Ulrike Renk: Tage des Lichts. Das Schicksal einer Familie, Seidenstadt-Saga, Band 3

Ulrike Renk: Tage des Lichts. Das Schicksal einer Familie. Seidenstadt-Saga, Band 3, Berlin 2020, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3566-8, Softcover, 560 Seiten, Format: 13,3 x 4,3 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb. (c) Aufbau-Verlag

„Flüchtlinge waren wie Blätter auf einem Teich. Manchmal hatten sie Glück und erreichten das Ufer, manchmal nicht, dann gingen sie unter – sang- und klanglos. Niemand wollte sie haben, manche Staaten nahmen sie nur zähneknirschend auf, andere gar nicht. Dabei wollten sie, die Flüchtlinge, nur eines – leben. Irgendwie. Es sollte ein Grundrecht sein, aber das war es nicht.“ (Seite 514)

Ich sage es auch beim dritten Band noch mal: Diese Familiengeschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Auch wenn die Autorin sich ein paar dichterische Freiheiten genommen hat: Im Wesentlichen ist das alles so passiert. Und manchmal ist das Leben ungerecht.

Fürs Erste gerettet!

Frinton-on-Sea/Essex, England, im Sommer 1939: Mit dem Mut der Verzweiflung, viel Glück und der Hilfe von Freunden und Verwandten hat es die siebzehnjährige jüdische Kaufmannstochter Ruth Meyer geschafft, aus Krefeld herauszukommen und in England eine Stellung als Dienstmagd auf einem Bauernhof zu ergattern. Niemand hat bemerkt, dass sie eigentlich zu jung ist für dieses Programm.

So. Fürs Erste gerettet! Doch Ruth trägt nicht nur für sich allein die Verantwortung sondern auch für ihre nicht sonderlich praktisch veranlagte Familie in Deutschland: für Eltern, Großeltern, die jüngere Schwester, für die Tante, deren Mann sich schon vor geraumer Zeit nach Palästina abgesetzt hat, und für ihren Vetter Hans. Sie alle will Ruth nach England holen.

Das klingt zunächst illusorisch, doch mit Hilfe der einflussreichen und gut vernetzten Londoner Politikergattin Edith könnte das tatsächlich gelingen. Die ist zwar ein bisschen undurchsichtig aber sehr verlässlich. In der Vergangenheit hat sie Ruth schon öfter geholfen – und nicht nur ihr.

Ruths Abhängigkeit wird ausgenutzt

Ruths Aufenthalt in England – und damit die mögliche Rettung ihrer Familie – ist an den Arbeitsvertrag bei der Familie Sanderson in Frinton-on-Sea gebunden. Wenn sie diesen Job innerhalb eines Jahres verliert, muss sie wieder zurück nach Deutschland. Und so wird aus der privilegierten Gymnasiastin, die selbst in einem Haushalt mit Dienstboten aufgewachsen ist und nur Grundkenntnisse in Haus- und Landwirtschaft hat, über Nacht ein demütiges und hart arbeitendes „Mädchen für alles“.

Landwirt Freddy Sanderson ist freundlich und geduldig, sogar mit Ruths ausbaufähigen Englischkenntnissen. Töchterchen Jill ist ein Schatz – aber die Frau des Hauses, Olivia, ist eine Spinatwachtel sondergleichen: faul, eitel, launisch, anspruchsvoll und gehässig. Auch wenn sie nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, hat sie schnell kapiert, dass Ruth ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Sie lässt das Mädchen schuften bis zum Umfallen und lässt ihren Frust an ihr aus. Gut, Olivia, hat sich ein anderes Leben erträumt als das einer Bäuerin in Frinton-on-Sea, aber das dürfte eigentlich nicht zu Ruths Problem werden.

Traumziel USA

Ruth Meyer, die in ihrem alten Leben so eigensinnig und streitbar war, hat inzwischen jegliches Selbstvertrauen verloren und lässt sich alle erdenklichen Gemeinheiten bieten. Sie klammert sich an den Gedanken, dass der Spuk ohnehin bald vorüber ist: Wenn ihre Familie sicher in England angekommen ist und wenn sie endlich kündigen darf, dann ist sie hier schneller weg als Olivia gucken kann.

England soll ohnehin nur eine Zwischenstation für die Meyers sein. Ihr Ziel sind die USA. Das ist alles längst vorbereitet. Sie müssen nur noch warten, bis sie einen Platz auf einem Passagierschiff kriegen. Schneller als gedacht rücken sie in der Warteliste für Einwanderer auf, denn aus Gründen, die wir alle kennen, können viele ihre geplante Überfahrt ins rettende Amerika nicht mehr antreten.

