Carla Berling: Was nicht glücklich macht, kann weg. Roman

Carla Berling: Was nicht glücklich macht, kann weg. Roman, München 2021, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42492-0, Klappenbroschur, 286 Seiten, Format: 11,7 x 2,6 x 18,4 cm, Buch: EUR 10,99 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch und Multimedia-CD erhältlich.

Abb.: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„Geht es, dass ihr für eine Weile in mein Haus zieht und euch um August kümmert? Er kommt nach den Ferien in die Schule, dann ist er den halben Tag aus dem Haus …“
(…) „Selbstverständlich, Jonas. Du kannst dich natürlich auf uns verlassen. (…) Wann brauchst du uns?“
„Nächste Woche.“
(Seite 9/10)

Ihr Leben lang hat die Buchhalterin Sibylle „Billie“ Berthold, 55, geglaubt, es liege an ihr, dass sie sich mit Beziehungen schwertut. Freunde hat sie keine, ihre Ehe mit Tischlermeister Thilo, 62, hat gerade noch so die Kurve gekriegt und ihr Sohn Jonas, 30, spricht seit rund zehn Jahren nicht mehr mit ihr.

Als Billie noch klein war, hatte man sie spüren lassen, dass sie als uneheliches Kind nicht gut genug war. Später hat sie aus Angst vor Zurückweisung alle Situationen gemieden, in denen persönliche Kontakte hätten entstehen können. Gut, dass Thilo sich damals beim Kennenlernen von ihrer reservierten Art nicht hat abschrecken lassen!

Familiäre Funkstille

Ihr Sohn Jonas trägt das Herz auch nicht auf der Zunge, weshalb Billie bis heute nicht weiß, warum er damals Knall auf Fall den Kontakt abgebrochen und seine Eltern von seiner Hochzeit, der Geburt seines Sohnes und dem Tod seiner Frau lediglich per Karte informiert hat.

Jetzt allerdings braucht Jonas ihre Hilfe. Sein Arbeitgeber schickt ihn für ein halbes Jahr nach London, aber sein Sohn August soll in Deutschland eingeschult werden. Freunde hat Jonas schon, aber keinem von ihnen möchte er für so lange Zeit die Verantwortung für seinen Sohn übertragen. In deren Alltag passt kein kleines Kind. Seine Eltern dagegen haben Zeit. Sie sind, egal was man sonst von ihnen halten mag, zwei fitte Vorruheständler, die es nicht wagen werden, nein zu sagen, wenn er sie bittet, vorübergehend nach Köln zu ziehen und sich um ihren Enkel zu kümmern.

Allein mit dem fremden Kind

Papa Thilo ist sofort Feuer und Flamme. Er hat ein Faible für Köln und den Karneval. Billie freut sich, ihrem Sohn helfen zu können, aber da sie schüchtern ist und weder flexibel noch spontan, fürchtet sie sich auch vor den Veränderungen. Sie, die Landpomeranze aus Krudhof-Oederort passt doch gar nicht nach Köln! Aber natürlich kommen die beiden der dringenden Bitte ihres Sohnes nach.

Die Übergabe von Haus, Garten und Kind erfolgt kühl und geschäftsmäßig. Und dann ist Jonas fort und die Großeltern allein mit dem Enkel, den sie praktisch nicht kennen. Obwohl … „allein“ stimmt nicht so ganz! Da ist die Haushaltshilfe Anna, jung, nett, zuverlässig aber entsetzlich vulgär zurechtgemacht. Billie verpasst ihr den Spitznamen „Timo“. Die Erklärung dafür steht im Buch. 😀 Da ist Elfie, das 130-kg-Energiebündel, Bestatter-Gattin und Betreiberin eines Tierfriedhofs. Sie ist gewissermaßen die „Chefin“ des kleinen August: Er begleitet manchmal die Feierlichkeiten einer Tierbestattung musikalisch auf der Blockflöte.

Von der Kölner Clique adoptiert

Elfie und ihr Mann haben ein ganzes Geschwader an Freunden, das die Bertholds einfach „adoptiert“: der smarte Musiker Charly, der etwas ungeschlachte Tierpräparator Gus, die freundliche Floristin Gitta, die schon so manchen Schicksalsschlag wegstecken musste und die Schneiderin/Gewandmeisterin Wio, eine äußerst auffallende Erscheinung.

Für die schüchterne Billie bedeutet dieses laute, bunte und fröhliche Völkchen einen regelrechten Kulturschock. Sie kommen einfach unangemeldet vorbei, stellen hemmungslos indiskrete Fragen und schleppen die Bertholds zu allen möglichen Veranstaltungen mit. Sie verstehen es zu feiern (Augusts Einschulung! Die improvisierte Grillparty mit dem wirkungsvollen Nachtisch!) und sie sind sofort zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Was deutlich wird, als Billie überraschend ins Krankenhaus muss.

