Helden bleiben länger jung

Als ich dieser Tage über Roman-Nebenfiguren nachdachte, wurde mir erst bewusst, wie lange ich manche Buchserien schon lese. Repairman Jack – um die 30 Jahre. Inspector Lynley – 25 Jahre. Die Krimireihe um die Rechtsmedizinerin Kay Scarpetta habe ich bestimmt auch zehn Jahre lang verfolgt, wenn nicht länger.

Dabei dämmerte mir, warum wir Leserinnen und Leser manchmal aus einem Serienkosmos regelrecht herauswachsen: Unsere Buchhelden altern nicht im selben Tempo wie wir! Wenn ein Autor jedes Jahr – oder jedes zweite – einen Folgeband herausbringt, den der treue Leser brav kauft, heißt das nicht zwangsläufig, dass auch im jeweiligen Romankosmos ein oder zwei Jahre vergangen sind. Manchmal sind es nur Tage oder Wochen.

Jack, wie gesagt, kenne ich seit knapp 30 Jahren. Wenn es zuginge wie im wahren Leben, wäre er mittlerweile mehrfacher (Stief-)Großvater. Die Enkel würden neugierige und unbequeme Fragen über seine Arbeit stellen und er müsste sich irgendwann eingestehen, dass es mit dem Weltretten und Ganovenjagen nicht mehr ganz so leicht ist, wenn man es im Kreuz hat und außerdem nicht mehr so gut sieht. Stattdessen ist er immer noch Mitte Dreißig.

Da diese Serie sowieso abseits der bekannten Realität spielt, ist das hier nicht das große Drama. James Bond wird auch nicht älter, und wen juckt’s?

Schwierig wird es dann, wenn die Menschen in den langlebigen Serien ganz normale Sorgen haben. Als ich mit den Lynley-Krimis anfing, hat alles wunderbar gepasst. Die Helden waren so um die 30 und ich war es auch. Nun sind 25 Jahre vergangen. Für mich hat sich die Welt weitergedreht, nur die Herrschaften in den Büchern haben immer noch dieselben Themen wie damals. Und so muss ich mir als treue Leserin der Reihe seit zweieinhalb Jahrzehnten das Geflenne von Deborah St. James „anhören“, die nach wie vor um die 30 ist und heftig darunter leidet, dass sie keine Kinder bekommen kann.

Forever young.
Auch nicht schön.

Abbildung: Stefan Bayer / pixelio.de
Abbildung: Stefan Bayer / pixelio.de

Abbildung: Stefan Bayer / www.pixelio.de

2 Kommentare

  1. Vor allem bewundere ich, wie VIEL und SCHNELL Sie lesen können und dabei offensichtlich das Wesentliche eines Buches erfassen und zusammenfassen können ! Bei mir macht sich dann so etwas wie ein schlechtes Gewissen breit: Immerhin habe ich einmal den Beruf der Bibliothekarin gelernt und müsste die gleichen Fähigkeiten haben, spätestens im Berufsleben. Aber wie so oft im Leben – erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Vielleicht auch gut so!

  2. Danke!
    Ich lese jeden Arbeitstag morgens und abends im Zug – die Vorteile des Pendelns. Und die Rezensiererei ist auch ein gutes Stück Übung. Ich mache das (mit Unterbrechungen) seit 32 Jahren – früher für Print, seit 10 Jahren fürs Internet.

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