Wajdi Mouawad: Anima – Roman

Wajdi Mouawad: Anima – Roman, OT: Anima, Aus dem Französischen von Sonja Finck, München 2015, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-14463-6, Softcover, 444 Seiten, Format; 12,3 x 3 x 19,1 cm, EUR 9,90 (D), EUR 10,20 (A).

Abbildung: (c) dtv Deutschert Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Hast du gemerkt? Keiner hat uns belästigt, keiner hat sich über unsere Anwesenheit gewundert, keiner hat uns schief angesehen. Das Beweist, dass die Menschen nur aus Langeweile böse sind. Wenn sie glücklich sind und gemeinsam feiern, vergeuden sie ihre Zeit nicht damit, Freunde zu behelligen, nur weil sie anders sind.“ (Seite 326)

Als der gebürtige Libanese Wahsch Dibsch, Jahrgang 1977, nach der Arbeit in seine Wohnung in Montréal zurückkommt, findet er seine Frau Léonie tot auf – bestialisch ermordet und geschändet von einem Fremden. Wahsch landet im Krankenhaus, der Mordfall bei den Akten. Dass der Polizeispitzel Welson Wolf Rooney die Tat begangen hat, ist relativ schnell klar. Doch für die ermittelnden Polizeibeamten ist Rooney in Freiheit wertvoller als hinter Gittern. Sie haben schon so viel Zeit, Energie und Polizistenleben in den Kampf gegen das organisierte Verbrechen investiert, dass sie die Ermittlungen jetzt nicht gefährden wollen. Also denken sie gar nicht daran, Rooney festzunehmen und er kommt mit dem Mord davon.

Der Mörder bleibt auf freiem Fuß


Gerichtsmediziner Aubert Chagnon, der Léonies Leiche obduziert hat, steht kurz vor der Pensionierung und hat nichts mehr zu verlieren. Er gibt seine Insider-Informationen über den Täter an Wahsch Dibsch weiter. Auch die Vermutung, dass Rooney sich im Reservat der Mohawk aufhält.

Léonies Witwer sinnt nicht auf Rache. Er will dem Mörder nur in die Augen sehen um die Tat begreifen zu können. Also macht er sich auf die Suche nach ihm. Rooney entwischt ihm, doch die kriminellen Elemente im Reservat, die knietief in der organisierten Kriminalität stecken, haben großes Interesse daran, Rooney aufzuspüren. Sie wollen herausfinden, wer aus ihrem Umfeld sonst noch alles mit der Polizei kooperiert. Und so bekommt Wahsch von den Mohawk Hilfe. Von Kanada bis New Mexico und wieder zurück in den Norden führt ihn sein Weg. Von einer Kontaktperson zur nächsten wird er „weitergereicht“ und erlebt dabei Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aber auch unvorstellbare Grausamkeit. Er hat’s hier nicht mit Chorknaben zu tun.

Plötzlich wird er vom Jäger zum Gejagten und ist selbst auf der Flucht vor der Polizei. Inzwischen ist er nicht mehr allein: ein wilder Riesenwolfshund hat sich ihm angeschlossen und eine psychisch labile Siebzehnjährige, die in ihm die einzige Chance gesehen hat, aus ihrem Heimatkaff wegzukommen.

Unfassbare Grausamkeiten


Durch die unfassbaren Grausamkeiten, die Wahsch Dibsch mit ansehen und erleben muss, kommen bei ihm lange verdrängte Erinnerungen hoch. Er ist nicht der leibliche Sohn des Sanitäters Maroun Dibsch – er ist der einzige Überlebende eines Massakers in einem Palästinenserlager. Man hatte ihn als Vierjährigen lebendig begraben, Maroun hat ihn gerettet und adoptiert. Das ist jedenfalls das, was man Wahsch 30 Jahre lang erzählt hat. Die zufällige Begegnung mit Historikern und Zeitzeugen wecken erste Zweifel in ihm. Als er seiner Lebensgeschichte auf den Grund geht, erfährt er ungeheuerliche Dinge, die ihn fast um den Verstand bringen. Was mich allerdings ein bisschen gewundert hat: Hat niemand aus Wahschs arabisch sprechender Verwandtschaft ihm jemals gesagt, was sein Name bedeutet? Da wäre er schon viel früher stutzig geworden.

Unbequeme Wahrheiten dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden, das ist klar, aber Wahsch selbst wäre sicher besser dran, wenn das alles nie erfahren hätte.