Emotionale Distanz

Gegen ihren Willen schließt Billie die Clique ins Herz. Und nun graust ihr vor dem Tag, an dem Jonas wieder aus England zurückkehrt und ihre Aufgabe hier erledigt ist. Dann müssen sie zurück nach Krudhof zu ihren spießig-verbiesterten Nachbar:innen und sind weit weg von Enkel August und ihren neuen Freunden. Vielleicht ist es doch besser, sich emotional gar nicht so sehr auf die Kölner einzulassen, auch nicht auf den Enkel. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit!

Was ist eigentlich Jonas‘ Problem?

Billie treibt die Frage um, wer August betreuen soll, wenn sie wieder in Krudhof sind, denn auch in Deutschland muss Jonas ja ganztags arbeiten. Die Haushaltshilfe ist lieb, aber sie wird ihm kaum bei den Hausaufgaben helfen können. Die Leser:innen beschäftigt etwas anderes: Wer oder was hat Jonas Berthold vor zehn Jahren dazu bewogen, den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen? Er hat keiner Menschenseele je den Grund verraten, auch seiner Frau nicht, die unter dem Zerwürfnis gelitten hat.

Bei Billie und Thilo ist die Angst vor der „Wahrheit“ im Lauf der Jahre ins Unermessliche gewachsen. Lieber erdulden sie das Schweigen und die Ungewissheit als ihren Sohn nach seinen Beweggründen zu fragen. Die Kölner Freunde des Paares sind da weniger zurückhaltend. Ausgerechnet an Weihnachten bringen sie dieses heikle Thema aufs Tapet. Welche Bombe wird jetzt platzen? Werden Bertholds ihren Sohn und ihren Enkel nun endgültig verlieren? Und wie verkraftet es der Kleine, wenn ihm jetzt schon wieder wichtige Bezugspersonen abhandenkommen?

Kulturclash und Entfremdung

„Humor-Kracher“ steht auf der Rückseite des Covers. Hm. Ich sehe hier eher einen großen Spagat zwischen einem ernsten Thema (Entfremdung innerhalb der Familie) und einer brüllkomischen Kulturclash-Geschichte (introvertiertes Landei trifft auf extrovertierte Kölner Clique). Die Leser:innen werden emotional mächtig hin- und her geschleudert zwischen tragischen, sehr berührenden Momenten sowie Szenen und Formulierungen, die einen laut loslachen lassen. Wenn man auf Billies Nachbarn in Krudhof-Oederort trifft, sollte man besser nicht gerade in der Bahn oder im vollen Wartezimmer einer Arztpraxis sitzen, denn wenn man beim Lesen kichert, schauen die Leute immer so komisch. So witzig, wie Billie diese unerfreulichen Begegnungen auch schildert – niemand von uns würde in dieser NachbARSCHaft wohnen wollen!

Wo ungefähr Jonas‘ Problem mit seinen Eltern – insbesondere mit seiner Mutter – liegt, habe ich recht bald geahnt. Dass er seinen Groll so lange Jahre gepflegt hat und die Geschichte angesichts viel schlimmerer Ereignisse nie relativieren konnte, nehme ich ihm übel. Das ist nachtragend, kleinlich und nicht sehr erwachsen.

Berührend, komisch und klug

Ich habe mit Billie mitgefühlt. Der unkonventionelle Kölner Freundeskreis hätte mich genauso überfordert wie sie. Ich habe mit ihr mitgelitten, als sie sich nicht getraut hat, mit ihrem Sohn zu sprechen, habe laut gelacht über die Einblicke in ihre Ehe und ihren Alltag, über ihre Kommentare zur Haushaltshilfe und über den Renovierungswahn ihres Gatten. Ich dachte, der wird doch nicht allen Ernstes ungefragt …?! Und auch so Kleinigkeiten wie Billies spontane Kosten-Nutzen-Rechnung angesichts Jonas‘ hochschnöseliger Kaffeemaschine sind zum Piepen.

Hier kann man sich über Beobachtungen, Beschreibungen und Bemerkungen amüsieren, ohne das Gefühl zu haben, nur platte Albernheiten konsumiert zu haben. Es gibt hier nämlich auch viel Kluges: Hören wir auf Charly und packen wir das Glück beim Schopf! Verplempern wir keine Zeit, denn das Leben ist endlich. Reden wir mit den Menschen statt über sie! Und wenn wir irgendwo partout keinen Anschluss finden, sind nicht zwangsläufig wir selbst das Problem. Vielleicht passt einfach das Umfeld nicht.

Die Autorin

Carla Berling, Ostwestfälin mit rheinländischem Temperament, lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Krimi-Reihe um Ira Wittekind landete sie auf Anhieb einen Erfolg als Selfpublisherin. Bevor sie Bücher schrieb, arbeitete Carla Berling jahrelang als Lokalreporterin und Pressefotografin. Sie tourt außerdem regelmäßig mit ihren Romanen durch große und kleine Städte.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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