Emma Donoghue: Das Wunder. Roman

Emma Donoghue: Das Wunder. Roman, OT: The Wonder, aus dem Englischen von Thomas Mohr, München 2019, Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-48905-3, Klappenbroschur, 416 Seiten, Format: 13,6 x 3 x 20,1 cm, Buch: EUR 11,00 (D), EUR 11,40 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Goldmann-Verlag

Lib stockte die Stimme. „[Anna] scheint die nahe Aussicht auf den Tod regelrecht willkommen zu heißen.“
Er strich sich die Locken aus dem Gesicht. „Aber warum?“
„Vielleicht, weil Ihre Religion ihren Kopf mit morbidem Unfug angefüllt hat.“
„Vielleicht aber auch, weil sie morbiden Unfug mit wahrer Religion verwechselt!“ 
(Seite 314)

Irland 1859: Wunder oder Schwindel? In einem kleinen irischen Dorf lebt die elfjährige Anna O’Donnell, die angeblich seit ihrer Firmung vor vier Monaten keine Nahrung mehr zu sich genommen hat. Dabei ist sie gesund und munter. Schon pilgern Gläubige aus aller Herren Länder zu dem Mädchen.

Die Honoratioren der Gemeinde wollen aus unterschiedlichen Gründen herausfinden, was hier vor sich geht. Die einen sähen gerne ein Wunder bestätigt, die anderen möchten die Kirchengemeinde von einer Blamage durch Betrug bewahren. Also legen sie Geld zusammen und engagieren zwei unbeteiligte Beobachterinnen, die Anna zwei Wochen lang lückenlos überwachen sollen. Isst das Kind heimlich, ist der Schwindel entlarvt. Kommt es ohne Nahrung aus, ist es ein göttliches Wunder. 

Zwei unbeteiligte Beobachterinnen

Auf Geheiß des Komitees reisen also Schwester Michael aus dem Orden der wandelnden Nonnen an – eine schweigsame Frau mit Erfahrung in Krankenpflege – und die englische Krankenschwester Lib Wright, eine 29jährige Witwe, die von der legendären Florence Nightingale ausgebildet wurde und während des Krimkriegs im Militärkrankenhaus im türkischen Scutari gearbeitet hat. 

Der sachlichen-nüchternen Skeptikerin Lib ist der naive, von Aberglauben durchsetzte Katholizismus der irischen Landbevölkerung ebenso unheimlich wie zuwider. Von ihr ist garantiert kein „Gefälligkeitsgutachten“ zu erwarten. Sie glaubt aufgrund von Schicksalsschlägen und ihrer Arbeit nicht einmal mehr an Gott. Der menschliche Körper ist aus Libs Sicht eine Art Maschine, die Nahrung braucht um zu funktionieren. Mit Wundern und anderem religiösen Klimbim braucht man ihr gar nicht erst zu kommen. Hysterie oder Humbug – etwas anderes kann ihrer Meinung nach nicht hinter Annas Fasten stecken.

Die beiden Krankenpflegerinnen werden im selben schäbigen Gasthof untergebracht, haben einander aber nicht viel zu sagen. Die Nonne redet sowieso nicht viel, und Lib sitzt auf einem ziemlich hohen Ross. Armut, exzessive Religiosität, Unbildung und rustikale Manieren – das alles stößt sie ab. Aber mit etwas Glück, denkt sie, hat sie die Scharlatanerie in ein, zwei Tagen aufgedeckt und darf wieder in das englische Spital zurückehren, in dem sie sonst arbeitet.

Für Betrug zu schlicht gestrickt

Doch so einfach, wie Lib sich das vorstellt, wird es nicht. Die O’Donnells sind einfache Bauern und zu schlicht gestrickt, um so einen ausgeklügelten Schwindel inszenieren zu können. Und die kluge und aufgeweckte Anna scheint felsenfest davon überzeugt zu sein, wirklich nur von drei Löffeln Wasser am Tag existieren zu können. Zwar zeigt sie deutliche Zeichen von Unterernährung, aber wenn sie tatsächlich vier Monate lang nichts zu sich genommen hätte, wäre sie längst tot.

Mit der professionellen Distanz gegenüber ihrer Patientin ist es bei Lib schnell vorbei. Auch wenn sie sich dagegen wehrt: sie schließt die clevere Kleine schnell ins Herz. Doch weder kann sie sie des heimlichen Essens überführen noch kann sie sie dazu überreden, das Fasten aufzugeben.

