick gar nicht zusammen. Und die junge Braut ist auch nicht frei von Ängsten. Wie wird das Zusammenleben mit Konrad sein? Wie werden seine Kinder die neue „Stiefmutter“ aufnehmen? Ist sie der Mutterrolle überhaupt gewachsen? Ihre Brüder haben da starke Zweifel. Und verliert sie als Ehefrau und (Stief-)Mutter nicht mit einem Schlag alle Freiheiten, die sie bisher hatte?

Der Rollenwechsel von Papas intellektuell gefördertem Liebling zu einer distinguierten Oberbürgermeistergattin geht auch nicht reibungslos vonstatten. Die neue Frau Adenauer ist vielen Leuten zu fröhlich, selbstbewusst und frech. Und zu engagiert.

Konrads Kinder akzeptieren sie erstaunlich schnell, nur der Gatte selbst bleibt reserviert wie eh und je. Nur in wenigen Momenten lässt er die Familie hinter seine Fassade schauen. Er muss sich schon früh im Leben diesen Panzer der Unnahbarkeit zugelegt haben.

Konrad und Gussie bekommen fünf gemeinsame Kinder. Er steht in der Öffentlichkeit und verdient das Geld, sie kümmert sich um die Familie und spielt die Rolle der repräsentierenden Gattin. Sie liest seine Reden gegen und peppt sie ein bisschen auf, aber das ist ihr nicht genug. Mit Billigung ihres Mannes engagiert sie sich politisch und sozial, auch wenn man sich fragt, wie sie, selbst mit Personal, die Zeit dafür gefunden hat.

Alles läuft in geregelten Bahnen – bis die Nazis an die Macht kommen. Dass sie mit denen nichts am Hut haben, daraus haben die Adenauers nie ein Hehl gemacht. Jetzt haben die neuen Machthaber sie auf dem Kieker und Konrad ist ruckzuck seinen Posten los. Umzug, Rückzug aus der Öffentlichkeit, Verstecken oder Untertauchen: Nichts hilft auf Dauer. Ein Vorwand genügt, und die Eheleute werden verhaftet …

Es ist ein bisschen wie bei der Titanic-Verfilmung: Man weiß, wie die Geschichte ausgeht und kommt trotzdem nicht davon los. Unwillkürlich stellt man sich selbst Gussies Lebensfragen: Was macht ein gelungenes Leben aus? – Wär’s besser oder schlechter gelaufen, wenn man sich an diesem oder jenem Scheidepunkt anders entschieden hätte? Oder ist die Frage müßig, weil man sie gar nicht beantworten kann? – Ist man bereit, die Verantwortung zu übernehmen für das, was man tut und für das, was man unterlässt? Kann man die Konsequenzen aushalten? Oder verlässt einen der Mut, den man zu haben glaubte, wenn es unangenehm oder gar gefährlich wird?

Es ist sehr interessant, bei Personen der (Zeit-)Geschichte hinter die Kulissen zu blicken und sie nicht nur „staatstragend“ zu erleben sondern auch mal privat, im Kreis ihrer Familie. Und auch die Menschen in der zweiten Reihe, die den Wichtigen und Mächtigen den Rücken freihalten, sind einen Blick wert. Das geschieht hier alles sehr respektvoll und sorgfältig recherchiert. Adenauers Enkel:innen sowie die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus haben den Autor bei diesem Projekt unterstützt. Und wie’s aussieht sind die, die mit Gussie Adenauers Leben und Persönlichkeit vertraut sind, mit dem Resultat zufrieden.

Ich habe den Autor vor mehr als 35 Jahren als Schauspieler kennengelernt. Zwar wusste ich, dass er seit rund 25 Jahren Drehbücher und Romane schreibt, bin aber nie dazu gekommen, ein Buch von ihm zu lesen. Mit GUSSIE habe ich das jetzt nachgeholt. Und ich stelle zufrieden fest: Auch Geschichte(n) erzählen kann er!

Christoph Wortberg studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte und ist ausgebildeter Schauspieler. Verschiedene Rollen am Theater und im Fernsehen, daneben Hörbuchsprecher. Seit vielen Jahren Drehbuchautor, u.a. für den Kölner »Tatort«, sowie Autor von Jugendromanen. Christoph Wortberg lebt in Köln.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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