Malin Klingenberg: Elchtage. Roman (ab 11 Jahre)

Malin Klingenberg: Elchtage. Roman (ab 11 Jahre), OT: Älgflickan, aus dem Schwedischen von Anu Stohner, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, Reihe Hanser, ISBN 978-3-423-64076-3, Hardcover, 224 Seiten, Format: 14,4 x 2,2 x 21,5 cm, Buch: EUR 13,95, Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) dtv / Hanser

„Ich merkte überrascht, dass ich die blöde Geschichte vollkommen vergessen hatte. In letzter Zeit war einfach viel zu viel passiert, als dass ich daran noch einen Gedanken verschwendet hätte. Six, Amanda und Sebastian, die ganze Sache mit den Elchen, Isabella – was interessierten mich da erfundene Afrikareisen?“ (Seite 142)

Schweden nach den Sommerferien: Teenager Johanna versteht die Welt nicht mehr: Im letzten Schuljahr war noch alles in Ordnung zwischen ihrer besten Freundin Sandra und ihr. Sie haben fast jede freie Minute miteinander verbracht, und die meiste Zeit davon im Wald in ein einer gemütlich eingerichteten Hütte, die ihre Verwandten ihnen gebaut haben, als noch klein waren. 

Hier würde ja kein Mensch Kinder bzw. Teenager allein in einer einsamen und nicht einmal vernünftig abschließbaren Waldhütte übernachten lassen. Vielleicht ist das in weniger dicht besiedelten Gegenden Skandinaviens anders. Die Mädchen scheinen jedenfalls von Frühling bis in den Herbst dort quasi zu wohnen.

Vom Naturkind zur Tussi in 14 Tagen

In den Sommerferien nun war Sandra mit ihren Eltern verreist, und seit ihrer Rückkehr ist sie wie verwandelt. Aus dem Naturkind ist quasi über Nacht eine Glitzertussi geworden, die jetzt, in der siebten Klasse, lieber mit aufgedonnerten Zicken wie Lusse und Viktoria und deren Fanclub abhängt als mit Johanna durch den Wald zu stromern. Das ist Sandra auf einmal zu mickrig und langweilig. Johanna hat also ihre beste Freundin verloren.

Sich ebenfalls bei der Zickenclique anzuwanzen, kommt für Johanna nicht in Frage. Das ist ihr viel zu albern, das ist nicht ihr Stil. Sie käme sich dämlich vor, mit den Wimpern zu klimpern und im Rudel den Achtklässler Sebastian anzuschmachten. Der ist in ihren Augen zwar ganz okay aber nichts Besonders. Für Johanna ist er nichts weiter als der freundliche Cousin von Klassenkameradin Amanda. Deswegen kommt sie ganz zwanglos mit ihm ins Gespräch – und die Zicken platzen fast vor Eifersucht.

Johanna ist das egal. Sie ist erstaunlich abgeklärt für ihr Alter. Was andere von ihr denken, juckt sie nicht. Sie trägt Jeans und Holzfällerhemden und zieht die Natur der Gesellschaft von Menschen vor. Wem das nicht passt, der soll den Abflug machen und sie in Ruhe lassen. Wenn Sandra sich neuerdings zu fein ist für den Wald und die Hütte, geht sie eben alleine hin. Dann muss sie schon keine Kompromisse machen. 

Wie zähmt man einen Elch?

Statt menschlicher Freunde findet sie tierische: Zwei Elchkühe kommen in die Nähe ihrer Hütte, lassen sich mit Popcorn anlocken und sich sogar streicheln. Kann man einen Elch so weit zähmen, dass man auf ihm reiten kann? Ob sie wohl auf Klickertraining ansprechen wie Tante Paulas Hunde? 

Johanna beschließt, sich in das Thema einzuarbeiten und lernt bei ihren Recherchen die Tierschützerin Isabella kennen. Auch wenn Johanna Tierfreundin und Vegetarierin ist und immer wieder mit ihren Eltern – beide passionierte Jäger – über das Thema „Jagd“ streitet – die ebenso radikale wie dominante Isabella geht ihr auf die Nerven. Leute, die ständig übertreiben müssen, kann sie einfach nicht ertragen.

Leicht schadenfroh muss sie immer wieder daran denken, dass Sandra ihren neuen Freundinnen vorgeflunkert hat, in den Herbstferien mit ihrer Familie nach Afrika zu reisen und dort auf Safari zu gehen. Spätestens nach den Ferien werden Lusse und ihr Fanclub Urlaubsfotos sehen wollen – und dann fliegt der Schwindel auf und Sandra ist bei denen unten durch. Tja, das hat sie dann davon!

