Ross Welford: Was du niemals tun solltest, wenn du unsichtbar bist (10 – 12 Jahre)

Ross Welford: Was du niemals tun solltest, wenn du unsichtbar bist (10 – 12 Jahre), OT: What Not to Do If You Turn Invisible, aus dem Englischen von Petra Knese und Nora Lachmann, Münster 2018, Coppenrath Verlag, ISBN 978-3-649-62238-3, Hardcover, 378 Seiten, Format: 15,1 x 3,3 x 21,6 cm, Buch: EUR 14,95 (D), EUR 15,40 (A), Kindle Edition: EUR 10,99.

Abbildung: (c) Coppenrath-Verlag

„Am Ende ist nichts und niemand so, wie man denkt.“ (Seite 375)

Die zwölfjährige Esther Leatherhead aus Nordengland ist in einem reinen Frauenhaushalt aufgewachsen: Bei Oma Beatrice und der inzwischen hundertjährigen Uroma Elizabeth Freeman. Esthers Vater, der Musiker Rick Malcolm, hat sich nach Neuseeland abgesetzt, als sie noch ein Baby war. Ihre Mutter Miranda ist vor neun Jahren an Krebs gestorben. Heißt es.

In der Schule zählt Esther zu den eher uncoolen Leuten und ist recht einsam, vor allem, seit ihre beste Freundin weggezogen ist. Die mobbenden Knight-Zwillinge haben in ihr, dem „Akne-Mädchen“ und dem bulligen Elliot Boyd, dem neuen Klassenkameraden aus London, zunächst zwei hilflose Opfer. Natürlich lacht der Rest der Schüler fleißig auf Kosten von Esther und Boyd mit. Die sind ja alle froh, wenn sie nicht selbst ins Visier des grenzkriminellen Zwillingspärchens geraten.

Notgedrungen schließen sich die beiden Mobbingopfer zusammen. Esther bemerkt bald, dass der Neue gar nicht so übel ist. Er ist hilfsbereit und loyal, kann kochen und kennt sich als Anwaltssohn sogar mit Paragraphen aus. Wenn er nur nicht immer Zeug erzählen würde, das sie gar nicht interessiert! Seine Begeisterung für den hiesigen stillgelegten Leuchtturm grenzt schon an Besessenheit. Aber irgendwas ist ja immer.

Das Wundermittel macht nicht nur Pickel weg


Esthers Leben wäre ja so halbwegs erträglich, wenn nur die Sch*** Pickel nicht wären! Was hat sie nicht schon alles ausprobiert! Doch ob Hausmittel oder Schulmedizin, nichts hat geholfen. Ihre letzte Hoffnung ist ein chinesisches „Wundermittel“ aus dem Internet. Das schmeckt so scheußlich wie es reicht und man bekommt fürchterliche Blähungen davon, was vielleicht auch daran liegt, dass Esther das Zeug sehr großzügig dosiert hat. Aber vielleicht bewirkt es ja etwas.

Das tut es. Nur nicht das Gewünschte. Nach Einnahme des Mittels legt Esther sich auf die hauseigene Sonnenbank, schläft ein – und als sie aufwacht, ist sie unsichtbar. Sie ist allein daheim und bekommt den Schreck ihres Lebens. Was soll sie jetzt tun? Der Anruf bei Oma verläuft genauso frustrierend wie der bei der Polizei. Alle glauben, Esther wolle sie auf den Arm nehmen. Nur Boyd glaubt ihr, aber helfen kann er ihr auch nicht. Nach ein paar Stunden ist der Spuk wieder vorbei.

Zwei miese Mobber kennen Esthers Trick


Nachdem Esther sich von ihrem Schock erholt hat, erkennt sie die Chancen, die ihr diese neue Fähigkeit bietet. Blöd nur, dass mobbenden Knight-Zwillinge Wind davon bekommen. Als Esther sich unsichtbar macht, um ihren Kumpel Boyd bei einem Schulfest vor einer Blamage zu bewahren, sind sie vorbereitet. Sie sprühen die Unsichtbare mit Sprudel ein und nehmen dieses wässerige Abbild mit dem Handy auf. Sie ist darauf klar zu erkennen. Jetzt haben sie etwas, mit dem sie Esther und Boyd viel Geld abpressen können. Die zwei haben nur keines.

