Ulrike Renk: Das Versprechen der australischen Schwestern. Roman

Ulrike Renk: Das Versprechen der australischen Schwestern, Berlin 2016, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-3211-7, Softcover, 606 Seiten, Format: 13,4 x 4 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A) Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) Aufbau Verlag
Abbildung: (c) Aufbau Verlag

Damit niemand mit falschen Erwartungen an DAS VERSPRECHEN DER AUSTRALISCHEN SCHWESTERN herangeht, stellen wir zunächst einmal klar, was das Buch nicht ist:

  • Es ist keine pure Fiktion, sondern die romanhafte Aufbereitung der Biographien einer realen Auswandererfamilie. Hier geht’s um die dritte Generation der aus Deutschland stammenden Familien Lessing und te Kloot. Die Geschichte erstreckt sich von 1905 bis 1931 und spielt in Sydney und Hamburg.
  • Im Mittelpunkt steht nicht nur eine Hauptfigur, sondern drei.
  • Es gibt keinen bösen Gegenspieler.
  • Und es gibt auch nicht die eine große Krise mit anschließendem Happy End.

Carola, die deutsche Unternehmergattin


In diesem Buch geht es im Wesentlichen um die Halbwaisen Carola, Mina und Elsa te Kloot, mit ihren Brüdern zusammen bei den Großeltern, Emilia und Carl Gotthold Lessing in Glebe, einem Stadtteil von Sydney, aufgewachsen sind. Nur die älteste Tochter, die damals achtjährige Carola, durfte nicht lange dort bleiben. Ihr Vater, Rudolph te Kloot, hat sie zu seiner kinderlosen Schwester nach Hamburg geschickt.

Warum? Um seiner Schwester einen Gefallen zu tun? Um wenigstens einem seiner Kinder ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen? Um die Schwiegereltern zu entlasten? Das wäre die gutwillige Auslegung. Wahrscheinlicher ist aber, dass er gehofft hat, durch die Tochter vom Vermögen seiner Schwester zu profitieren. Finanziell kriegt er selber nichts auf die Reihe, sucht aber die Ursache dafür nie bei sich.

Seiner unverschämten Forderungen wegen kommt Carola, die mittlerweile in Hamburg glücklich mit dem erfolgreichen Geschäftsmann Werner Ansing verheiratet ist, nicht mehr nach Australien, auch wenn die Sehnsucht nach ihrer Familie groß ist. In Hamburg gehört sie nicht wirklich dazu. Und der rege Briefkontakt mit den Großeltern, Tanten und Geschwistern ersetzt, so innig er auch sein mag, nicht das persönliche Gespräch.

Für das gegenseitige Verständnis der verschiedenen Lebensumstände wäre ein persönliches Treffen auch nicht schlecht. Das großbürgerliche städtische Leben mit Heerscharen von Bediensteten, das Carola in Hamburg führt, können sich die australischen Verwandten nicht vorstellen. Da sind die Frauen entweder berufstätig oder kinderreich, müssen jeden Cent zweimal umdrehen und haben maximal eine Küchenhilfe. Wie die australischen Tanten und Schwestern all die Arbeit schaffen, ist wiederum Carola ein Rätsel. Doch gerne würde sie auf all den Luxus in Hamburg verzichten, wenn sie nur bei ihrer Familie sein könnte!

Mina, die überforderte Pastorenfrau


Nach dem Tod des gestrengen Großvaters, Kapitän Carl Gotthold Lessing, geht in Glebe auf einmal so manches, was vorher undenkbar war. Großmutter Emilia sieht vieles nicht so eng … nicht nur, was das Zigarettenrauchen angeht. Bei der Partnerwahl haben die Frauen der Familie jetzt frei Hand, Der Großvater hatte jeden Bewerber rigoros abgelehnt. Wer trotzdem geheiratet hat, hat einen Bruch mit der Herkunftsfamilie riskiert.

Vier Jahre lang konnte Mina te Kloot ihrem Liebsten, dem Baptistenpfarrer William Cleugh Black, nur heimlich und über Umwege schreiben. Jetzt hat er sein Studium in England abgeschlossen, ist wieder zurück in Sydney, und die beiden können endlich heiraten.

