Manuela von Perfall (Text), Jessica Jungbauer (Fotos): Vom Glück, mit Hühnern zu leben. Hühnerfreunde und ihre Geschichten

Manuela von Perfall (Text), Jessica Jungbauer (Fotos): Vom Glück, mit Hühnern zu leben. Hühnerfreunde und ihre Geschichten, München 2019, Callwey Verlag, ISBN 978-3-7667-2377-2, Hardcover mit Schutzumschlag, 192 Seiten, rund 250 Farbfotos, Format: 22,3 x 2,2 x 28,7 cm, Buch: EUR 29,95, Kindle: EUR 19,99.

Abb.: © Callwey-Verlag

Ich hab‘ etwas übrig für die liebevoll gemachten Bücher des Callwey-Verlags: leicht abseitige Themen, sachkundige Textbeiträge, hochwertige Fotos und praktisch nutzbare Zusatzinformationen. Bei diesem Porträtband sind das ein bebilderter Schnellkurs in Sachen Hühnerrassen, praxiserprobte Tipps zur Hühnerhaltung sowie Kochrezepte. Nein, keine Barthähnchen! Das war zwar auch mein erster Gedanke, aber es handelt sich um Eier- und Mehlspeisen, für deren Realisierung man nicht unbedingt eine begnadete Küchenfee sein muss.

Kleine Hühnerrassenkunde. Abb.: © Callwey-Verlag / Foto: E. Nebel

Der Schwerpunkt des Buchs liegt, wie der Untertitel schon sagt, auf den Hühnerfreunden und ihren Geschichten. Über ein Dutzend zum Teil prominente Hühnerhalter*innen wurden von der Autorin und der Fotografin besucht und in Wort und Bild porträtiert.

Hühnerhaltung bei den Reichen und Schönen

Der Rentner, der aus ein paar Brettern einen Stall zusammennagelt und hinter dem Haus zwischen Tomaten, Bohnen und Erdbeeren ein paar Hennen hält, kommt hier natürlich nicht vor. Die moderne junge Landwirtin, in deren Hofladen wir einkaufen, auch nicht. Deren Leben wäre für ein Callwey-Konzept  nicht glamourös genug. Man  lässt uns bei den Reichen und Schönen in Garten, Küche und Hühnerstall gucken. Die Chance haben wir sonst ja nicht, weil wir meist nur stinknormale Leute kennen. Also nutzen wir sie!

Die Ingenieurin und Unternehmerin Bettina Huber hat ihre Hühner nach den Erzieherinnen ihrer Kinder benannt („Frau Meyerhöfer“ 😀 ) und regelt die Öffnung und Schließung der Hühnerstalltür mit Solarenergie und elektronischer Steuerung. Isabella Kirschbaumer vom Ursteirerhof züchtet seltene, alte und originelle Hühnerrassen und verschicke Bruteier per Post.

Abb.: © Callwey-Verlag / Foto: E. Nebel

Die Journalistin, Moderatorin und Dozentin Canan Topcu lobt ihre Hühner auf Türkisch und schimpft mit ihnen auf Deutsch. Die Hühnerhaltung erinnert sie an ihre Kindheit bei den Großeltern auf dem Land. Von ihr stammt der Tipp, bei Züchtern nach Hühnern zweiter Wahl zu fragen. Die sind deutlich günstiger als perfekte Rassehühner und für den Laien genauso hübsch.

Nutztier oder Wohnungshuhn

Sehr bodenständig wirkt das Schauspielerehepaar Gregor Bloeb und Nina Proll. Sie stammen beide aus dem ländlichen Raum, leben auf einem alten Bauernhof und halten ihre Hühner ganz traditionell als Nutztiere. Bei Herzogin Elisabeth in Bayern, einer Ururenkelin des letzten bayerischen Königs, wuseln die Hühner im Haus herum und die Küken sitzen schon mal auf dem gedeckten Tisch neben dem kunstvollen Nymphenburger Porzellan.

