Ishbel Szatrawska: Die Tiefe, OT: Toń, aus dem Polnischen von Andreas Volk, Berlin und Dresden 2025, Verlag Voland & Quist, ISBN 978-3-86391-414-1, Hardcover mit Lesebändchen, 461 Seiten, Format: 14,7 x 3,7 x 20,4 cm, Buch: EUR 28,00, Kindle: EUR 18,99.

„Er schwieg. Sie hatte etwas Einfaches und Mädchenhaftes an sich, und hinter der Fassade ihres jugendlichen Charmes verbarg sich eine ihm unbegreifliche Brutalität. ‚So ist die Welt nicht eingerichtet‘. Sie hatte ihn angesehen, als wäre er geistig umnachtet.“
(Seite 364)
Ich habe keinen persönlichen Bezug zu Ostpreußen, ich weiß nur, was man eben so weiß. Das Buch habe ich gelesen, weil ich Geschichten mag, in denen Menschen verschiedener Nationen und Kulturen zusammenkommen – auch wenn die Umstände schmerzhaft sind.
Das Haus in Masuren: ein Erbe voller Erinnerungen
In diesem Roman gibt es verschiedene Handlungsstränge, Zeitebenen und Rückblicke. Manchmal muss man kurz überlegen, wer die Hauptakteure der neuen Szene sind und in welchem Jahr wir uns gerade befinden, aber das klärt sich schnell. Chronologisch werden nur die Ereignisse in der Gegenwart (2020?) erzählt: Nach dem Tod von (Groß-)Tante Gertraud erben der ehemalige Landvermesser Wolf Lakis (75) und seine Tochter Alicja (42) ein altes Haus in Masuren. Vater und Tochter sind dort aufgewachsen, waren aber seit Jahren nicht mehr da. Wolf lebt mit seiner zweiten Frau Kathleen in Schottland, Alicja ist Anthropologin, wohnt, lehrt und forscht in Krakau.
Beide hängen an dem Haus, weil es voller Erinnerungen steckt. Für Wolf ist es dennoch totes Kapital und er will es verkaufen, Alicja möchte es entgegen aller Vernunft behalten. Jetzt treffen sie sich vor Ort, sichten, was noch da ist, und besprechen das weitere Vorgehen. Währenddessen hält sich Alicjas Lebensgefährte Jarek an der belarussischen Grenze auf, um sich dort um Geflüchtete zu kümmern. Für ihn gilt, wie für die meisten Figuren des Romans:
„Seine Wurzeln waren ineinander verschlungen, sein Polnischsein mischte sich mit Tschechischem, Schlesischem, Deutschem, Jüdischem und Tatarischem.“
(Seite 54)
Wer ist Wolfs Vater …
In Wolfs Familie ist das nicht viel anders. Seine Mutter ist 1944 mit ihren Eltern als Repatriantin aus Litauen nach Masuren gekommen. Da war sie 17. Sie nennt sich Janina Lakis, für die Leute in Carlsdorf ist sie Janka Lakisovna. Wenn Wolf als Kind gefragt hat, wo sein Vater sei, hat seine Mutter ihn mit Allgemeinplätzen über den Krieg abgespeist. Ihr Liebhaber, der verheiratete Bauer Marcin Skiba, war für Wolf ein Vaterersatz. Wer sein Erzeuger ist, erfahren wir erst mit der Zeit.
… und wie ist Janka zu dem Haus gekommen?
Als Familie Lakis nach Masuren kommt, sind Jankas Eltern schon so krank und gebrechlich, dass die Tochter alle Entscheidungen trifft. Das entlegene Häuschen an der Guber findet sie unverschlossen vor, vom bisherigen Pächter offenbar fluchtartig verlassen. Sie zieht mit ihren Eltern dort ein. Zu den Leuten am Ort sucht die schweigsame Janka nur geschäftlichen Kontakt: Sie arbeitet als Schneiderin. Mit Menschen hat sie’s nicht so, dafür hat sie schon zu viel Schreckliches erlebt.
Janka wurstelt sich zäh durch ihr hartes Leben. Alles läuft gut, bis der rechtmäßige Hausbesitzer auftaucht: Leutnant Horst Kruschka (Mitte/Ende 50), ein deutscher Kriegsveteran mit Beinprothese. Er ist von Rastenburg auf seinen Altersruhesitz in Masuren geflüchtet und staunt nicht schlecht, als er die Litauer in seinem Haus vorfindet. Weil er auf fremde Hilfe angewiesen ist, kann er sie schlecht rausschmeißen. Aber schikanieren kann er sie, und das tut er mit Hingabe.
