Bernd Weiler: Mama weint. Ein Bodensee-Krimi

Bernd Weiler: Mama weint. Ein Bodensee-Krimi, Reutlingen 2015, Oertel + Spörer, ISBN 978-3-88627-383-6, Softcover, 221 Seiten, Format: 12,1 x 2,4 x 19 cm, EUR 10,95.

Foto: (c) Oertel + Spörer
Foto: (c) Oertel + Spörer

In Überlingen ist ein Serienmörder am Werk. Innerhalb weniger Wochen hat man schon drei junge Frauen tot aus dem Bodensee gezogen. Der Mörder hat sie betäubt, gefesselt, in den See geworfen und ertrinken lassen.

Kriminalhauptkommissarin Kim Lorenz, 29, kommt aus Konstanz, um die Mordermittlungen zu leiten. Damit hat so mancher ein Problem: ein älterer, erfahrener Kollege, zum Beispiele, und Kims Lebensgefährte, der Lehrer Peter Lange, 39. Er hätte sie lieber in seiner Nähe, um die aktuelle Beziehungskrise mit ihr diskutieren zu können.

Der Leser kennt den Täter
Wir Leser wissen mehr als die Polizei: Wir kennen den Täter. Die Geschichte wird zum Teil auch aus seiner Perspektive erzählt. Er ist ein eigenbrötlerischer junger Mann, aus dem man nicht so recht schlau wird. Einerseits hat er vollkommen wirre Gedanken, andererseits geht er bei seinen Taten sehr planvoll vor. Seine Mutter, bei der er wohnt, kriegt jedenfalls nichts mit. Aber was kriegt diese Frau überhaupt mit? Mit den Leuten redet sie nicht, Zeitung liest sie keine, Fernsehen schaut sie auch nicht. Sie weiß nicht einmal, dass es derzeit eine Mordserie in der Stadt gibt.

Der Mörder vertraut sich nur einer Person an, und die ist intellektuell nicht in der Lage, seinen Ausführungen zu folgen: eine freundliche junge Frau, die in einer Behinderteneinrichtung lebt.

Kim Lorenz und ihre Kolleginnen und Kollegen sind bald frustriert – ihre Ermittlungen bleiben erfolglos. In mühsamer Kleinarbeit klappern sie örtlichen Bootseigner ab und vergleichen die Lebensumstände der drei Opfer miteinander, aber das führt zu nichts. Das Beste, was sie im Moment haben, ist die gewagte Theorie des Rechtsmediziners Dr. Martin. Im wahren Leben läuft’s eben nicht wie in den Fernsehserien, wo jeder Fall in einer knappen Stunde gelöst wird.

Familienväter formieren sich zur Bürgerwehr
Weil die Polizei offenbar nichts auf die Reihe bekommt, formiert sich in der Stadt eine Bürgerwehr. Wie sich die braven Männer organisieren und zusammenraufen, ist sehr lebensnah geschildert. Und weil es da so menschelt, gibt es auch jede Menge Anlass zum Schmunzeln. Man darf sich keine schwer bewaffnete Miliz nach amerikanischem Muster vorstellen. Hier tun sich besorgte Familienväter zusammen, die, mit Taschenlampen und Trillerpfeifen ausgerüstet, nächtens durchs Städtle patroullieren, nachdem sie im „Ochsen“ tüchtig vorgeglüht haben. Da sind wirklich ein paar köstliche Szenen dabei!

Zwei männliche Labertaschen — eine Geduldsprobe!
Ein gewisses Nervpotential haben die beiden männlichen Labertaschen, die fortwährend irgendwo beim Bierchen sitzen und über Gott und die Welt philosophieren: Kim Lorenz‘ derzeit auf Eis gelegter Lebensgefährte Peter Lange und sein Lehrerkollege und Kumpel seit 25 Jahren, Max Schaff. Sie reden über ihre aktuellen und vergangenen Beziehungsprobleme, über ihren Beruf, die Kollegen, über Politik, ihre Zukunftspläne, über Kims frühere Kriminalfälle und über die aktuellen Serienmorde.