Manchmal ist das Anwesen, auf dem die Hühnerhalter*innen leben, fast noch interessanter als ihre Tiergeschichten. Die Künstlerfamilie le Ganay wohnt mit ihren Tieren in einer weitläufigen ehemaligen Radiostation mitten im Nirgendwo. Dass Familie Brackel ausgerechnet Brakelhühner hält, ist Zufall. Was sie beim Kauf ihrer Immobilie unwissentlich miterworben haben, war eine faustdicke Überraschung.

Therapietiere und Fernsehstars

Für die Unternehmerin und Ex-TV-Moderatorin Eve Büchner ist Hühnerhaltung pure Wellness. Die Psychologin Dr. Karin Hediger setzt ihre Hühner als Therapiebegleittiere ein. Stefanie Laab rettet Legehühner. Autorin Katharina von der Leyen verwöhnt ihr Hühnervolk nicht nur kulinarisch und pfeift darauf, was die Nachbarn dazu sagen. Anja Ballwieser trainiert Hühner für Film und Fernsehen und die Unternehmerin Suzanne Quante meint: „Jeder, der Fleisch isst, sollte einmal ein Tier geschlachtet haben. Dann würde die Wertschätzung steigen und weniger Fleisch gegessen werden.“ (Seite 143)

Abb.: © Callwey-Verlag / Foto: E. Nebel

So verschieden wie die porträtierten Personen sind die Motive zur Hühnerhaltung, der Umgang mit und die Beziehung zu den Tieren. Tipps und Informationen gibt’s obendrein. Auf den Rezeptteil hätte ich persönlich verzichten können, aber das ist Geschmackssache.

Die Fotografin hat das Leben der Hühnerhalter*innen mit ihren Tieren sehr stimmungsvoll und überzeugend eingefangen. Es war sicher nicht ganz einfach, die Menschen, die ja keine professionellen Fotomodelle sind, so abzulichten, dass sie natürlich wirken. Ein paar wenige Fotos stammen nicht von Jessica Neubauer. Von denen stechen zwei so heraus, dass ich laut gelacht habe. Ein ehemaliges Model bewegt sich derart gestylt, künstlich lachend und auf Studioniveau ausgeleuchtet zwischen den Hennen, dass es aussieht, als habe man eine junge Sonya Kraus per Photoshop in einen Hühnerstall hineinkopiert.

Hahn Solos Schicksal

Ein weiterer Grund, laut „loszugackern“ war Herzogin Elisabeths Geschichte vom „Hahn Solo“. Ja, ja, so ist das mit den Machos! Sollte ich wirklich mal den Kindheitstraum von der Hühnerhaltung verwirklichen, weiß ich jetzt schon, wie mein Gockel heißt!

Wenn man etwas über Hühnerhaltung lernen möchte, ist man mit einem Sachbuch sicher besser bedient. Aber es ist schon aufschlussreich und unterhaltsam zu sehen, wie andere Menschen diese (Freizeit-)Beschäftigung angehen und was die Tiere für sie bedeuten.

Die Autorin

Manuela von Perfall († September 2018) war eine bekannte Callwey-Autorin. Mit Hund, Papagei und Huhn lebte sie auf einem Hof in der Nähe von München. Sie hat schon früh den Trend zum „Wohnungshuhn“ erkannt und konnte sich keinen Tag mehr ohne ihre Henne vorstellen, die sie stets zum Schreibtisch begleitete und dort mit ihr den Tag verbrachte

Die Fotografin

Jessica Jungbauer lebt und arbeitet als freie Fotografin und Journalistin in Berlin. Ihre Arbeiten über Essen, Reisen und Lifestyle erscheinen in deutschen sowie internationalen Publikationen wie FAZ, National Geographic Traveller, Condé Nast Traveller. Für dieses Buch durfte sie nicht nur inspirierende Frauen porträtieren, sondern wurde auch von deren Liebe zum Huhn angesteckt.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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