Melanie Metzenthin: Die Hafenschwester. Als wir an die Zukunft glaubten, Roman, Band 3 von 3

Melanie Metzenthin: Die Hafenschwester. Als wir an die Zukunft glaubten, Roman, Band 3 von 3, München 2021, Diana Verlag, ISBN 978-3-453-29246-8, Klappenbroschur, 703 Seiten, Format: 13,7 x 5,5 x 20,7 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 11,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) Diana-Verlag

Die Kinder der Hafenschwester

Der dritte und letzte Band der Hafenschwester-Reihe beginnt im Jahr 1923 und endet 1955. Es geht hier weniger um die Helden der beiden Vorgängerbände – die Hamburger Krankenschwester und engagierte Sozialdemokratin Martha Studt und ihren Mann, den kriegsversehrten Ingenieur Paul -, sondern um deren drei Kinder.

Die Werte, die man Rudolf, Alfred und Ella Studt daheim vorgelebt hat, sind nicht kompatibel mit dem aufkommenden politischen Zeitgeist. Wie die drei versuchen zu überleben, ohne ihre Ideale zu verraten und inwieweit ihnen das gelingt, schildert dieser Roman.

Die 700 Seiten sind ein ganz schöner Brocken, aber es ist so viel los in dieser Geschichte, dass man sich ruckzuck durchgefräst hat und am Schluss denkt: Ach, schon zu Ende? Schade!

Rudi fühlt sich zurückgesetzt

Darum geht’s: Irgendwie scheint Rudi, das älteste der Studt-Kinder, nie verkraftet zu haben, dass ihn seine jüngeren Geschwister als „Prinz“ entthront haben. Permanent fühlt er sich zurückgesetzt und zu kurz gekommen und hat den Eindruck, der langweilige Fredi und die hübsche Ella würden bevorzugt.

Dass Rudi Jura studiert, hat auch mit dieser familiären Situation zu tun. Als er diese Idee mal beiläufig erwähnt hat, waren seine Eltern so begeistert, dass er dabei geblieben ist, obwohl ihn die Materie gar nicht interessiert. Endlich sind sie mal stolz auf ihn! Das legt sich aber schnell, denn der Herr Student treibt sich mit zwielichtigen Zeitgenossen herum und v*gelt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das führt zu einem handfesten Skandal und Rudi muss die Uni verlassen. 

In Berlin könnte er weiterstudieren, allerdings fehlen seinen Eltern dafür die nötigen finanziellen Mittel. Es sei denn, sie gäben Rudi das Geld, das sie für Ellas Medizinstudium zur Seite gelegt haben und er würde es ihr zurückzahlen, sobald er etwas verdient. Dann könnte sie studieren. Um diese Wartezeit zu überbrücken, könnte sie ja eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Um des lieben Familienfriedens willen stimmt Ella zähneknirschend zu, bezweifelt aber, dass das klappt.

Gleichberechtigung? Nö.

Der mittlere Bruder, Fredi, will zum Glück nicht studieren. Er schlägt die Polizeilaufbahn ein, lernt die Näherin Henny kennen und schmiedet alsbald Heiratspläne. Weil Fredi auf Hochzeit und Hausstand spart, muss er daheim auch kein Kostgeld abgeben – im Gegensatz zu Ella. Sie subventioniert quasi das Leben ihrer Brüder. Ihre Familie redet zwar viel von Gleichberechtigung, aber an der praktischen Umsetzung hapert’s.

Fassungslos staunend erlebt Fredi mit, wie Kollegen, die er bislang für ganz normal und anständig gehalten hat, auf einmal krude rassistische Thesen vertreten. Er findet das abstoßend, ist aber so schlau, das für sich zu behalten. Anwalt Rudi dagegen hält sich für unbesiegbar und legt sich mit Leuten von der NSDAP an. Dies und die Tatsache, dass er mit einer Schauspielerin jüdischer Abstammung liiert ist ruft die SA auf den Plan. 

