Steve Hockensmith, Lisa Falco: Weiße Magie – direkt ins Schwarze. Kriminalroman

Steve Hockensmith, Lisa Falco: Weiße Magie – direkt ins Schwarze. Kriminalroman, OT: Give The Devil His Due, aus dem amerikanischen Englisch von Britta Mümmler, München 2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21714-9, Softcover, 378 Seiten mit s/w Illustrationen (Tarot-Karten-Abbildungen), Format: 12,2 x 3 x 19 cm, Buch: EUR 10,95 (D), EUR 11,30 (A), Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) dtv Verlagsgesellschaft

„Barry? (…) Hör mal, ich bin irgendwo mitten in Arizona, hier liegt eine Leiche (…). Wie schnell kannst du mir denn jemanden hierherschicken? Ausgezeichnet! Liebe Grüße an Suzanne und die Jungs.“ (Seite 377)

Auch in Band 3 ist der Heldin, einer Frau Ende 30, noch nicht klar, ob das Erbe ihrer Mutter – ein Tarotladen in einem Wüstenkaff in Arizona – nun Fluch oder Segen ist. Aber in dieser Kriminalgrotesken-Reihe ist sowieso nichts ausschließlich gut oder böse, schwarz oder weiß. Es gibt eine Menge Zwischentöne.

Schon als Teenager hat die Protagonistin ihre lieblose Kindheit bei ihrer Mutter, einer mit wechselnden Liebhabern durchs Land ziehenden soziopathischen Trickbetrügerin, hinter sich gelassen. Sie ist bei der erstbesten Gelegenheit durchgebrannt, hat sich den Namen Alanis McLachlan gegeben und in Chicago als Call-Center-Agent gearbeitet. Im ersten Band hat sie erwähnt, dass ihr richtiger Name vermutlich Sophie Harper sei und der ihrer Mutter Barbara. Aber Mom hat ihrer beider Namen so oft geändert, dass sie es nicht sicher weiß.

Nach 30 Jahren wieder da: Ziehvater Biddle


Wer ihr Vater ist, weiß Alanis auch nicht. Die einzige Vaterfigur, die sie jemals gekannt hat, war der Afro-Amerikaner Biddle, der in Wirklichkeit vielleicht James McDonald hieß, vielleicht aber auch nicht. Leider ist Biddle vor 30 Jahren von anderen Gangstern ermordet worden. Hat Alanis zumindest bis vor kurzem gedacht. Bis Biddle aus heiterem Himmel vor der Tür ihres Ladens „Weiße Magie – gut und günstig“ stand.

In ihre Wiedersehensfreude mischt sich schnell Misstrauen. Wenn er damals davongekommen ist, warum meldet er sich erst jetzt? Wenn er gewollt hätte, hätte er sie schon vor Jahrzehnten finden können. Sicher ist er nicht hier, um seine Ziehtochter Alanis zu besuchen oder deren Halbschwester Clarice, die Biddle aufgrund alter Fotos für ihren Vater hält. Was er vielleicht ist, vielleicht aber auch nicht.

Was hat der alte Gauner vor?


Der charmante alte Ganove erzählt eine plausibel klingende Geschichte nach der anderen, aber die beiden Schwestern, die bei ihrer Mutter durch eine harte Schule gegangen sind, glauben ihm kein Wort. Kein Wunder! Denn kaum ist er im Städtchen, verschwindet ein Kunde spurlos aus Alanis‘ Laden. Ein anderer, dem sie die Karten gelegt hat, wird ermordet aufgefunden und hat noch ihre Visitenkarte in der Jackentasche. Das ruft Detective Burby auf den Plan, der Alanis schon von früheren Einsätzen her kennt. Mit dem Tarotladen hat sie auch die Feinde ihrer Mutter geerbt und steckt deswegen permanent in Schwierigkeiten. Auch wenn sie es gut meint und die Opfer ihrer Mutter entschädigen will.

