Greg Howard: Ein Flüstern im Wind (ab 11 J.)

Greg Howard: Ein Flüstern im Wind (ab 11 J.), OT: The Whispers, aus dem Englischen von Beate Schäfer, München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, Reihe Hanser, ISBN 978-3-423-64072-5, Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten, Format: 14,1 x 2,5 x 21,6 cm, Buch: EUR 14,95 (D), EUR 15,40 (A), Kindle: EUR 12,99.

Abb.: (c) dtv

„Wenn sie sämtliche Geheimnisse des Universums kennen, müssen sie auch wissen, wo Mama ist. Ich frage mich, ob es ein Frevel ist, meine Gebete statt an Gott an die Flüsterer zu richten. Eine Menge Leute haben wegen Mama zu Gott gebetet. (…) Aber anscheinend hat er furchtbar viel zu tun oder ist in Urlaub oder so, jedenfalls hat das Beten rein gar nichts geholfen.“ (Seite 46)

Der elfjährige Riley James lebt in einem kleinen ländlichen Ort in South Carolina und hat mehr als nur ein Problem. Er ist Bettnässer. Er findet Jungs aufregender als Mädchen. Mit seinem Vater und seinem älteren Bruder Danny kommt er nicht klar. Und er vermisst seine Mutter Carolyn. Die ist vor vier Monaten spurlos verschwunden. Unbekannte Männer im weißen Auto haben sie am helllichten Tag entführt, und kein Mensch macht Anstalten, sie wiederzufinden! 

Frank Harvey, „der dämlichste Kripo-Beamte der Welt“ (Seite 17), der Riley wieder und wieder nach seinen Erinnerungen an jenen Tag befragt, ist offenbar nicht imstande, den Fall zu klären. Ihn, Riley, hat er in Verdacht! Ihren eigenen Sohn! Ist es zu fassen?

Riley sucht seine vermisste Mutter

Wenn Riley seine Mutter wiederfinden will, wird er sie wohl selber suchen müssen. Auf seine Familie kann er dabei nicht zählen. Sein Vater kann ihn nicht mal mehr ansehen, seit Mama verschwunden ist. Vielleicht, weil er ihr so ähnlich sieht. Sein Bruder hält ihn sowieso für bekloppt, und seine Großeltern ertragen es nicht mal, wenn man den Namen ihrer Tochter erwähnt. 

Also zieht Riley mit seinem Hund Tucker alleine los. Sein Schulfreund Gary, der notgedrungen seinen kleinen Bruder Carl im Schlepptau hat, begleitet ihn. Angeblich wollen sie am Waldrand zelten. In Wahrheit wollen sie tief in den Wald hinein und die „Flüsterer“ befragen, blau schimmernde, elfengleiche Wesen, die den Menschen gegen eine angemessene Opfergabe ihre Herzenswünsche erfüllen. Das hat Carolyn, Rileys Mutter jedenfalls immer ihren Kindern erzählt.

Eine phantasievolle Frau

Carolyn ist offenbar eine sehr phantasievolle Frau, die tolle Geschichten erfindet, ihren Kindern selbst ausgedachte Lieder vorsingt und sich auch für kindliche Albernheiten nicht zu schade ist, wie zum Beispiel einen Maisfeld-Chor zu dirigieren:

„Der Alt klingt ein bisschen schwach, findest du nicht, Mama?“, sage ich.
„Die geben schon, was sie können, Button.“ Sie steht direkt neben mir, mit einer Hand dirigiert sie, die andere liegt auf ihrer Hüfte. „Barbara Jean hat eine schlimme Erkältung.“ Sie zeigt auf einen welken Maishalm in der ersten Reihe und wir kichern.
(Seite 39)

Und sie diskutiert mit Riley – Danny hat daran kein Interesse – spielerisch das „Wort des Tages“ aus einem entsprechenden Kalender. Und so hat der Schüler, so kindlich er manchmal wirken mag, einen enorm „erwachsenen“ Wortschatz.

Schwul in bigotter Umgebung

Und jetzt dieses tolle Frau verschwunden und drei Jungs plus Hund suchen sie nachts im Wald. Eher zufällig schließt sich ihnen der Nachbarssohn Dylan Mathews, 13 an, Rileys heimlicher Schwarm. Na ja, ganz so heimlich ist das wohl nicht mehr. Auch wenn Riley selbst seine Gefühle noch nicht so recht einordnen kann, die bigotte Dorftratschen, Schwester Grimes, hat es längst erkannt: Carolyns Jüngster ist nicht nur ein bisschen seltsam, er ist auch noch schwul! Und wenn Schwester Grimes das weiß, dann weiß es auch die gesamte Kirchengemeinde und der ganze Ort.