Ein Pakt mit dem Teufel

Rudi landet in KZ und um ihn zu befreien, geht Fredi einen Pakt mit dem Teufel ein. Er tritt in die Partei ein und macht parallel dazu gemeinsame Sache mit der Kiezgröße Joseph Kellermann, um Rudi und dessen Schwiegerfamilie eine Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen. Dabei bleibt es nicht. Bald versorgen Joseph und er eine Vielzahl politisch Verfolgter mit falschen Papieren. Mit von der Partie: Fredis Cousine Lilli Westphal, die taffe Tochter von Kapitän Heinrich Westphal und dessen chinesischer Frau Li-Ming.

Und Ella? Die muss noch ganz schön lange auf ihr berufliches Weiterkommen warten. Rudi denkt nämlich gar nicht daran, ihr das Geld, das er ihr schuldet, zurückzuzahlen. Der Typ ist echt unglaublich!

Ein todsicherer Plan

Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Fredis politisches Doppelleben auffliegt. Und bei Verrat versteht die Partei keinen Spaß. Doch Cousine Lilli, hart und pragmatisch wie ihre Mutter, hat einen angeblich todsicheren Plan. Und der sollte besser schnell funktionieren …!

Ja, die Homo sapiense sind schon sehr unzulänglich! Aus Gedankenlosigkeit und Egoismus fügen sie einander Schaden zu (Rudi/Ella), aus Dummheit oder Naivität gefährden sie sich und andere (Rudis Schwiegereltern, Fredis Nachbar und vor allem der Musiker Siegmund Bromberg, der viel zu weltfremd ist, um zu erkennen, was für seine Retter und ihn auf dem Spiel steht). Und es fällt ihnen schwer, zu verstehen, dass der alte Freund, der nette Kollege, der liebevolle Familienvater oder der charmante Liebhaber auch zu unfassbaren Gräueltaten fähig ist. Wie die „helle“ und die „dunkle“ Seite eines Menschen nebeneinander existieren können, ist auch kaum zu begreifen.

Wird alles immer schlimmer?

Auch die Menschen, die für eine gute und gerechte Sache eintreten, sehen sich auf einmal zu Aktionen genötigt, die denen der Gegenseite an Brutalität und Grausamkeit kaum nachstehen. Wir verstehen warum es Martha und ihrer Familie zunehmend schwer fällt, an eine bessere Zukunft zu glauben.

„Immer, wenn ich glaubte, das Leben wird besser und einfacher, wurde alles noch schrecklicher.“ – „Ja“, sagte Moritz. „Aber irgendwann wird es wieder besser.“ (Seite 569)

Doch nicht für alle tritt diese Prophezeiung von Marthas altem Freund ein.

Manche Passagen sind schwer zu ertragen. Die KZ- und Folterszenen, zum Beispiel oder die Bombardierung der Stadt, aber darum kommt man bei diesem Thema einfach nicht herum. Die inneren und äußeren Konflikte und die Entwicklung der Figuren sind überaus spannend. Und wie aus stinknormalen Leuten Folterknechte und noch Schlimmeres werden konnten, sehen wir hier auch.

Kleine Leute in schwierigen Zeiten

„(…) Ich hatte mir vorgenommen, anhand von Marthas Familiengeschichte ein zeitgeschichtliches Bild von der Weimarer Republik über die Schrecken des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs bis zum Beginn des Wirtschaftswunders zu zeichnen“, schreibt die Autorin im Nachwort. „Meine Protagonisten stehen für viele kleine Leute, die in schwierigen Zeiten das Richtige getan haben.“ (Seite 698)

Dieses Vorhaben ist der Autorin geglückt. Ich werde die Familie Studt vermissen: die lebenskluge Martha, die unerschütterliche Li-Ming, den gewieften Fredi und seine lange unterschätzte Frau sowie so unverzichtbare Nebenfiguren wie den schlitzohrigen Geschäftsmann Joseph Kellermann. Und natürlich Papagei Lora. Die Trauung von Fredi und Henny hat der Vogel ja zu einem schönen Spektakel gemacht! 

Die Autorin

Melanie Metzenthin lebt in Hamburg, arbeitet als Fachärztin für Psychiatrie und wurde mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet. Mit der Vergangenheit ihrer Heimatstadt fühlt sie sich ebenso verbunden wie mit der Geschichte der Medizin, was in vielen ihrer Romane zum Ausdruck kommt. »Die Hafenschwester. Als wir an die Zukunft glaubten« ist der dritte Band einer Serie um die Krankenschwester Martha.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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