Flucht aus Königsberg? Max Kruschka zögert noch
Fast schon ein Roman im Roman ist die Geschichte des Chirurgen Dr. Max Kruschka (30). Sie nimmt rund 40 % des Buchs ein. Max ist Horsts entfremdeter Sohn. Er lebt in Königsberg und ist seit 5 Jahren unverheiratet mit der Aristokratin Gudrun zusammen. Die tatkräftige Journalistin versucht seit geraumer Zeit, ihn zur Flucht nach Berlin zu bewegen. Wenn Königsberg fällt, will sie nicht unter den Trümmern begraben sein. Der grüblerische Max zögert. Er kann hier nicht weg, er muss doch Kranke und Verwundete behandeln! Gudrun bricht schließlich allein auf – mit entsetzlichen Folgen.
Es müssen noch viele schreckliche Dinge passieren, bis Max sich endlich auf den Weg macht und in seines Vaters Haus an der Guber ankommt. Es wundert ihn nicht, entsetzt ihn aber doch, als er sieht, wie sein Vater die litauischen Mitbewohner behandelt. Er versucht, das Schlimmste zu verhindern, befeuert es aber vielleicht gerade dadurch.
Horst schikaniert Janka. Die Dörfler sehen das mit Sorge
Inzwischen ist die spröde Janka so weit im Dorf integriert, dass die Bewohner sich Sorgen um sie machen. Sie wissen, unter welchen Umständen sie bei „den Deutschen“ lebt und bieten ihr ihre Hilfe an – in welcher Form auch immer. Doch Janka verlässt sich ungern auf andere. Sie kann sich sehr gut selbst wehren …
Das ist schon ein Paukenschlag am Schluss! Damit hatte ich nicht gerechnet. Von diesem Teil der Familiengeschichte haben Jankas Nachfahren sicher keine Ahnung. Aber ich glaube, sonderlich überrascht wären sie nicht.
Zeitgeschichte aus verschiedenen Perspektiven
Hier erleben wir die Zeitgeschichte aus verschiedenen Perspektiven, hauptsächlich aus der Sicht der Polinnen. Wieder mal sehen wir, was der Krieg mit und aus den Menschen macht – und dass der Homo sapiens ums Verrecken nichts aus seinen Fehlern lernen will.
„Als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder, und tötete ihn“, zitierte [Oberarzt] Lehndorff. […] „Irgendjemand hat sich den Satz vor ein paar Tausend Jahren ausgedacht, und in ihm ist die ganze Geschichte der Menschheit enthalten.“
(Seite 264)
Es gibt grausame Szenen und man weiß von vornherein, dass das kein gutes Ende nimmt. Aber wenn historische Ereignisse Gesichter bekommen, kann ich einfach nicht aufhören zu lesen. Da ist Dr. Max Kruschka mit seinen starken Frauen, der bei jeder Entscheidung nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat. Was immer er getan hätte, nichts wäre dadurch besser geworden. – Und was Janka alles tun und erleiden muss, wäre ihr in Friedenszeiten sicher erspart geblieben. Sie wäre ein ganz anderer Mensch geworden. Dann ist da noch Frau Dr. Alicja Lakis (oder Lakisovna?), der man die Forschungsgelder gestrichen hat, womit ein weiteres Kapitel der Geschichte unverarbeitet in Vergessenheit gerät …
Dass die Autorin sonst Theaterstücke schreibt, kommt für den Leser nicht überraschend. Das Buch liest sich so, dass man es sich ohne weiteres als Film vorstellen könnte – oder eben als Theaterstück. Tatsächlich hat das Theater Konstanz das Stück DIE TIEFE 2025 auf die Bühne gebracht. Diese Umsetzung hätte mich interessiert! Was haben die Theaterleute für wichtig erachtet, worauf haben sie ihren Fokus gelegt, vielleicht im Gegensatz zu mir? Ja, aber da komme ich leider zu spät.
Die Autorin
Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken. Ihr Debütroman „Toń“ (dt. „Die Tiefe“) stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der „10 besten Bücher des Jahres“ gewählt.
Der Übersetzer
Andreas Volk, 1971 in Idar-Oberstein geboren, lebt seit bald zwanzig Jahren als Literaturübersetzer in Warschau. Er übersetzte bereits Ishbel Szatrawskas Theaterstück „Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod“. 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks und 2022 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.
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Rezensentin: Edith Nebel
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Liebe Frau Nebel, herzlichen Dank für die schöne Rezension. Der Roman wird übrigens am 25.9.2026 (Premiere) auch in Olsztyn/Allenstein auf die Bühne gebracht (mit deutschen Untertiteln!). An dieser Inszenierung wirkt die Autorin als Dramturgin mit. Ein Tipp für all diejenigen, die sich gerade zufällig in Masuren aufhalten. Der deutsche Übersetzer des Romans
Danke für die Information!
Ich fand übrigens auch die Übersetzung klasse – weil ich sie nicht als solche wahrgenommen habe. (Manchmal denkt man ja beim Lesen in der Ausgangssprache mit.) Hier dachte ich wiederholt: Das kann doch keine Übersetzung sein, das ist doch ein originär deutscher Text!