Susanne Goga: Die Geister von Beelitz, Kriminalroman

Susanne Goga: Die Geister von Beelitz, Kriminalroman, Ein Fall für Leo Wechsler (Band 10), München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-22163-4, Softcover, 334 Seiten, Format: 12,2 x 2,42 x 19,1 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) dtv

„Rudi, der Mann meiner Schwester, war doch in dieser Lungenheilstätte, du erinnerst dich? […] Er hatte sich mit einem anderen Patienten angefreundet. Rudi wurde zwei Monate nach ihm entlassen und ist nach einer Weile zu dem Kumpel hin, um zu sehen, wie’s ihm geht.“
[Joachim] legte eine dramatische Pause ein und Leo sah ihn fragend an.
„Stell dir vor, er war verschwunden!“

(Seite 13/14)

Berlin 1929: Das ist mal ein ganz anderer Leo-Wechsler-Krimi! Der Kriminalkommissar ermittelt undercover. Doch von vorn! Erst nimmt Leo (41) nicht ernst, was ihm ein Freund beim Feierabendbierchen erzählt: Ein Patient sei neulich wie von Geisterhand aus der Lungenheilanstalt Beelitz verschwunden und nie wieder aufgetaucht.

Gut, denkt Leo, dafür kann es eine Menge Gründe geben. Vielleicht hat der Mann sein Umfeld freiwillig verlassen. Als geistig gesunder Erwachsener darf er das. Die Polizeikollegen haben offenbar auch keinen Handlungsbedarf gesehen, als seine Frau ihn als vermisst gemeldet hat.

Wenige Tage später staunt der Kommissar nicht schlecht, als er wegen genau so eines Falls zu seinem Chef, Kriminalrat Gennat, gerufen wird. Nur dass es dieses Mal nicht irgendeinen armen Schlucker erwischt hat, sondern einen jungen Familienvater aus Gennats Bekanntenkreis. Jetzt wird die Polizei auf einmal aktiv!

Nachforschungen ergeben, dass innerhalb der letzten drei Jahre fünf Patienten unter nahezu identischen Umständen aus dem Lungensanatorium verschwunden sind: Sie alle haben ihre Entlassungspapiere erhalten, sich von ihren Mitpatienten verabschiedet und wurden danach nie mehr gesehen.

Da die Vermissten außer ihrem Aufenthalt in Beelitz nichts gemeinsam hatten, wird der Grund für ihr Verschwinden genau dort vermutet. Der Kriminalrat beschließt – in Abstimmung mit der Landesversicherungsanstalt Berlin – einen Polizisten als verdeckten Ermittler in die Heilstätten einzuschleusen. Leo wird mit falschen Papieren ausgestattet und als angeblich lungenkranker Buchbinder Fritz Marschall in das Sanatorium eingewiesen. Einer der Ärzte vor Ort ist eingeweiht.

Leos Frau Clara protestiert vergeblich gegen diesen Einsatz. Ihr Mann setzt sich ja nicht nur dem üblichen Risiko seines Berufs aus, sondern auch noch der Ansteckung mit einer potenziell tödlichen Krankheit. Leos Teenager-Kinder kriegen nur mit, dass ihr Vater mit unbekanntem Ziel beruflich verreisen muss und die Mutter deswegen in Sorge ist. Die Kinder so im Ungewissen zu lassen, wird sich noch als großer Fehler herausstellen …

Während Leos Kollegen das persönliche Umfeld der Vermissten durchleuchten und bergeweise Akten wälzen, versucht Leo, sich in der von der Außenwelt abgeschiedenen Welt des Sanatoriums umzusehen und umzuhören. Gar nicht so einfach, weil die Patienten hier einen eng getakteten Tagesablauf haben und ständig unter Beobachtung stehen! Und er darf auch nicht aus seiner Rolle als kranker Arbeiter fallen, sonst fliegt er auf.

Diese Scharade wochenlang aufrechtzuerhalten, ist für Leo, der sowas nicht gewöhnt ist, sowieso schwierig. Der ein oder andere wird auch schon misstrauisch. Lange geht das nicht mehr gut! Und noch haben seine Kollegen und er nicht mehr als eine vage Ahnung, was das Motiv betrifft. Wer als Täter in Frage kommt und wohin die Patienten verschwinden, das wissen sie noch nicht.

Wir Leserinnen und Leser machen uns derweil eigene Gedanken, denn die Autorin lässt uns an den Überlegungen des anonymen Täters teilhaben. Dessen Gedankengänge sind zwar verquer, aber doch auf bizarre Weise in sich logisch. Dass man das nachvollziehen – wenn auch nicht gutheißen – kann, ist einigermaßen erschreckend.

Das ist kein Vergleich zu dem Schock, den Kriminalkommissar Leo Wechsler erlebt, als er erkennen muss, dass er dem Täter schon dichter auf den Fersen ist als gedacht. Der Showdown hat’s in sich!

Die Handlung konzentriert sich hauptsächlich auf die Vorgänge in den Heilstätten. Drumherum geschieht relativ wenig. Die Familiengeschichte der Wechslers läuft diskret im Hintergrund weiter. Es gibt zu meiner Freude ein Wiedersehen mit einer Nebenfigur aus dem vorigen Band. Ja, genau so hatte ich mir den Fortgang der Ereignisse vorgestellt!

Darüber hinaus lenkt kaum etwas die Aufmerksamkeit der Leser:innen vom Geschehen im Sanatorium ab. Bei so einem prominenten Handlungsort finde ich das auch gut. Das Sanatorium ist hier fast wie eine weitere Hauptfigur.

Wenn man die Beelitzer Heilstätten, real oder von Bildern, als zerfallenden „Lost Place“ kennt, kommt einem Leos Aufenthalt dort noch viel gruseliger und unheimlicher vor, als er wohl tatsächlich war.

Ich fand den Krimi mit seiner düsteren Atmosphäre ausgesprochen faszinierend und hätte gegen weitere Bände der Reihe nichts einzuwenden. Steht da vielleicht schon die nächste Ermittler-Generation in den Startlöchern? Eine Polizistin? Und ich meine damit nicht Leos Tochter Marie.

Nun, wir werden ja sehen …

Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler hat sie mehrere historische Romane veröffentlicht und wurde mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Goldenen HOMER für ›Mord in Babelsberg‹ und dem Silbernen HOMER für ›Nachts am Askanischen Platz‹.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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