Hat man Band 1 und 2 der Reihe nicht gelesen, kriegt man davon nur die Hälfte mit. Max muss deutlich älter sein als Peter, vermutlich so Mitte 50. Seine Kinder sind schon lange aus dem Haus (Seite 34). Auf den Seiten 148 ff erinnern sich die beiden Kumpels wiederum an ihre gemeinsame Studienzeit in Nordengland. War Max ein „spätberufener“ Lehramtsstudent oder stimmt hier etwas mit dem Alter der Figuren nicht? Sowas soll gelegentlich vorkommen.

Als Seiteneinsteiger in diese Reihe verwendet man eine Menge Zeit und Gehirnschmalz darauf, den Gesprächen der beiden Männer zu folgen und zu überlegen, was das jetzt mit dem vorliegenden Fall zu tun hat.

Ich habe diesen Handlungsstrang mit Argwohn verfolgt: Statisten, die nichts zum Fortgang der Handlung beitragen, akzeptiere ich nur, wenn sie witzig oder wenigstens originell sind. Beides kann man den zwei mittelalten Paukern nicht unbedingt nachsagen. Zum Glück sind sie nicht nur zum Totlabern des Tottaucher-Falls da. Weil Peter es vor Sehnsucht nach seiner Kim nicht mehr aushält, nehmen Schaffs ihn übers Wochenende mit zu einem Verwandtenbesuch nach Überlingen. Und siehe da: Ihm als Hobby-Krimiautor erzählt man viel mehr als der Polizei. Ob auch ein heißer Tipp für seine Kim dabei ist?

Der Täter, so verwirrt seine Gedankengänge auch sein mögen, hat inzwischen mitgekriegt, dass sich die Schlinge um ihn enger zieht. Jetzt muss er handeln …

Wie konnte es zu diesen Taten kommen?
Die Frage bei diesem Krimi ist nicht, wer’s getan hat und warum. Das wissen wir ja. Es geht darum, wie es dazu kommen konnte , welche Auswirkungen so ein Fall auf die Bevölkerung hat und wie es der Polizei gelingt, dem Täter auf die Spur zu kommen.

Interessant ist das Porträt der vom Glück nicht gerade verwöhnten Familie des Täters und, im Kontrast dazu, die humorvolle Schilderung der amateurhafte Aktivitäten der Bürgerwehr. Was die Polizei treibt, ist über weite Strecken für die Katz‘ und der Zufall ein wichtiger Helfer. So dürfte es oft auch in der Realität sein.

Von den Opfern erfährt man so gut wie nichts. Sie gehen im Sammelbegriff „die Mädchen“ unter. Sie waren eben jung und blond und jetzt sind sie tot. Gerade mal von einer wird der Name genannt. Doch was der Freund des Freundes der Kommissarin zur Lage der Welt meint, ist genau dokumentiert. Die Befindlichkeiten von Nebenfiguren sind aber nicht das, was ich in einem Krimi in epischer Breite lesen möchte. Die Gewichtung ist in diesem Buch ein bisschen eigenartig.

Sollte der Autor etwas Lustiges schreiben oder geschrieben haben, was in Richtung der Bürgerwehr-Szenen geht, würde ich das gerne lesen. Aber einen weiteren Kim-Lorenz-Krimi wird es für mich nicht geben.

Der Autor
Bernd Weiler, 1959 geboren, studierte Anglistik und Germanistik in Tübingen und Leeds. Als Freier Redakteur und Autor arbeitete er bei zahlreichen Reise- und Naturführern mit. Mehrere Mundarthörspiele wurden vom SWR produziert. Seit einigen Jahren schreibt er auch Krimis. „Mama weint“ ist der dritte Fall mit seiner Kommissarin Kim Lorenz, der wie die anderen beiden Krimis am Bodensee spielt.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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