Kerstin Ehmer: Die schwarze Fee

Kerstin Ehmer: Die schwarze Fee, Bielefeld 2019, Pendragon Verlag, ISBN 978-3 86532 656 0, Klappenbroschur, 397 Seiten, Format: 13,4 x 3,8 x 20,5 cm, Buch: EUR 18,00, Kindle: EUR 15,99.

Abb. (c) Pendragon-Verlag

Berlin in den 1920er-Jahren: Auch nachdem Kommissar Ariel Spiro den Mordfall Fromm/Gavorni aufgeklärt hat (Kerstin Ehmer: DER WEISSE AFFE), ist er bei den Kollegen immer noch der unbeliebte Neue aus der Provinz. Er, der Kaufmannssohn aus Wittenberge an der Elbe, ist nach wie vor fasziniert von Berlin, aber nicht mehr ganz sicher, ob er hier noch länger bleiben sollte. Seit seiner Trennung von der Bankierstochter und Medizinstudentin Nike Fromm ist das alles nicht mehr ganz so toll.

Die zwei haben ein nicht alltägliches Problem: Spiro hat Nike bei seinem letzten Fall aus ermittlungstaktischen Gründen in dem Glauben gelassen, er sei Jude. Er ist aber lediglich jüdischer Abstammung, wurde nicht im Glauben erzogen und ist auch kein Mitglied der Gemeinde. Und mit dieser Unschärfe hat das Fräulein Fromm Schwierigkeiten, obwohl ich bei ihr keinerlei Anzeichen von Religiosität erkennen kann. Wie auch immer: Sie fühlt sich belogen und hat sich von Ariel Spiro getrennt.

Vermisst: Der neue Freund der Ex

Jetzt ist Nike Fromm mit dem Werkzeugmacher Anton Kraftschick liiert, einem Anarchisten, der sich, genau wie sie, in seiner freien Zeit um die Ärmsten der Armen kümmert. Er bringt russischen Emigranten Lebensmittel und sorgt dafür, dass mittellose Kranke medizinisch versorgt werden … z.B. von der Medizinstudentin Nike Fromm. So haben sich die beiden kennengelernt. Ganz ehrlich ist sie aber nicht zu ihm. Wenn sie ins Armenviertel geht, trägt sie die Kleider ihres Dienstmädchens. Anton weiß weder, wo Nike wohnt, noch wie vermögend ihre Familie wirklich ist. Das ist jetzt auch nicht viel ehrenvoller als das, was Spiro mit ihr gemacht hat …

Eines Tages ist ihr sonst so zuverlässiger Anton verschwunden. Seine Mutter und sein Stiefvater machen sich Sorgen, trauen sich aber nicht, zur Polizei zu gehen. Lieber suchen sie den Sohn selbst. Nike hat da keine Hemmungen. Sie bittet ihren Ex, Ariel Spiro, um Hilfe. Der hat aber gerade ganz andere Sorgen. Zwei „Reiseleichen“ bereiten ihm Kopfzerbrechen: zwei junge Männer, die niemand zu kennen und zu vermissen scheint, starben durch einen ungewöhnlichen Giftcocktail. Der eine an Bord eines Dampfers, der andere in einem Bus. Es dauert lange, bis sich ein Zeuge findet, der aussagt, dass er einem der Männer schon begegnet sei – und da habe dieser russisch gesungen.

Zwei „Reiseleichen“ geben Rätsel auf

Russen also. Davon gibt’s in Berlin jede Menge: Emigranten, Revolutionäre, Anarchisten, Schriftsteller, Politiker, Gelehrte, Angehörige der Geheimpolizei … und niemand von denen hat Interesse daran, mit den preußischen Polizisten zu reden. Ob vielleicht Polina – Fräulein Apollinaria Zwetkowa -, die an der russischen Schule Deutsch und Religion unterrichtet und mit Kommissar Hartmuth Bludau von der Sitte befreundet ist, hier helfen kann? Bludau, das Ekel, muss es  ja nicht unbedingt mitkriegen.

So gerät Kommissar Spiro mitten hinein in die politischen Wirrungen und Strömungen der russischen Gemeinde. Und er stellt erstaunt fest, dass Anton Kraftschick in diesen Kreisen kein Unbekannter ist. Hat er etwas mit den „Reiseleichen“ zu tun? Und wenn ja: als Täter oder als weiteres Opfer? Hier wissen wir Leser*innen mehr als der Ermittler. Wir kennen auch Polinas Geheimnis, das sie vor Bludau mit aller Macht zu verbergen sucht. Aber natürlich wissen wir nicht alles. Dafür hat die Autorin gesorgt. Uns wird uns erst klar, was genau passiert ist und wie das alles zusammenhängt, wenn Ariel Spiro die Puzzleteile zusammenfügt.

Historischer Krimi oder Gesellschaftsroman?

Ist das noch ein historischer Krimi oder schon ein Gesellschaftsroman? Es kommen so viele Themen aufs Tapet, dass der Fall mitunter in den Hintergrund rückt. Wir entdecken die Welt der Arbeiter und Emigranten, der Demi-monde und der High Society, der Nazis der Sozialdemokraten und der Anarchisten, der Ärzte und Polizisten … Und was immer wieder auftaucht, nicht nur bei der Medizinstudentin Nike Fromm sind die schrecklichen Folgen der Syphilis. Die macht keinen Standesunterschied und befällt arm und reich.

Mit den politischen Differenzen der russischen Emigranten war ich stellenweise überfordert. Wer hat welche Überzeugungen, wer ist für oder gegen wen – und warum? Aber da kann man sich als Leser*in auch irgendwie durchmogeln …

Faszinierende Frauengestalten

Ein paar sehr interessante Frauengestalten gibt es in dem Buch! Da ist Nike Fromm, die sich vom oberflächlichen Partygirl zu einer ernsthaften Studentin und Wohltäterin gewandelt hat. Da sind die Lehrerin Polina Zwetkowa und die Gräfin Litwinska, die beispielhaft für das Schicksal der russischen Emigrant*innen stehen. Da ist die illusionslose Malerin/Zeichnerin Ana – und last not least Helene Kraftschick, Antons Mutter, die einfach tut, was ihrer Meinung nach getan werden muss. Außer ihr selbst und den Leser*innen weiß niemand, wie weit sie dabei zu gehen bereit ist … Das ist schon starker Tobak!

Mit ihrer enormen Beobachtungsgabe und ihrer bildhaften Sprache führt uns Kerstin Ehmer mitten hinein in eine für uns fremde, vergangene Welt. Und nachdem am Schluss alle Handlungsstränge erfolgreich entwirrt sind, bleibt die Frage, wie es nun weitergeht mit Ariel Spiro. Mit seinen Zukunftsplänen stößt er ja in seinem Umfeld nicht unbedingt auf Gegenliebe. Bei den Leser*innen auch nicht … Aber warten wir mal ab, was Kerstin Ehmer diesbezüglich in petto hat. Ich gehe doch stark davon aus, dass noch eine Fortsetzung kommt! Gern auch mehrere.

Die Autorin

Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit sechzehn Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte. 2017 erschien mit »Der weiße Affe« ihr erster Kriminalroman und ihr erster Fall mit Kommissar Spiro.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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