Johannes Groschupf: Lost Places – Roman (14 – 17 Jahre)

Johannes Groschupf: Lost Places, Hamburg 2013, Oetinger Taschenbuch GmbH, ISBN 978-3-8415-0248-3, Klappenbroschur, 237 Seiten, Format: 20 x 13,2 x 2,8 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle Edition: 11,99.

9783841502483

“Von allen Tieren gefiel mir das Faultier am besten. Es hing einfach nur rum. Die Haare scheitelten sich auf seinem Bauch. Es lernte nicht Französisch oder Physik oder Geschichte. Es stritt nicht mit seinen Eltern. Es räumte nicht sein Zimmer auf. Es hing einfach nur rum, stur und heroisch. Ich nickte ihm zu, von Kollege zu Kollege.“ (Seite 152)

Weil der siebzehnjährige Lennart ein unterirdisches Zeugnis heimbringt und zudem häufig die Schule geschwänzt hat, darf er nicht mit seinen Eltern in den Italienurlaub fahren. Er muss im heimischen Berlin bleiben. Wenn seine Eltern wüssten, welch lebensgefährliches Hobby seine Freunde und er neuerdings betreiben, hätten sie sich das noch einmal gut überlegt. Faultier Lennart, Lebenskünstler Chris, Mathe-Nerd Steven, Tussi Kaya und die spröde Moe sind nämlich unter die „Urban Explorer“ gegangen. Das heißt, sie steigen nachts in verlassene Gebäude ein und stöbern darin herum.

Die morbide Schönheit des Verfalls fasziniert sie. Doch kann man sich beim Herumkrauchen in morschem Gemäuer nicht nur sämtliche Knochen brechen, man begegnet unter Umständen auch ein paar lichtscheuen Gestalten. Leute wie der Raucher – ein Urban Explorer mittleren Alters, der mit der Kamera unterwegs ist – oder die geistig verwirrte Irina sind da noch harmlos. Junkies und Obdachlose werden deutlich ungemütlicher, wenn man ihre Kreise stört.

Vollends gar keinen Spaß versteht die Motorradgang „Bandidos“, die ein paar der verlassenen Gebäude für ihre kriminellen Aktivitäten nutzt. Dass man diesen harten Jungs besser nicht in die Quere kommt, hätten Lennart und seine Freunde eigentlich wissen müssen. Schließlich sind sie mit dem einen oder anderen schon aneinandergeraten, weil Bandidos die Türsteherszene kontrollieren.

Als die Freunde in einer stillgelegten Fabrik die Leiche eines Mannes finden, hätte das die letzte Warnung für sie sein müssen. Denn der Mann ist keines natürlichen Todes gestorben, den haben die Bandidos auf dem Gewissen. Lennart lässt trotzdem zwei Tüten voller Drogen mitgehen, die Bandido Eddie dort deponiert hat. Eine Wahnsinnstat, von der viel zu viele Leute wissen. Es dauert auch nicht lange, bis die Bandidos davon Wind kommen und hinter Lennart her sind.

Was gäbe der junge Mann jetzt darum, friedlich und spießig über seinen Schulbüchern sitzen zu können und ab und zu von seiner Mutter angemeckert zu werden. Einen tollen Sommer hat er verbringen wollen – stattdessen hat er den Tod vor Augen …

Sie fühlen sich stark, schlau und unbesiegbar. Und so legen sich die fünf Teenager mit Gegnern an, die mehrere Nummern zu groß für sie sind. Erwachsene, die möglicherweise Schlimmeres verhüten könnten, sind nicht präsent und würden wahrscheinlich auch kein Gehör finden. Das ist ein genretypisches Szenario, das viele haarsträubende Abenteuer in Jugendbüchern überhaupt erst möglich macht. Lennarts Eltern sind nicht nur urlaubsbedingt abwesend, sie haben in ihrer bürgerlichen Naivität gar keine Ahnung von dem, was im Leben ihres Sohnes los ist. Bei seinen Freunden ist es ähnlich. Sie sind ganz und gar auf sich gestellt. Ohne dass irgendjemand mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung mitkriegt, was sie tun, begeben sie sich in jugendlicher Selbstüberschätzung in Lebensgefahr. Schlimm für die Helden, spannend für die Leser.

Fast noch aufregender als die Krimihandlung ist die düster-geheimnisvolle Atmosphäre in den verlassenen Gemäuern, die der Autor mit seinen Worten heraufbeschwört. Es muss schon eine besondere Faszination ausüben, durch verfallende Gebäude zu streifen, vor allem, wenn man so phantasiebegabt ist wie Lennart. Der kann sich erschreckend bildhaft vorstellen, was sich vor Jahrzehnten in den Fabrikhallen und Klinikräumen zugetragen hat. Gespenstisch!

Hoffentlich inspiriert diese ungeheuer fesselnde Beschreibung die jugendlichen Leser nicht zu eigenen Urban-Exploring-Abenteuern. Und wenn doch, dann wissen sie jetzt wenigstens, um wen und um was sie dabei einen möglichst großen Bogen machen sollten …

Der Autor
Johannes Groschupf, 1963 in Braunschweig geboren, studierte Germanistik, Publizistik und Amerikanistik. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin und schreibt für Die ZEIT, die FAZ, den Tagesspiegel, die Berliner Zeitung u.a. Er hat bereits zwei Romane für Erwachsene veröffentlicht und erhielt 1999 den Robert-Geisendörfer-Preis für das NDR-Feature „Der Absturz“.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.