Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen

Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten Ich, München 2020, dtv, Deutsche Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26236-1, Klappenbroschur, 266 Seiten, mit mehreren Selbsttests, Format: 13,5 x 2,7 x 21,1 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle: EUR 14,99, auch als Audio-CD lieferbar.

Abb: © dtv Verlagsgesellschaft

„Die Gene bilden zwar eine Grundlage. Aber die Umgebung, die Freunde, das soziale Netz, das Leben selbst formen erst die Persönlichkeit, die wir sind. Und im kommenden Jahr (…) werden wir schon wieder jemand anderes sein.“ (Seite 81)

Wie sind wir eigentlich der Mensch geworden, der wir sind? Und können wir auch, wenn wir wollen, ein anderer werden?

Erwachsene ändern sich nicht?

Dass die „technischen Daten“ wie Name, Staatsangehörigkeit, Sprache, Religion, Aussehen, ja unter Umständen sogar das Geschlecht, veränderbar sind, wissen wir. Die „kulturelle Identität“ ist also eine flexible Angelegenheit. Und wie sieht es mit unserer Persönlichkeit aus? Die ist zum Teil genetisch bedingt und wird von Erziehung und äußeren Einflüssen geprägt. Stimmt es, dass sich ab ca. 30 nicht mehr viel in der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen tut? Dass sich höchstens noch im Alter manche Charakterzüge verstärken?

„Aus einem Ochs‘ wird kein Esel“, meinte mein früherer Chef zu diesem Thema. Meine Familie hat ähnlich blumige Umschreibungen für die angebliche Tatsache, dass sich die Persönlichkeit eines Erwachsenen nicht mehr entscheidend verändern kann. Doch anscheinend stimmt das gar nicht, auch wenn der Volksmund es behauptet und selbst die Wissenschaft lange davon überzeugt war. Es wäre auch schlimm, wenn unsere Persönlichkeit bereits in jungen Jahren in Stein gemeißelt wäre. Wir wären der Möglichkeit beraubt, uns zu entwickeln und uns an veränderte Lebensumstände anzupassen. Dafür muss zwar nicht zwingend der Ochs‘ zum Esel werden, aber mitunter muss man schon sehr weit aus seiner Komfortzone herausgehen und zum Beispiel extrovertiert agieren, obwohl man von Haus aus introvertiert ist. Das kann man tatsächlich lernen, wenn man will – oder wenn man es muss.

Die „Big Five“ unserer Persönlichkeit

„Für alle Menschen gilt: Wir verändern uns, wenn sich die Welt um uns herum verändert. Wenn wir eine neue Rolle in der Gesellschaft einnehmen, am Arbeitsplatz oder in der Familie, dann verändern wir uns ein Stück weit. Und da sich die Welt ständig wandelt, wandelt sich andauernd auch unser Selbst.“ (Seite 111)

Die grundlegenden Eigenschaften, aus denen eine Persönlichkeit aufgebaut ist, nennt man die „Big Five“. Das sind:

  • Neurotizismus, oder, positiv ausgedrückt, emotionale Stabilität
  • Extraversion/Introversion
  • Offenheit für Erfahrungen
  • Verträglichkeit
  • Gewissenhaftigkeit

Auf Seite 101 ff kann man testen, wie stark die einzelnen Dimensionen bei einem selbst ausgeprägt sind. Das ist ein bisschen Arbeit. Das Problem dabei ist, dass die Testauswertung im Buch nicht funktioniert. Die Zahlenwerte überlappen sich, und man weiß nicht so recht, in welche Zeile man seine ermittelten Punktzahlen eintragen soll.

Abb: © dtv Verlagsgesellschaft, Scan: E. Nebel

Ich vermute, die Spalte links muss korrekt heißen:

  • Ausgesprochen (21 bis 25 Punkte)
  • Sehr (16 bis 20 Punkte)
  • So lala (11 bis 15 Punkte)
  • Ein bisschen (6 bis 10 Punkte)
  • Gar nicht (1 bis 5 Punkte).

