Klaus Hackländer: Er ist da. Der Wolf kehrt zurück

Klaus Hackländer: Er ist da. Der Wolf kehrt zurück, Salzburg 2020, Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, ISBN 978-3-7110-0258-7, Hardcover, 224 Seiten mit zahlreichen Graphiken, Karten sowie Fotos in Farbe und s/w, Vorwort: Tobias Moretti, Format: 18 x 2 x 24,1 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 18,99.

Abb.: © Ecowin Verlag

„Viele fürchten den Wolf. Doch wie gefährlich sind Wölfe wirklich? – Äußerst gefährlich! Für Rehe, Wildschweine, Schafe, Ziegen, sogar Biber und Murmeltiere. Für Menschen hingegen sind Wölfe keine besondere Bedrohung.“ (Seite 29)

Jetzt, da der Wolf wieder zurück ist in Mitteleuropa, stellt sich eine alte Frage neu: Wie können Menschen mit großen Beutegreifern friedlich zusammenleben? – Darum geht es in diesem Buch. Es ist nur am Rande ein „Tierbuch“, das uns schildert, wie Wölfe in der freien Wildbahn leben.

Fragen und Antworten zum Thema „Wolf“

Nach dem Muster der FAQs (Frequently Asked Questions), wie wir sie von Internetseiten kennen, stellt der Autor 39 Fragen rund um die Koexistenz mit dem Wolf, die er in kurzen Beiträgen (2 bis 7 Seiten) sachlich und stichhaltig beantwortet. Erfreulicherweise gibt es hier kein Fachchinesisch. Klaus Hackländer, der einen Lehrstuhl für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft innehat, drückt sich wunderbar verständlich aus. Man muss also weder Biologie studiert haben noch einen Jagdschein besitzen, um seinen Ausführungen folgen zu können. Fotos, Karten, Graphiken und Tabellen veranschaulichen die Informationen zusätzlich. Wichtige Textstellen sind optisch hervorgehoben.

Abb.: © Ecowin Verlag / Foto: E. Nebel
Abb.: © Ecowin Verlag / Foto: E. Nebel

Wir erfahren, wieso der Wolf bei uns ein Imageproblem hat und dass dies in anderen Kulturen ganz anders ist. Wir spüren der Frage nach, wie es eigentlich kommt, dass der Wolf in viele Regionen Europas zurückkommt, nachdem man ihn dort vor rund 200 Jahren grausam ausgerottet hat. Dass dies im Artenschutz begründet liegt, leuchtet ein. Dass auch der Wegfall des Eisernen Vorhangs die Wanderschaft der Wölfe begünstigt, hat man vielleicht nicht so auf dem Schirm. 

Es gibt hier eine Menge Fakten, bei denen man denkt: „Interessant – und eigentlich logisch! Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

Kommt der Wolf, geht der Bauer

Da der Autor in Österreich lebt und das Buch auch in einem österreichischen Verlag erschienen ist, fragt er sich natürlich vordringlich, was die Wolfszuwanderung für dieses Land bedeutet. Warum gefällt es den Tieren dort so gut? Nun, hier finden sie alles, was sie für ein glückliches Wolfsleben brauchen: viel Wald, Regionen mit dünner Besiedlung und ein gutes Nahrungsangebot. Es schließt sich gleich die Frage an, was so ein Wolf eigentlich frisst. Schafe? Auch, ja. Aber in erster Linie Rehe, Hirsche, Wildschweine, Mufflons, Hasen … Nutztiere spielen bei seiner Ernährung eine untergeordnete Rolle, aber es kommt natürlich vor. Und das hat Auswirkungen auf die Landwirtschaft. „Kommt der Wolf, geht der Bauer“, sagt ein Sprichwort.

Bestimmte Formen der Landwirtschaft werden unrentabel, wenn man auch noch den Schutz der Nutztiere vor dem Wolf organisieren und bezahlen muss. Vor allem für die Almwirtschaft wird’s kritisch. Wenn der Wolf durch die Gegend streift, kann man die Tiere nicht längere Zeit sich selbst überlassen. Da braucht man Hirten, Hütehunde und Zäune, und das ist teuer. Werden die Almen deshalb nach und nach aufgegeben, verändert sich die Landschaft. Der Wald holt sich das Weideland zurück, was wiederum Einfluss auf die Artenvielfalt hat – und auch auf den Tourismus. So hängt alles mit allem zusammen.