Ein wunderbar unkomplizierter Typ

Wie herrlich normal und unkompliziert ist da doch Sixten, ein Junge, den Johanna beim Einkaufen kennenlernt. Mit ihm lässt sich so wunderbar herumblödeln! Er ist lustig, er ist sympathisch und er sieht auch noch gut aus. Nur wirklich in die Karten schauen lässt er sich nicht. Wenn er so alt ist wie Johanna und hier in der Gegend wohnt, müsste er doch zur Schule gehen – und es gibt hier nur die eine. Da hat ihn Johanna aber noch nie gesehen. Seine Antworten auf ihre Fragen bleiben jedoch seltsam vage.

Dann steht die Elchjagd an und Johanna muss um ihre tierischen Freunde fürchten. Die sind auf einmal verschwunden. Tierschützerin Isabella kommt mit beunruhigenden Nachrichten, unheimliche Gestalten tauchen im Wald auf, und auch ihr neuer Freund Six(ten) treibt sich auf einmal nachts dort herum. Offenbar versteht er mehr von Elchen als ihr erzählt hat. 

Was weiß Six über die Vorgänge im Wald? Wohin sind die Elche so plötzlich verschwunden? Wie kann man verhindern, dass die Jagdgesellschaft sie erwischt? Oder sind die Tiere schon längst anderen finsteren Machenschaften zum Opfer gefallen?

Johanna und die Zickenclique

Die Schulszenen sind der Brüller. Johanna und die Zickenclique! Sowas amüsiert mich heute noch genauso wie seinerzeit die Streitereien in den Mädchenbüchern von Enid Blyton („Hanni und Nanni“, „Dolly“). Ich würde mich übrigens nicht wundern, wenn junge Leserinnen nach diesem Buch von einer eigenen einsamen Hütte im Wald träumen. Und von der Zähmung wilder Elche.

Inwieweit die Elchgeschichte realistisch ist, kann ich nicht beurteilen. Ich nehme an, dass man die Tiere bis zu einem gewissen Grad zähmen kann, wenn sie in menschlicher Obhut aufgewachsen sind. Bei erwachsenen Wildtieren kann ich das nicht so recht glauben. Aber ich bin keine Expertin. Selbst wenn die Tiergeschichte hier leicht märchenhafte Züge haben sollte: Sie ist wirklich wunderschön.

Der Schluss im Buch kommt etwas abrupt daher, als hätte die Autorin festgestellt: „Huch, nur noch 20 Seiten und noch so viel zu erzählen!“ Vielleicht hat sie wirklich zu viele Themen auf zu wenigen Seiten abhandeln wollen: Pubertät, (verlorene) Freundschaft, Cliquenbildung, erste Liebe, die Liebe zur Natur, Tierschutz, Scheidungskinder, dysfunktionale Familien … und hinten raus wird’s dann knapp und sie kann nicht mehr alles zufriedenstellend abwickeln. 

Ein paar Fragen hätt’ ich noch …

Was wird jetzt aus den Elchen? Funktioniert der Plan? Und vor allem: Was wird aus Six? Der muss sich jetzt weiter so durchwursteln, bis er volljährig ist? Das kann doch nicht angehen! Da muss sich doch jemand kümmern! Das fand ich total unbefriedigend. Ich glaube auch nicht, dass da noch eine Fortsetzung kommt, die die losen Enden festzurrt. 

Die eigenwillige Heldin ist klasse (wenn auch sehr erwachsen). Sie dürfte vor allem solchen Leserinnen gefallen, die mit typischen Mädchenthemen und elitären Zickencliquen auch nichts anfangen können. Und die Waldhütte als Refugium ist ein Traum! Nur das Ende, wie gesagt, lässt für meinen Geschmack zu vieles offen. 

Die Autorin

Malin Klingenberg, geboren 1979, gehört zur schwedischsprachigen Minderheit in Finnland. Sie schreibt sehr erfolgreich für Kinder und wurde u. a. mit dem Runeberg Junior-Preis ausgezeichnet. ›Elchtage‹ ist ihr erstes Jugendbuch.

Die Übersetzerin

Anu Stohner, geboren 1952 in Helsinki, lebt als Übersetzerin und Autorin in Altlußheim. Für ihre Übersetzungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. In der Reihe Hanser sind zuletzt der von ihr übersetzte Roman »Elchtage« von Malin Klingenberg sowie »Die kleine Schusselhexe greift ein« mit Bildern von Henrike Wilson erschienen.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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