Wenn das alles ein Betrug ist und dieser nicht von der tief gläubigen Anna ausgeht, wer hätte Interesse daran und wäre schlau genug, das Mädchen entsprechend zu manipulieren? Lib kann weit und breit keine*n Verdächtige*n entdecken, denn in punkto Intelligenz steckt Anna die gesamte Gemeinde locker in die Tasche. Wenn man nur wüsste, weshalb Anna fastet! Sie müsse sich hingeben, sagt die Kleine und wimmelt weitere Fragen mit der altklugen Bemerkung ab, das sei privat. 

Eine Skeptikerin allein auf weiter Flur

Leider hat Lib niemanden, mit dem sie diesen vertrackten Fall auf Augenhöhe diskutieren könnte. Schwester Michael zieht sich auf ihren Gehorsam zurück und meint, sie seien nur zum Beobachten hergekommen und nicht um sich einzumischen. Der Dorfdoktor, ein Mitglied des Komitees, ist ein Totalausfall. Er will nicht mal die augenfälligsten Anzeichen für Unterernährung und Schwäche bei Anna sehen. Gott wird schon wissen, was er tut, meint er. Vielleicht ernährt Anna sich ja von Licht oder Gerüchen oder verwandelt sich in ein Reptil. – Grundgütiger!

Verstärkung mit Intelligenz, Bildung und einer Portion Skepsis naht in Gestalt des Reporters William Byrne. Er soll für seine Zeitung über das Fastenmädchen berichten. Nach anfänglichem Misstrauen wird er Libs engster Vertrauter und Verbündeter.

Jede Krankheit hat eine Geschichte, sagt sich Lib, und das gilt auch für Annas Zustand. Doch je mehr sie über die O’Donnells herausfindet, desto schlechter geht es Anna. Kann sie jetzt nicht mehr heimlich essen, weil sie rund um die Uhr überwacht wird? Will sie wirklich sterben? Warum? Ist sie durch einen dramatischen Vorfall in der Familie traumatisiert? Lib fragt und fragt, doch es bringt nichts. Anna mauert und die Familie und das übrige Umfeld reagieren auf ihre Nachforschungen aggressiv. 

Lib muss schnell handeln – aber wie?

Geht’s eigentlich jedem nur um seine eigenen kleinlichen Interessen? Denkt niemand an das Kind? Anna wird täglich kränker und schwächer und alle nehmen das gleichgültig hin. Lib weiß, dass sie schnell handeln muss, wenn sie das Mädchen retten will. Aber was könnte sie tun?

Die Geschichte ist gleichermaßen spannend wie herzzerreißend. Zusammen mit Lib spielt der Leser sämtliche Möglichkeiten durch, wie Anna unter diesen Bedingungen am Leben bleiben kann und fragt sich, was hier der Plan ist und wer die Fäden zieht.

Wenn haarsträubender Aberglaube, zerstörerische Passivität und naive Gottergebenheit das Wesen der Religion sind, möchte man als Leser*in sofort vom Glauben abfallen, sofern man einen hat. Interessant sind die diesbezüglichen Dialoge zwischen ungläubigen Krankenschwester Lib und dem ebenso kritischen, aber nach wie vor dem katholischen Glauben zugeneigten Journalisten William Byrne.

Die arme Anna ist ein Opfer der Umstände: Klug genug, um sich Gedanken zu machen, die sich in ihrem Umfeld sonst keiner macht, aber zu jung und zu wenig gebildet um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Noch dazu ist sie umgeben von lauter Leuten, die nicht einmal in der Lage wären, zu begreifen, was läuft, wenn es sie interessieren würde.

Ein überraschender Schluss

Der Schluss überrascht. Die Lösung liegt schon irgendwie in der Luft, und doch rechnet man nicht damit. Ein bisschen schnell geht das ganze auch. Dennoch: DAS WUNDER bietet packende Unterhaltung mit Sinn und Verstand – und gewährt uns einen Einblick in eine Zeit und eine Gesellschaft, die einen das Gruseln lehrt.

Die Autorin

Seit ihrem 23. Lebensjahr schreibt Emma Donoghue Romane, literaturgeschichtliche Werke, Märchen, Kurzgeschichten, Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher. Mit dem auch verfilmten Roman »Raum« wurde sie zur internationalen Bestsellerautorin. Emma Donoghue lebt mit ihrer Partnerin und ihren beiden Kindern in Kanada.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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