William ist erstaunlich weltoffen, undogmatisch und sehr engagiert – für einen Kirchenmann der damaligen Zeit eine echt coole Socke. Er kümmert sich nicht nur um seine Gemeinde sondern auch um die Aborigines im Reservat. Ihm ist klar, dass der „Aboriginal Protection Act“ nicht dem Schutz der Ureinwohner dient sondern deren allmähliche Auslöschung zum Ziel hat. Was das im Einzelnen bedeutet, erleben die Blacks, als sie eine junge Frau aus dem Reservat als Hausmädchen einstellen.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht und William sich freiwillig meldet, um die Truppen als geistlicher Beistand zu betreuen, ist Mina mit ihren Kindern mehr denn je auf sich gestellt und bald am Ende ihrer Kräfte. Doch sie ist zu rücksichtsvoll und vielleicht auch zu stolz, um ihre Familie um Hilfe zu bitten.

Elsa, die moderne, unabhängige Berufstätige


Die jüngste der Schwestern, Elsa te Kloot, ist seit ihrer Kindheit in ihren Cousin Otto Evers verliebt. Doch der ist vergleichsweise unreif und nicht bereit für eine Beziehung. Das soll aber nicht heißen, dass er seine Cousine nicht begehrt. Die heimliche Verlobung dient in erster Linie dazu, sie ins Bett zu kriegen.

Eines der Highlights in diesem Buch war für mich das „Aufklärungsgespräch“, das eine der Tanten mit Elsa führt. Köstlich! Die Altvorderen waren eben nicht immer so bieder, ernsthaft und steif, wie sie auf den Fotos von damals aussehen. Auch manchen unverheirateten Frauen mittleren Alters war nichts Menschliches fremd, wie sich hier zeigt.

Elsas Lebenspläne zerschlagen sich auf tragische Weise und fortan stellt sie sich bei jedem Verehrer/Liebhaber die Frage, ob es sich lohnt, für ihn ihre Freiheit und ihren geliebten Job in der Werbeagentur aufzugeben. Zusammen mit zwei anderen Familienmitgliedern, die aus verschiedenen Gründen auch nicht das traditionelle Lebensmodell von Ehe und Familie leben können oder wollen, lebt sie in einer Wohngemeinschaft. Gegen diese ehrbare, moderne und sehr komfortable Mischung aus Nähe und Selbstbestimmung hat das herkömmliche Familienmodell kaum eine Chance.

Gerne würden sich die Schwestern noch einmal wiedersehen, doch je mehr familiäre Verpflichtungen sie haben, desto unwahrscheinlicher wird das.

Kaiser oder Commonwealth – eine Frage der Loyalität


So prominent, wie der Klappentext es vermuten lässt, wird das Thema Erster Weltkrieg in diesem Buch nicht behandelt. Aber es ist durchaus ein wichtiger Punkt Was sind die Auswanderer nun? Schon Australier oder noch Deutsche? Loyal gegenüber dem Kaiser oder dem Commonwealth? Wo er steht, muss jeder für sich definieren. Und davon hängt es ab, ob die in Deutschland lebenden Verwandten als Feinde betrachtet werden oder nicht. Mit dieser Positionsbestimmung tun sich manche allerdings schwer. Mina beschreibt das so: „Ich bin in der Welt der Weißen zu Hause, ich bin eine Weiße, ich bin auch mit Australien verwurzelt auf eine seltsame Art, aber ich bin auch mit Europa verbunden (…) In zwei Welten zu Hause und in keiner ganz, vielleicht verstehe ich deshalb die Aborigines so gut“ (S. 419)

Die Vergangenheit wird lebendig


Ich liebe dieses Buch vor seine vielen kleinen Alltagszenen. Es ist wirklich so, als würden Personen, die bisher nur Namen in vergilbten Urkunden und ernste Gesichter auf sepiabraunen Fotografien waren, zum Leben erweckt. Es braucht keinen Bösweicht mit finsteren Absichten, um die Geschichten spannend zu machen. Die Unberechenbarkeit des Lebens genügt vollkommen. Und weil sich der Roman weitgehend an die Biographien der realen Personen anlehnt, sind die Entwicklungen auch nicht vorhersehbar (es sei denn, man schummelt und sieht vorne im Stammbaum der Familie nach). Hier greift nicht das, was „normalerweise“ in Romanen geschieht. Es kriegt nicht jede Prinzessin ihren Helden und nicht jeder Mistkerl das, was er verdient. Leben eben.

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Mehr zur Autorin unter www.ulrikerenk.de.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.