Man muss sich nicht ändern – aber man kann

Nach diesem Test wissen wir, wo wir (derzeit!) stehen. Und, wichtig: So, wie wir sind, sind wir vollkommen in Ordnung. Keines der Persönlichkeitsmerkmale ist ein Makel. Es gibt also keinen Zwang zur Veränderung. Aber für den Fall, dass man will oder muss, erfährt man hier, wie es geht.

„Dazu muss man keinesfalls ab seinem genetischen Code basteln. Die Persönlichkeit besteht nun einmal aus Denken, Fühlen und Verhalten. Wenn sich dieser Dreiklang ändert, wird die Persönlichkeit eine andere.“ (Seite 194)

Wie gut einem Menschen das Verhalten außerhalb seines Urcharakters gelingt, ist zum einen eine Talentfrage und zum anderen Übungssache. Übungsaufgaben für die Big Five gibt es ab Seite 227. Ohne entsprechenden Leidensdruck, glaube ich, tut man sich das aber nicht an. Also, ich bestimmt nicht!

Was wir sonst noch über uns erfahren

Um diese Möglichkeiten zur Veränderung geht es hauptsächlich in diesem Buch. Aber das ist natürlich nicht alles, was man hier erfährt und lernt. Hier noch ein paar Beispiele:

  • Dass wir uns eher selbst erfinden als uns selbst zu finden, hängt mit der Resonanz zusammen. Wir entwickeln uns in Reaktion auf äußere Einflüsse (Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen) weiter.
  • Wir erfahren, welche Lebensumstände und Entscheidungen uns am stärksten beeinflussen. Und wir sehen, dass die ersten Lebensjahre meist gar nicht so entscheidend sind wie wir bislang geglaubt haben.
  • Wir entdecken interessante Fallbeispiele für verblüffende Persönlichkeitsveränderungen – absichtlich herbeigeführt, zufällig entstanden oder durch Krankheiten und Unfälle bedingt.
  • Wir stellen fest, dass unser Gedächtnis mindestens so flexibel ist wie unser biegsames ich – und dass es mit unserer Selbsteinschätzung nicht sehr weit her ist.
  • Wir gehen der Frage nach, was eigentlich Authentizität bedeutet. Und auf den Seiten 64 ff können wir testen, wie authentisch wir selbst sind.
  • Warum eigentlich haben wir bei Klassentreffen immer das Gefühl, dass sich unsere ehemaligen Schulkameraden gar nicht verändert haben? (Außer äußerlich, natürlich. Aber ihr wisst ja: Ein Klassentreffen ist eine Zusammenkunft von Menschen, die früher mal gleich alt waren.)
  • Wir erfahren außerdem, wie sich Schlaf, Ernährung und sogar Mikroben auf unsere Psyche auswirken.

Es ist immer hochinteressant und spannend zu sehen, wie der Homo sapiens funktioniert. Dass unsere Persönlichkeit erwiesenermaßen wandelbarer und anpassungsfähiger ist als bislang angenommen, ist durchaus erfreulich – auch wenn wir das aufgrund eigener Erfahrungen irgendwie schon vermutet haben.

Die Autorin

Christina Berndt studierte Biochemie und promovierte in Heidelberg. Als Wissenschaftsjournalistin berichtete sie über Medizin und Forschung für ›Der Spiegel‹, ›dpa‹, ›Süddeutscher Rundfunk‹ und ›Süddeutsche Zeitung‹, wo sie seit 2000 als Redakteurin arbeitet. 2006 wurde sie mit dem European Science Writers Junior Award ausgezeichnet. Sie deckte den Organspendeskandal auf und erhielt dafür den renommierten Wächterpreis der Tagespresse. Sie war 2013 für den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie »Investigation« nominiert und wurde unter die Top 3 der Wissenschaftsjournalisten des Jahres 2013 gewählt. 2017 wurde sie in der Kategorie »Wissenschaftsreportage« für den Deutschen Reporterpreis nominiert. 2018 erhielt sie den Karl-Buchrucker-Preis.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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