Aus Sicht der Tiere erzählt


Wenn dieses Buch ein Film wäre, wär’s ein Roadmovie, und zwar ein ausgesprochen brutales. Dass Wahsch Dibschs Verfolgungsjagd durch ganz Nordamerika aus der Sicht verschiedener Tiere geschildert wird, sorgt für eine eigenartige Distanz. Ob die Katze im Haus, die Spinne an der Wand oder der Rabe auf dem Friedhof – sie alle beobachten, was die Zweibeiner machen und kommentieren es aus ihrer Sicht. Manchmal erkennen die Tiere Zusammenhänge und Gefahren, die den Menschen (noch) verborgen bleiben, aber oft bleibt ihnen das Tun und Treiben des Homo sapiens sapiens völlig rätselhaft. Da kommt man schon ins Grübeln. Dass der Mensch die schlimmste Bestie von allen ist, daran lässt der Autor keinen Zweifel.

Packend, pervers und poetisch


ANIMA ist starker Tobak. Packend, pervers und poetisch. Wie man mit so einer schönen Sprache derart grauenvolle Ereignisse beschreiben kann, ist faszinierend zu sehen. Manchmal kann man fast nicht weiterlesen, so widerwärtig sind die geschilderten Ereignisse. Dass sich der Autor diese Ungeheuerlichkeiten nicht selbst ausgedacht hat, sondern dass sowas tatsächlich passiert, ist für den Leser nicht unbedingt eine Beruhigung.

Auch wenn man vielleicht über allzu grausame Szenen in bisschen hinweghuscht, weil man gar nicht so tief in die menschlichen Abgründe einzutauchen wagt – man will unbedingt wissen wie’s mit Wahsch Dibsch und seinen Begleitern weitergeht.

Mit englischen Dialogen


Was man wissen sollte, bevor man den Roman zu lesen beginnt: Die Personen hier sind dreisprachig unterwegs. Der Held ist in Paris und Montréal aufgewachsen, seine Sprache ist Französisch, und nur was aus dem Französischen kommt, wird auch im Buch ins Deutsche übersetzt. Die Gespräche, die auf Englisch geführt werden, bleiben auch auf Englisch stehen. Und das sind einige. Was von den arabischen Dialogen paraphrasiert wurde oder nicht, kann man nicht beurteilen, wenn man die Ausgangssprache nicht spricht. Vielleicht entgeht uns Lesern ja etwas. Das Wichtigste kriegt man schon mit. Im Englischen sollte man allerdings fit sein, sonst kann man weiten Teilen der Handlung nicht folgen.

Ein bisschen anstrengend ist es, dauernd auf die zweite und dritte Umschlagseite vor- bzw. zurückblättern zu müssen, wenn man wissen will, welches Tier gerade „erzählt“. Über 50 Tierarten kommen hier zu Wort und alle werden im Text selbst nur mit der wissenschaftlichen (lateinischen) Bezeichnung benannt. Und wer weiß schon, was zum Beispiel ein „Regulus satrapa“ ist? Die Übersetzung findet man dann auf den inneren Umschlagseiten.

Der Roman ist keine leichte Kost, er abgründig und verstörend. Ich habe mir einem Thriller, der aus der Sicht von Tieren erzählt wird, etwas deutlich Harmloseres vorgestellt, aber ich habe es nicht bereut, diesen Roman gelesen zu haben. Die Übersetzerin Sonja Finck schrieb über dieses Buch:
„Bei allem literarischen Anspruch hat mich fasziniert, wie zugänglich und packend geschrieben dieser Roman ist – er ist zugleich ein fesselnder Krimi, ein literarisches Meisterwerk, eine philosophische Abhandlung über das Verhältnis von Mensch und Tier und eine moderne Road Novel. Die ganze Tiefe dieses außergewöhnlichen Buchs erschließt sich eigentlich erst nach der Lektüre – am Ende wollte ich es gleich noch einmal lesen. (Quelle: dtv Presstext)

Ausgezeichnet mit:
• 2013 Prix Méditerranée
• 2013 Prix Littéraire du 2ème roman
• 2013 Prix Phénix
• 2013 Prix des Libraires du Québec
• 2012 Le Grand Prix SGDL Thyde Monnier

Der Autor
Wajdi Mouawad, 1968 in Deir-el-Kamar (Südlibanon) geboren, musste sein Heimatland in den Unruhen des Bürgerkrieges im Alter von acht Jahren mit seiner Familie verlassen, wuchs in Paris auf und emigrierte 1983 nach Québec. Der Autor, Schauspieler und Regisseur lebt heute in Kanada und Frankreich.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.