Es hilft alles nichts: Esther muss noch einmal unsichtbar werden, ins Haus der Knights einbrechen und alle Kopien des Videos vernichten, ehe die Zwillinge es online stellen. Damit haben sie Esther nämlich gedroht. Und das Letzte, was sie will, ist berühmt sein und irgendwelchen Wissenschaftlern als Versuchskaninchen dienen.

Der Hauseinbruch ist selbst für erwachsene LeserInnen superspannend. Man fiebert mit der unsichtbaren Esther mit und staunt nicht schlecht darüber, wie es bei den Knights daheim zugeht.

Schockierende Familiengeheimnisse


Was Esther sonst noch herausfindet, während sie sich unentdeckt in der Nähe ihrer Mitmenschen aufhält, ist auch nicht ohne: Sie kommt nicht nur dahinter, warum neuerdings in der Gegend so viele Haustiere verschwinden, sie muss auch feststellen, dass ihre ach so superkorrekte Großmutter eine ausgebuffte Lügnerin ist. Genauso wie die Urgroßmutter. An ihrer angeblichen Familiengeschichte stimmt rein gar nichts. Als wäre es nicht ohnehin schon schwierig genug, in der Pubertät seine Identität zu finden, weiß Esther jetzt buchstäblich nicht mehr, wie sie heißt.

Und dann gibt es noch ein Problem mit der Unsichtbarkeit: Sie geht nach der letzten Aktion nicht mehr nach fünf Stunden weg. Esther ist nun dauerhaft unsichtbar. Wer oder was kann ihr jetzt noch helfen? Ihre Problemlösung ist ziemlich drastisch …

Spannend, ernst und komisch


WAS DU NIEMALS TUN SOLLTEST, WENN DU UNSICHTBAR BIST ist eines der Bücher, die man in einem Rutsch durchliest. Man leidet mit Esther, weil ihre Oma so eine Anstands-Fanatikerin ist und Schulkameraden solche gefühllose Monster. Man knabbert an den Fingernägeln, wenn sie wieder mal zur Unzeit sichtbar oder unsichtbar geworden ist. Und herrlich komische Szenen gibt es auch … auf der Schultoilette, zum Beispiel. Da bekommt eine von Esthers Klassenkameradinnen einen ordentlichen Schrecken. Offenbar hat Esther sich einen Trick von ihrem Hund abgeschaut. 😀 Überhaupt: die Hunde! Denen ist egal, ob sie das, was sie riechen, auch sehen können oder nicht. Für sie sind unsichtbare Menschen ganz regulär anwesend, was zu interessanten Kommunikationsproblemen mit ihren Herrchen und Frauchen führt.

Als unsichtbare Beobachterin erfährt Esther so manches, was nicht für ihre Augen und Ohren bestimmt ist. Sie kommt zu dem Schluss, dass offenbar jeder Mensch seine Lebenslügen und Geheimnisse hat, weil er sich oder andere schützen will. Das biblische Gebot: „Du sollst nicht lügen“ darf man entweder nicht so eng sehen – oder es nicht so leicht einzuhalten. Das muss sie erst einmal verkraften.

Moderne Lesegewohnheiten


Viele kurze Kapitel, eingespiegelte Zeitungsartikel sowie eine Reihe von Listen („Was ich gegen die Akne ausprobiert habe“ – „Was im Karton mit den Sachen meiner Mutter ist“) machen die Geschichte übersichtlich und sind auch für die jungen LeserInnen verdaulich, die sich von Textwüsten leicht abschrecken lassen. Das Buch nimmt Rücksicht auf moderne Lesegewohnheiten, ohne deshalb an Schwung zu verlieren.

Ach ja: Selbst in der Familie von Esthers Kumpel Boyd, der immer das Herz auf der Zunge trägt, gibt es ein großes Geheimnis. Aber was Esther und die LeserInnen nach diesen Ereignissen noch schockieren?

Der Autor
Ross Welford war Journalist und Fernsehproduzent, bevor er entschied, sich ganz und gar dem Schreiben zu widmen. Er lebt mit seiner Frau, seinen Kindern, einem Border Collie und einer Menge tropischer Fische in London.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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