Hilfe hat Alanis von ihrer Halbschwester Clarice und deren Freundin Ceecee, die hervorragend recherchieren kann. Braucht sie einen männlichen „Statisten“, muss der attraktive Sportlehrer Victor Castellano herhalten. Er macht brav mit, weil er eine Schwäche für Alanis hat, ist aber für Lügengeschichten, Einbrüche und spontane Improvisationen viel zu bieder. Das ist mehr etwas für den charismatischen aber unzuverlässigen Kleinganoven GW (George Washington) Fletcher, den Alanis vor kurzem kennengelernt hat. Er hätte echte Chancen bei ihr, wenn sie ihm nur vertrauen könnte! Helfer wider Willen ist oft auch Eugene, der Anwalt ihrer Mutter. Dem sind Alanis‘ Aktivitäten zwar ausgesprochen suspekt, aber solange sie ihre Rechnungen bezahlt …

Heiß begehrt: Moms kitschiges Elvis-Bild


Aktuell braucht Alanis jede Hilfe, die sie kriegen kann. Detective Burby verdächtigt sie, in die Ermordung ihres Kunden verwickelt zu sein, jemand hat ihr Haus durchsucht und plötzlich ist alle Welt hinter einem kitschigen Elvis-Bild her, das einmal ihrer Mutter gehört hat.

Beim Versuch, herauszufinden, was hier gespielt wird, stoßen Alanis und ihre „Organisation“ auf einen ebenso dubiosen wie vermögenden Deutschen, eine Journalistin mit Geheimnissen, einen grantigen alten Herrn, der seinen guten Ruf wiederherstellen will, auf zwei Gangster alter Schule, die noch eine Rechnung offen haben und auf die Cleaner-Lady aus Band 2, die mit ihren arthritischen Händen keinen Wischmopp schwingt, sondern eine Uzi. Mit, sagen wir mal, erratischen Resultaten. Und irgendwie hängt das alles mit Biddle und der Mutter von Alanis und Clarice zusammen.

Die Frage nach dem Wie und dem Warum tritt bald in den Hintergrund, weil die Schwestern vollauf damit beschäftigt sind zu überleben. Jeder betrügt hier jeden und die Kugeln fliegen tief.

Das Symbol der Kelche


Der Kriminalfall ist ebenso skurril wie komplex. Man müsste schon fast eine Tabelle anlegen, um den Überblick darüber zu behalten, wer was aus welchen Gründen tut und wer auf wessen Seite steht. Wobei sich das auch gelegentlich ändert. Doch im Grunde ist die Krimihandlung hier nur die Bühne, auf der sich die Beziehungsgeschichten der Figuren abspielen. Das wird schon dadurch deutlich, dass vor jedem Kapitel eine Tarotkarte der Kelche steht. Als Alanis ihrem Helfer GW die Karten legt, erklärt sie ihm deren Bedeutung so: „Die Kelche eine Farbe im Tarot und stehen für die Liebe, das Mitgefühl und die emotionalen Bindungen.“ (Seite 155)

Gut, die Erläuterungen, die unmittelbar unter der jeweiligen Karte stehen, entspringen der Phantasie von Alanis‘ Mutter und haben mehr mit freier Bildinterpretation und dem Inhalt des folgenden Kapitels zu tun als mit klassischem Tarot. Aber sie sind überaus erheiternd.

In diesem Band geht’s also weniger um die haarsträubenden Tricks, Aktionen und Lügengeschichten, mit denen Alanis sich gewöhnlich aus der Affäre zieht – oder erst in den Schlamassel hineinreitet, je nachdem. Hier geht es darum, was Biddle wirklich mit Barbara Harper, oder wie auch immer die Mutter der Mädchen wirklich geheißen haben mag, verbunden hat. Und darum, wie Biddle zu seinen „Töchtern“ steht. Hat er ehrliches Interesse an Alanis und Clarice als Menschen, oder benutzt er sie nur für seine zweifelhaften Geschäfte? Außerdem stellt sich die Frage, wie es zwischen Alanis und GW Fletcher steht. Können die beiden jemals mehr füreinander werden als nur „Partners in Crime“?

Der letzte Band? Vielleicht …


Der 3. Band hier ist der ernsthafteste der Reihe. Und man sollte die vorigen zwei schon kennen, weil man sonst von der Personalfülle total überfordert ist. Ist Band 3 auch der letzte? Von hier aus kann man sich quasi ausrechnen, wie es für die Hauptpersonen weitergeht. Man könnte sich aber durchaus noch weitere schräge Abenteuer vorstellen. Und so ist WEISSE MAGIE – DIREKT INS SCHWARZE vielleicht der Abschluss dieser Reihe. Vielleicht aber auch nicht.

Der Autor
Steve Hockensmith, geboren 1968 in Kentucky, hat als Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz auf das Schreiben von Büchern verlegt hat. Er lebt mit seiner Familie in Kalifornien.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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