Christiane Wünsche: Kinderleicht. Ein Camping-Krimi

Christiane Wünsche: Kinderleicht. Ein Camping-Krimi, Meßkirch 2014, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-1620-0, Softcover, 249 Seiten, Format: 19,8 x 12 x 2 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: © Gmeiner Verlag
Abbildung: © Gmeiner Verlag

„Auf halber Höhe drehte er sich um und schaute ernst auf Micha hinunter. Das Mondlicht ließ die Falten in seinem Gesicht wie ein Spinnennetz aussehen. ‚Helfen sie dem kleinen blonden Jungen von damals. Wer war er? Hat er Verwandte, die noch leben, vielleicht Geschwister? Warum hat offensichtlich niemand nach ihm gesucht?’“ (Seite 168)

Ex-Knacki Michael Faßbinder, 48, betreibt zusammen mit seiner Lebensgefährtin Jule Maiwald und seiner Großtante Gerti Weyers einen Campingplatz in Steinbach in der Eifel. Wenn er geahnt hätte, was passieren würde, als er kurz vor Pfingsten mit seinen Kumpels Eddie, Miro und Heinz auf dem Grundstück eine Grube für einen Pool aushebt, hätte er das Projekt nie in Angriff genommen! Bei den Baggerarbeiten stoßen sie auf den Kellerraum eines vor Jahrzehnten abgerissenen Hauses und auf das Skelett eines Kindes – an die Wand gekettet mit eisernen Fesseln.

Kriminalhauptkommissar Wesseling bedauert, dass das Kind laut Expertengutachten schon seit rund 70 Jahren da unten liegt und er die Tat nicht mit Micha Faßbinder in Verbindung kann. Den hat er wegen verschiedener Ereignisse in der Vergangenheit auf dem Kieker (Christiane Wünsche: BLEISCHWER, ISBN 978-3-8392-1390-2).

Der Todesfall aus der Nachkriegszeit ist nicht das einzige Problem der Campingplatzbetreiber: Jule hat gerade den 19jährigen Hilfsarbeiter Benny Zierowski rausgeschmissen, weil der lieber mit der 13jährigen Urlaubertochter Annalena herumhängt und Gras raucht statt Gras zu mähen. Benny ist der verhaltensauffällige Sohn von Michas Knastkumpan Willi, und die beiden Männer hatten gehofft, dass der Junge Tritt fassen würde, wenn er erst einen Job hätte.

Als Annalenas Mutter, die Unternehmergattin Ellen Dyckerhof, wegen der Kifferei Theater macht, verschwindet das Mädchen spurlos. Wieder steht die Polizei auf der Matte. Dann wird auch noch Annalenas 6jähriger Bruder Lars-Friedrich halbtot aus einem Bach gezogen. Und er ist nicht aus Versehen da hineingefallen. Es hat jemand nachgeholfen. War es das schwule Pärchen, das ihn – angeblich – gefunden hat? Hat Annalena ihm aus Eifersucht etwas angetan? Lars-Friedrich war anstrengend und hätte in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung gehört, doch sein Vater wollte die Probleme nicht wahrhaben und hat jegliche Therapie verhindert. Oder hat es jemand von außerhalb auf die Dyckerhof-Kinder abgesehen? Die Familie ist vermögend. War’s ein Entführungsversuch, der schief ging? Die Sache bleibt rätselhaft.

Auch im Fall der Kinderleiche im Keller kommt die Polizei nicht weiter. Es gibt noch Zeitzeugen in Steinbach, aber die wissen angeblich von nichts. Den kleinen Jungen muss doch jemand vermisst haben! Sein Tod kann nicht unbemerkt geblieben sein! Und jemand hat seine Fesseln geschmiedet. Wer? Und warum? Fest steht nur, dass das fragliche Haus zuletzt in den 1940er Jahren bewohnt war. 1944 war Hanni Bittner dort eingezogen, eine junge Kriegerwitwe aus Wollseifen. Oder war sie Schlesierin? Da gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls hatte sie einen kleinen Sohn, mit dem sie 1948 nach Köln gezogen ist. Man hat sie beide mit Koffern in der Hand abreisen gesehen. Ohne Nachricht verschwunden ist zu der Zeit nur ein geistig zurückgebliebener Waisenjunge, aber der war größer und älter als der Bub im Keller. Wer also ist der Tote?