Wölfe gehen ins Geld

„Wölfe gibt es nicht gratis“, schreibt der Autor. „Wo Wölfe unterwegs sind, werden Landwirte und die Gesellschaft zur Kasse gebeten.“ (Seite 100). Und Kosten fallen jede Menge an: Schutzmaßnahmen, Verluste, Folgeschäden, Schadensersatzzahlungen, Aufbau und Betrieb von Wolfsmonitoring, Beratungen, Rissanalyse und die Finanzierung wissenschaftlicher Arbeiten … „In Frankreich hat man eine Rechnung aufgestellt (…) demnach belaufen sich die Kosten auf 80.000,– Euro. Pro Wolf, pro Jahr.“ (Seite 102). Das muss man wollen. Und das muss man sich erst einmal leisten können.

Woher weiß man, ob ein Wolf, ein Hund oder ein anderes Raubtier ein Tier gerissen hat? Kann man Wölfen beibringen, Weidetiere in Ruhe zu lassen? Kann man sie „vergrämen“? Ist vielleicht die Jagd auf Wölfe ein gutes Mittel, um Schäden an Nutztieren zu verhindern? Warum sind illegale Wolfstötungen ein Problem? Und wer tut so etwas?

Eine Lösung, mit der alle zufrieden sind?

Was ist eigentlich am Wolf so speziell, dass wir uns mit ihm herumärgern? Für die naturkundliche Betrachtung, sagt der Autor, sind Wölfe eine eher langweilige Art. Und wenn wir befänden, dass das alles nicht der Mühe wert ist, würden wir die Wölfe denn wieder los, möglichst ohne zu so rabiaten Mitteln greifen zu müssen wie unsere Vorfahren es getan haben? Oder könnte vielleicht der Schutz der Wölfe so modifiziert werden, dass alle zufrieden sind. Klaus Hackländer glaubt nicht daran: „Die Auffassungsunterschiede zwischen Wolfsschützern und vom Wolf geschädigten Nutztierhaltern, zwischen Naturromantikern und geängstigten Bewohnern von Wolfsgebieten sind groß. Jede Art von Wolfsmanagement kann daher nur ein Kompromiss sein.“ (Seite 181)

Da haben wir uns offenbar eine echte Herausforderung eingefangen. Wer trotz all der geschilderten Konflikte und Problematiken vom Wolf fasziniert ist, erfährt hier auch, wo man Wölfe beobachten kann – und was man tun und lassen sollte, wenn man, so unwahrscheinlich es ist, plötzlich Aug’ in Aug’ einem wilden Wolf gegenübersteht.

Faszinierendes Fakten-Feuerwerk

Weil dieses Buch eine Vielzahl von kurzen Kapiteln enthält, hat man das Gefühl, ein wahres Feuerwerk an interessanten Fakten zu erleben. Man bekommt Antworten auf Fragen, auf die man gar nie gekommen wäre, man lernt eine Menge, begreift Zusammenhänge und muss schwer an sich halten, um fortan nicht alle Mitmenschen mit spannenden Wolfs-Informationen zuzutexten. 😀 

Die einzelnen Kapitel sind ziemlich eigenständig. Man könnte also durchaus hergehen und sich gezielt bestimmte Themen herauspicken und manche überspringen. Wenn Informationen aus anderen Buchkapiteln für das Verständnis notwendig sind, verweist der Autor an Ort und Stelle darauf. Ich habe den Band von Anfang bis Ende durchgelesen, wie man das eben so macht, und festgestellt, dass sich da doch so manches wiederholt. Das muss kein Fehler sein. Wiederholen hat beim Dazulernen noch nie geschadet.

Was mich ziemlich aus dem Konzept gebracht hat, war die Schreibweise des Wortes „Geschoss“. Konsequent ist hier von „Geschoß“ bzw. „Geschoßen“ die Rede. So anhaltend kann man sich nicht irren, dachte ich, und habe gegoogelt. In Deutschland wäre diese Schreibweise falsch, in Österreich ist sie korrekt. Wieder was gelernt!

Abb.: © Ecowin Verlag / Foto: E. Nebel

Es ist schon einigermaßen erstaunlich, dass es eine fesselnde, aufschlussreiche und stellenweise amüsante Lektüre ergibt, wenn man die Themen „Natur“, „Wirtschaft“ und „Statistik“ nur klug genug mischt. Das grenzt schon an Alchemie! Klaus Hackländer ist dieses Kunststück geglückt.

Der Autor

Dr. rer. nat. Klaus Hackländer, geb. 1970 in Mannheim, ist Leiter des Instituts für Integrative Biologie und Biodiversitätsforschung an der Universität für Bodenkultur Wien. Dort hat er den Lehrstuhl für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft inne. Er ist Berater zahlreicher Institutionen im Bereich Natur und Jagd.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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