Es ist schon übel, wenn man in so einem engstirnigen Umfeld aufwächst und dann mit der Mutter auch noch die einzige Verbündete verliert, die man je hatte! Mama hätte sicher damit umgehen können, dass Riley sich immer wieder in Jungs verliebt.

Allein bei den Flüsterern

Vor lauter Kummer merkt Riley gar nicht, wie gut es seine Kumpels mit ihm meinen. Keiner von ihnen glaubt an die Flüsterer, allen ist klar, dass er seine Mutter niemals finden wird, und dennoch begleiten sie ihn in den Wald – weil es ihm wichtig ist und weil sie ihm zur Seite stehen wollen.

Trotzdem steht er aus verschiedenen Gründen am Schluss den Flüsterern allein gegenüber. Werden sie seine Opfergaben akzeptieren und ihn zu seiner Mama führen? Oder hat er ihnen nicht genügend zu bieten und muss, wie es in Carolyns Geschichte immer heißt, mit seiner Seele bezahlen? Das hat er eigentlich nicht vor.

Als die Situation haarig wird, naht Hilfe von unerwarteter Seite. Und danach ist in Rileys Leben nichts mehr so, wie es war …

Es ist keine Märchenwelt!

Ich hatte keine Ahnung, was mich in diesem Buch erwartet. Die Inhaltsangabe klang nach Freundschaft, Abenteuer, Erwachsenwerden und einer Prise Magie und hat mich ein bisschen an den Film „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ erinnert. Es war dann ein bisschen von allem – und darüber hinaus noch die Story eines einsamen Jungen, der sich jetzt seiner sexuellen Präferenz bewusst ist. Wie seine frömmlerische Umgebung darüber denkt, weiß er allerdings auch.

Was die Suche nach Rileys Mutter angeht: Da habe ich den Fehler gemacht, erst das ganze „Drumherum“ (Dank und Nachbemerkung) zu lesen, ehe ich mit dem eigentlichen Roman angefangen habe. Das mache ich immer so, aber in diesem Fall sollte man es bleiben lassen, weil man sonst zu früh ahnt, was vor sich geht, und dass Riley dem „unfähigen Dorfsheriff“ Frank Harvey bitter Unrecht tut. Man fragt sich, wie der Junge wohl reagiert, wenn ihn die Erkenntnis mit voller Wucht trifft. Beziehungsweise, wenn er sie zulässt.

Zum Lachen und zum Weinen

EIN FLÜSTERN IM WIND ist ein Buch zum Lachen und zum Weinen. Und mir war wieder mal nicht bewusst, dass ich hier ein Kinderbuch lese. Es gefällt also auch Erwachsenen – vielleicht sogar besser als der angepeilten Zielgruppe. Ich glaub’, mit elf hätte mich Riley mit seinem naiven Kinderglauben an die Flüsterer maßlos aufgeregt. Wie kann er nur so einen Unsinn glauben, wo er doch andererseits so erwachsen wirkt? Dass er sich verzweifelt an diesen Glauben klammert, weil er darin die einzige Hoffnung sieht, seine Mutter wiederzufinden, hätte ich wahrscheinlich in diesem Alter noch nicht verstanden. 

Ich denke, das ist wieder eines der Bücher, die man als Erwachsener zuerst lesen sollte, ehe man es einem Kind gibt, das man gut kennt. So kann man am ehesten beurteilen, ob der/die junge Leser*in damit wohl etwas anfangen kann.

Der Autor

Greg Howard wuchs in Georgetown, South Carolina, in einer streng religiösen Familie auf. Er flüchtete sich in die Kunst: in die Musik, ins Schauspiel und ins Schreiben. Nachdem er sich in Nashville, Tennessee, niedergelassen hatte, konzentrierte er sich aufs Schreiben für Jugendliche und Kinder. Greg Howard lebt mit seinem Ehemann Steve in Nashville. www.greghowardauthor.com

Die Übersetzerin

Beate Schäfer studierte Germanistik, Geschichte und Amerikanistik. Sie arbeitete lange Zeit als Verlagslektorin. Inzwischen lebt sie als Übersetzerin, freie Lektorin und Schreibpädagogin in München.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.