Als die Polizei keinerlei Fortschritte macht, ermitteln Micha Faßbinder und Jule Maiwald selber. Freilaufende Mörder und Kindesentführer können sie sich nicht leisen – die Gäste bleiben aus. Doch auch ihnen erzählen die Dörfler nichts. Wie gefährlich es ist, penetrant Fragen zu stellen, die aus gutem Grund niemand beantworten will, erfahren Micha und Jule bald am eigenen Leib. Sie müssen aufpassen, dass sie nicht noch mehr verlieren als ihren Campingplatz …

Die Story ist komplex konstruiert. Da ist der Mordfall aus den 40er Jahren … die Geschichte der Dyckerhof-Kinder … der verhaltensauffällige Benny … das Campingplatzbetreiber-Paar Micha und Jule, das um seine Existenz fürchtet und sich auch noch um die Probleme ihrer Freunde und Verwandten sorgt. Und am Ende hängt alles mit allem irgendwie zusammen und man muss sich ganz schön konzentrieren, um bei den verschiedenen Handlungssträngen den Überblick zu behalten.

Es gibt schon viele Zufälle in der Geschichte. Trotzdem wäre es theoretisch denkbar, dass sich das ganze so abgespielt hat. Nur kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dem Attentäter der Angriff auf Lars-Friedrich Dyckerhof gelungen sein soll. Dazu war die Person meines Erachtens körperlich gar nicht in der Lage. Bis die sich gebückt hätte, um einen Stein aufzuheben, wäre der fitte kleine Junge längst über alle Berge gewesen.

Und wie ist es möglich, dass ein 48jähriger Mann eine noch berufstätige Großtante hat? Großtanten sind mit den Großeltern verschwistert oder verschwägert … also um zwei Generationen älter. Mithin müsste Gerti weit über 80 sein. Es sei denn, ein deutlich jüngerer Bruder eines Großelternteils hätte eine nochmals deutlich jüngere Frau geheiratet. Wie dem auch sei: Großtante Gertis bodenständige Kommentare im Nordeifler Dialekt sind auf jeden Fall herrlich!

Dass es einen Vorgängerband gegeben haben muss, ahnt man, als die Polizei ins Spiel kommt und öfter auf Ereignisse aus der Vergangenheit Bezug genommen wird. Die Krimihandlung versteht man auch ohne Band 1 gelesen zu haben, aber möglicherweise braucht man als Quereinsteiger etwas länger, um die Haupt- und Nebenfiguren kennen zu lernen. Ich habe Micha und Jule anfangs für ein sehr junges Pärchen gehalten, weil sie mit der Großtante zusammenarbeiten, und wurde erst stutzig, als von Michas grauen Schläfen und Jules erwachsenem Sohn die Rede war. Ach, die sind eher 50 als 25! Da muss man dann geschwind umdenken.

Die Autorin zeigt uns hier ein Sammelsurium an kaputten, deprimierten und vom Leben gebeutelten Existenzen: desolates Elternhaus, Heimkarriere, Knast, Drogen, Alkohol, Einsamkeit, Gefühlskälte, Beziehungsprobleme, (drohende) Arbeitslosigkeit … Aus dieser Tristesse scheint es auch kein Entkommen zu geben. Da hat einer der Landwirte eine fundierte Ausbildung genossen (Studium der Agrarwissenschaften) und Geld genug, seinen Hof tipptopp in Ordnung zu halten und sumpft trotzdem schmuddelig und frustriert mit den anderen traurigen Gestalten in der Kneipe rum. Nicht mal die Kinder gehen hier unbeschwert durchs Leben. Alle fünf, die in der Geschichte eine größere Rolle spielen, zeigen aus verschiedensten Gründen deutliche Verhaltensauffälligkeiten.

Kaum hat sich eine der handelnden Personen ein bisschen aus dem Dreck gewurstelt, gibt’s vom Schicksal schon den nächsten Nackenschlag. Es ist schon ein trostloses Bild unserer Gesellschaft, das sich uns hier bietet. Hat uns Christiane Wünsche einen Querschnitt dessen präsentiert, was ihr bei ihrer Arbeit in der Kinder- und Jugendarbeit tagtäglich begegnet?

Im letzten Kapitel gibt’s einen kleinen Silberstreif am Horizont. Wenigstens eine der tragischen Figuren scheint einen Weg aus der Hoffnungslosigkeit gefunden zu haben und ihren Weg zu machen. Das macht die Sache ein bisschen weniger düster. Trotzdem: Eine Gute-Laune-Lektüre ist dieser komplexe Krimi nicht.

Die Autorin
Christiane Wünsche, geboren 1966, tischte bereits als Kind ihren Geschwistern glaubhaft das Märchen vom Tiger im Rhabarberfeld auf. Die seit über zwanzig Jahren in ihrer Heimatstadt Kaarst in der Kinder- und Jugendarbeit tätige Autorin bringt dort ihr Faible für alles Literarische in Form von Theaterstücken, Artikeln, Gedichten und Krimispielen zur Geltung. Christiane Wünsche hat eine mittlerweile erwachsene Tochter, zwei Hunde und einen knallroten Oldtimer-Wohnwagen, mit dem sie auch weite Strecken in ganz Europa zurücklegt. Camping ist neben dem Schreiben und allem Kreativen ihre große Leidenschaft.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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