Was wird aus Ruths Familie?

Aber was ist, wenn England den Deutschen den Krieg erklärt und Ruths Familie gar nicht mehr ausreisen kann? Oder wenn sie’s mit Müh und Not ins Land schaffen und hier dann auch nicht sicher sind, weil die Nazis England angreifen?

Jede Radio-Nachrichtensendung, jeder Telefonanruf und jeder überraschende Besuch auf dem Hof ist für Ruth ein Grund zur Panik. Genau wie ihre Eltern hat sie das Urvertrauen verloren. Sie rechnet grundsätzlich mit dem Schlimmsten. Nur sehr langsam findet sie zu ihrem selbstbewussten und optimistischeren früheren Selbst zurück. Oder jedenfalls fast. Das Gefühl, wachsam und fluchtbereit sein zu müssen, wird sie wahrscheinlich ihr Leben lang begleiten.

Unterdessen wäre Ruths Verwandtschaft daheim in Krefeld verloren ohne die Hilfe von Hans Aretz, dem ehemaligen Chauffeur von Ruths sehbehindertem Vater. Aretz, christlichen Glaubens, hat mit Frau und Kindern quasi zur Familie Meyer gehört, ehe die Nazis an die Macht kamen. Das hat er nicht vergessen und hilft den Meyers, so gut er kann, auch wenn er sich dadurch selbst in Lebensgefahr bringt.

Beklemmende Szenen in Krefeld

Die Szenen in Krefeld sind sehr beklemmend. Auch weil nun der eine oder andere aus dem Familienclan Entscheidungen bereut, die er aus Liebe, Naivität oder Gründen der Moral getroffen hat. Jetzt wird ihnen klar, dass es gescheiter gewesen wäre, das Land zu verlassen, als das noch relativ leicht möglich gewesen ist.

Obwohl ich Ruth Meyer-Elcotts Lebensgeschichte in groben Zügen kenne, habe ich beim Lesen mitgefiebert als Ruth wie auf heißen Kohlen saß und um ihre Familie bangte: Werden es ihre Angehörigen rechtzeitig nach England schaffen oder kommt der Krieg dazwischen? Was wird aus Ruths Freunden und Verwandten in Deutschland – oder wohin auch immer sie es inzwischen verschlagen hat? Klappt das mit der Schiffspassage in die USA?

Mehr als einmal habe ich befürchtet, dass Ruth alles versaut, weil ihr der Kragen platzt und sie ihrer Chefin, der dämlichen Wachtel, vorzeitig den Krempel vor die Füße haut. In einem rein fiktionalen Roman hätte sich vielleicht jemand gefunden, der Olivia den Hals umdreht. Aber wie ich eingangs schon schrieb: Diese Geschichte basiert auf realen Ereignissen. Auf diese Lösung können wir leider nicht hoffen. 😉

Unterschwellige Angst

Es gibt keine große Action in dem Roman. Hier geht es um die Angst und Sorge, die in Ruths hartem Alltag ständig präsent sind. Auch wenn es für Ruth phasenweise ganz gut läuft, brummt immer unterschwellig der Horror mit, ganz egal, was sie gerade macht. Und doch verliert sie nie die Hoffnung. Sie will leben, und sie will ihre Familie retten. Dafür ist sie bereit, so ziemlich alles zu tun.

Immer wieder dachte ich, Leute, das ist ein Teenager! Das ist doch viel zu viel Verantwortung für so ein junges Mädchen. Jemand sollte sich um sie kümmern, nicht sie sich um den gesamten Familienclan. Aber so war es eben.

Gruselig sind manche Parallelen zur Gegenwart, die man unweigerlich zieht. Ich frage mich, was Ruth Meyer wohl zu der einen oder anderen aktuellen Entwicklung auf der Welt gesagt hätte.

Eine neue Heimat?

Im vierten und letzten Band der Reihe wird Ruth noch einmal ihren Mut und ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen müssen. Ob ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird, den sie im vorliegenden Band so sehnsüchtig ausspricht? „Ich möchte irgendwann ankommen. Ich möchte eine neue Heimat haben. Einen Ort, an dem ich mich sicher fühle.“ (Seite 400) Ich wünsche es ihr von Herzen.

Die Autorin

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de.  

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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